Zeitung Heute : Trotz Trauer

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Bessere Behandlung von Depressionen

Hartmut Wewetzer

Vor allem in Amerika haben Studien Aufsehen erregt, nach denen Medikamente gegen Depressionen bei niedergeschlagenen Kindern und Jugendlichen die geistige Nähe zum Selbstmord verstärken können. Manche Jugendliche „probieren“, indem sie sich die Haut ritzen, andere spielen mit dem Gedanken, sich umzubringen. „Suizidalität“ nennen das die Nervenärzte. Nun müssen in den USA alle Schachteln mit Antidepressiva einen Warnaufdruck enthalten, der auf die Gefahr erhöhter Suizidalität durch die Wirkstoffe hinweist.

Arzneimittel, die Lebensmüden wieder Mut machen sollen, und die im ungünstigsten Fall das Gegenteil bewirken - das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Der Grund liegt darin, dass antidepressiv wirkende Mittel zunächst den Antrieb beleben und erst später die Stimmung heben. Das heißt, dass zwar die Lähmung des Patienten beendet wird, die Laune aber noch im Keller ist. Und plötzlich setzt der Patient den Gedanken an den Freitod in die Tat um. Aus diesem Grund müssen depressive Patienten vor allem in den ersten Wochen einer Therapie besonders gut betreut werden. Denn in dieser Zeit, in der die Medikamente noch nicht vollständig wirken, kann die Selbstmordgefahr besonders groß sein.

Allerdings sind Nervenärzte davon überzeugt, dass dieser Schattenseite der Antidepressiva ein viel größerer Nutzen gegenübersteht. „Diese Medikamente senken in den meisten Fällen das Selbstmordrisiko“, sagt Isabella Heuser von der Berliner Charité. „Wenn wir sie nicht hätten, würden sich viel mehr Menschen umbringen.“

Diese Auffassung wird durch eine neue Untersuchung bestätigt, die Forscher der Universität von Kalifornien in Los Angeles im Fachblatt „Nature Reviews Drug Discovery“ veröffentlicht haben. Bei einer Analyse amerikanischer Statistiken fanden sie heraus, dass die Selbstmordraten von 1960 bis 1988 stetig anstiegen, um seit diesem Jahr deutlich abzufallen – 1988 wurden die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingeführt, eine neue, besser verträgliche Gruppe von Antidepressiva. Einiges spricht also dafür, dass diese Mittel den Trend umkehrten, weil sie von den Ärzten lieber verschrieben und von den Patienten leichter toleriert wurden.

Die Forscher befürchten, dass die lebhafte Diskussion um die Nebenwirkungen der Medikamente mehr Schaden als Nutzen haben könnte. Denn wer depressiv ist und sich nicht behandeln lässt, geht ein größeres Risiko ein als jemand, der die Medikamente einnimmt. „Der allergrößte Teil derjenigen, die sich das Leben nehmen, wurde ein Opfer unbehandelter Depressionen“, sagt Julio Licinio, einer der an der Studie beteiligten Wissenschaftler. Er weist darauf hin, dass im Blut von Selbstmördern in weniger als 20 Prozent der Fälle Spuren von Antidepressiva gefunden wurden. Für Licinio ein klarer Hinweis darauf, dass die Mehrzahl der Suizidopfer niemals eine wirksame Therapie bekam – obwohl eine Depression der Hauptgrund für Menschen ist, sich umzubringen. Und obwohl Hilfe möglich ist.

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