Zeitung Heute : Trotzdem leihen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Haben Biblio- und Videothekare eigentlich einen Erziehungsauftrag? Sie verfügen über große Mengen von Bildungs- und Verdummungsgütern und sollten auf jeden Fall das eine vom anderen unterscheiden können – aber dürfen Biblio- und Videothekare ihre Kenntnisse zum Wohle der Kundschaft selbiger auch aufzwingen?

Als ich zum ersten Mal ganz allein eine Bibliothek aufsuchte, war ich zehn und zunächst sehr begeistert. In einer dunklen Ecke fand ich einen großen Stapel Armeerundschauen. Die Armeerundschau war eine der wenigen DDR-Zeitschriften, in denen immer mal eine Frau ohne was an abgebildet war, zum Wohle der Rekruten, versteht sich. In den Bibliotheksexemplaren waren die Nacktbilder allesamt rausgerissen, ich ahnte nichts von ihnen. Mir gefielen die Panzerbilder ganz außerordentlich und die von den Kriegsflugzeugen auch. Das mag daran gelegen haben, dass meine Eltern jegliches Kriegsspielzeug verachteten und verboten.

Ich trug so viele Armeerundschauen mit Panzerbildern zum Bibliothekstresen, wie ich tragen konnte. Die Bibliothekarin sah mich streng an und schwindelte staatsvergessen und erziehungsbewusst: „So was dürfen Kinder noch nicht ausleihen. Schau, dort drüben, die Bücher mit den Tieren unseres Waldes, die solltest du dir mal ansehen.“

Die Videothek, die meiner Wohnung am nächsten ist, hält was auf sich. Unter T stehen die Tarkowski-Filme, unter W die von Andrzej Wajda, statt einer Sexfilmabteilung gibt es ein Raumschiff-Enterprise-Regal. Außerdem gibt es einen Videothekar, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Er ist Österreicher und bestimmt sehr einsam. Auf Ersteres deutet sein Dialekt hin, auf Letzteres seine Filmahnung sowie seine Art, selbige vor allem jene spüren zu lassen, die sich minderwertige Filme ausleihen. Schöne junge Frauen schüchtert er so ein: „Ah wohs, so a’n Hugh-Grant-Mist wühst? Da konni dir Sachan empfehlan, die sich off dem sö’bm niedrig’n Niveau bewegan.“ Er meint es gut. Er kennt bestimmt viele Filme, die sich auf Hugh-Grant-Niveau bewegen, und er würde sie den jungen Frauen alle aufzählen. Aber das wollen die jungen Frauen nicht. Sie wollen nur schnell weg. Als ich mir neulich „Punch-Drunk Love“ ausleihen wollte, dachte ich: Da wird er nichts gegen haben, das war kein Blockbuster.

„Punch-Drunk Love – wos wühst dann mit so a’n Mist?! Da gibt’s doch Bess’res“, donnerte er.

Die anderen Kunden guckten mich an, als hätte ich einen Sex-mit-Haustieren-Film verlangt (vielleicht zeugte ihr Blick auch nur von ihrer Angst, selbst den falschen Film zu wählen). Das machte mir nichts, ich bin inzwischen alt genug, ich lieh Punch-Drunk Love aus und muss sagen: ein wunderbarer Film. Hat zwar nichts mit der Verantwortung von Biblio- und Videothekaren für ihre Kundschaft zu tun, aber egal: ein wunderbarer Film.

Nun muss ich unbedingt mal in die Bibliothek gehen und mir alte Armeerundschauen ausleihen. Vielleicht hatte die warnende Bibliothekarin ja auch nicht recht.

Lassen Sie sich nicht beirren, leihen Sie sich auch Punch-Drunk Love aus. Alle Armeerundschauen (1956-1990) hat die Staatsbibliothek aufgehoben .

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