Zeitung Heute : Trotz des 1:3 träumt Jamaika noch

MARTIN HÄGELE

NANTES .Ob Torhüter Warren Barrett immer noch an die Geschichte glaubt, mit der für alle Zeiten das Märchen des jamaikanischen Fußballs beginnt.Wie die Nationalmannschaft eines Nachts am Strand von Montego Bay spazierenging - und plötzlich hielt der Trainer Rene Simoes eine Andacht: "Ich habe sie gefragt, wie ihnen der Himmel gefiel, und sie fanden ihn wunderschön.Das lag daran, daß so viele Sterne zusammen funkelten.Und ich habe ihnen erklärt, daß ein Stern allein nie effektvoll und schön wirken würde." Auf dem Weg zurück ins Trainingsquartier nach Kingston haben die Spieler damals alle geträumt.Von einem Inferno aus Pfeifen, Tröten und Trommeln in einer französischen Fußball-Arena.Und sie, die "Reggae Boyz", mittendrin in dieser gewaltigen Freude.

Als Warren Barrett Sonntag nacht nach oben geguckt hat, strahlte nichts am Firmament, über Lens zogen graue Regenwolken auf.Es war auch ziemlich ruhig hinter seinem Kasten.Die tausendköpfige Band, die nach dem ersten jamaikanischen WM-Tor losgelegt hatte, als sei Bob Marley noch einmal zurückgekehrt und der Gottvater des Reggae schaukle seine Jungs persönlich zum Sieg - sie schwieg schon längst.Sie hatten schon in der 53.Minute und mit dem 2:1 von Robert Prosinecki ihren Drive verloren, nach dem 3:1 durch Davor Suker war das Konzert vorbei.Doch Barrett hofft weiter: "Wieso sollen wir nicht Weltmeister werden", fragte der Torwart.Denn wenn irgendwo alles möglich sei, dann beim Fußball.

Lauter Träumer.Auch Fitzroy Simpson ist noch nicht vom Glauben abgefallen, obwohl der sonst beim FC Portsmouth kickt und in England nicht so viel Karibiksonne und Sternen-Himmel abbekommen hat."Wenn man sich vorstellt, was passiert wäre, wenn Dean Burton nur Sekunden nach dem 1:2 der Ausgleich gelingt", so Simpson.Aber nun muß ausgerechnet der einzige Klassemann - Burton verdient sein Geld nicht ohne Grund bei Derby County - "noch eine Millionmal davon träumen, wie er diese Kopfballchance vergeben hat."

Vermutlich bleibt es den Argentiniern vorbehalten, die Rastafari-Männer aus Phantasia-Land zurückzuholen.Jamaikas große Phase dauerte nur deshalb 23 Minuten, weil sofort nach dem Ausgleichstreffer zum 1:1 eine gute Viertelstunde lang der Ball Ruhe hatte.Das Kopfball-Tor durch Robert Earle war der erste lichte Moment der Jamaikaner gewesen, und nur weil Stopper Stimac auch noch zum zweitenmal ähnlich geschlafen hatte, bot sich Burton nach acht Minuten im zweiten Abschnitt noch einmal eine solch große Möglichkeit.

Für Folklore-Freunde mag diese Meinung traurig klingen, nachdem die Halbzeitpause und die kurze Spanne danach allerhöchsten Unterhaltungswert geboten hatten.Sie können am lautesten singen, am schönsten mit den Brüsten wippen und am innigsten beten.Doch irgendwann werden auch die Mitglieder dieser freundlichen und äußerst symphatischen Glaubensgemeinschaft erkennen müssen, daß das Fußball-Paradies ein anderer Saal im Himmel ist als der vom Lieben Gott.

WM-Niveau erreichen nur ein paar der eingebürgerten und aus England zurückgeholten Jamaikaner.Vom Spielaufbau und konditionell ist das Karibik-Team wohl allen 31 Mannschaften unterlegen.Die Trikotfarben sollen auf die brasilianische Fußball-Verwandtschaft schließen lassen.Doch schon bald nach dem Einlaufen, wobei sie die Bälle auf Kopf und Fuß tanzen ließen, entpuppten sich die vermeintlichen Jongleure schnell als Jünger der britischen Kick-and-rush-Bewegung.

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