Zeitung Heute : Trotz in Damaskus

Syrien hat ein „nationales Interesse“ daran, dass die USA den Irak-Krieg verlieren

Andrea Nüsse[Amman]

Der Krieg der Worte zwischen Syrien und den USA ist eröffnet. Der syrische Präsident Baschar al Assad hatte vorhergesagt, dass die USA auch nach einem Sieg im Irak mit dem Widerstand des Volkes zu rechnen hätten. Dies sind Prophezeihungen, die angesichts des von den USA nicht erwarteten irakischen Widerstandes auch im Westen zu hören sind. Am meisten verärgert hat Washington daher wohl Assads Bemerkung, er hoffe, dass die USA mit ihrem Vorhaben, Saddam Hussein zu verjagen, scheitern würden. Am gleichen Tag rief der Mufti von Syrien, Scheich Ahmed Kaftaro, Muslime „überall“ zu Selbstmordanschlägen gegen die „Aggressoren“ auf. Die Antwort aus Washington ließ nicht auf sich warten. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld warf Syrien vor, Militärmaterial in den Irak zu liefern. Dies sei ein „feindlicher Akt“. Syrien wies diese Vorwürfe zurück. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, warf den USA vor, solche unbewiesenen Beschuldigungen „heizen die Lage nur an“.

„Historischer Scheideweg“

Am Sonntag ging der Schlagabtausch zwischen US-Außenminister Colin Powell und seinem syrischen Amtskollegen Farouk al Schara weiter. Der Syrer beschuldigte Washington, die Amerikaner in eine „Katastrophe“ zu führen, indem sie sich mit der internationalen Gemeinschaft überwerfen. Al Schara sprach von einem „historischen Scheideweg“, an dem sich die arabische Welt angesichts der Invasion eines Bruderstaates befinde. „Es ist im nationalen Interesse Syriens, dass die Invasoren aus dem Irak vertrieben werden.“ Powell drohte Syrien mit Konsequenzen, falls es die „direkte Unterstützung für terroristische Gruppen“ und Saddams Regime fortsetze.

Zuletzt befanden sich Syrien und die USA in einer direkten Konfrontation, als beide Staaten militärisch in den libanesischen Bürgerkrieg eingriffen. Die syrische Unterstützung für die Hisbollah im Südlibanon, die in der arabischen Welt als Widerstandsorganisation gesehen wird, ist den Amerikanern bis heute ein Dorn im Auge. Syrien steht auf der amerikanischen Liste der Länder, die den Terrorismus unterstützen. Allerdings kommt Damaskus nicht auf der „Achse des Bösen“ von George W. Bush vor. Dennoch schließt selbst der syrische Präsident nicht aus, dass der nächste amerikanische Angriffskrieg sich gegen Syrien richten könnte.

Dabei hatten sich im Vorfeld des Krieges beide Seiten zurückgehalten. So hatte Bush persönlich den Vorschlag des US-Kongresses, wirtschaftliche Sanktionen gegen Syrien zu verhängen, zurückgewiesen. Syrien, das derzeit als einziges arabisches Land im UN-Sicherheitsrat sitzt, hatte der Resolution 1441 zur Entwaffnung Iraks zugestimmt. Dies war in der arabischen Welt als Verrat angesehen worden. Syrien hatte die Entscheidung damit gerechtfertigt, dass es Garantien erhalten habe, dass damit ein Krieg vermieden werden könne. Das Regime unter Assad bemühte sich, seine Beziehungen zum Westen zu verbessern. Der Besuch Assads in London vor wenigen Monaten zeugte davon. Gleichzeitig verbesserte er seine Beziehungen zum Irak, mit dem das Land seit dem Iran-Irak-Krieg zerstritten war. Syrien profitierte davon, indem der Irak 150 000 bis 200 000 Fass Rohöl täglich durch eine alte Pipeline nach Syrien lieferte.

Diese Annäherung sollte aber auch dazu dienen, Syriens Gewicht als Regionalmacht in den Augen des Westens zu erhöhen. Seit klar war, das die Amerikaner auf jeden Fall in den Krieg ziehen wollen, hat Syrien in der Arabischen Liga die Front der Ablehner angeführt. Die harte Haltung Assads hat ihm nicht nur innenpolitisch Aufwind verschafft. Er wird mittlerweile auch von gemäßigten Islamisten in der arabischen Welt als Held angesehen. Dennoch halten es arabische Beobachter für sehr unwahrscheinlich, dass Syrien seit Kriegsausbruch Militärmaterial nach Irak liefert. Das Regime werde sich hüten, den USA einen solchen Vorwand für ein Vorgehen gegen Syrien zu bieten.

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