Tschüss Deutschland : Die Zukunft – nebenan? Von Gerd Appenzeller

Von schneller Auffassungsgabe ist die deutsche Politik nicht. Zwei Jahrzehnte lang hat sie, auf jeden Fall und vor allem in der CDU und der CSU, vehement bestritten, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei, obwohl ein einfacher Anruf beim Statistischen Bundesamt Klarheit hätte schaffen können. Jetzt teilt diese Behörde Zahlen mit, die den Schluss nahelegen: Die Bundesrepublik ist zwar nach wie vor Einwanderungsland, aber sie ist auch zum Auswanderungsland geworden. Das muss niemanden alarmieren, Auswanderung ist kein Kainsmal. Aber so marginal, dass man es gar nicht zur Kenntnis nehmen darf, ist es nun wieder auch nicht.

Woran liegt es, dass mehr als 155 000 Deutsche im vergangenen Jahr ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben – ob auf Dauer oder nur vorübergehend, weiß niemand genau. Diese Entwicklung kam nicht überraschend. Die Emigration deutscher Staatsbürger hat schon seit drei Jahren ein Niveau erreicht wie nie zuvor seit 1954. Und obwohl man die Zahlen nach der Wiedervereinigung aus statistischen Gründen nicht mit denen zuvor eins zu eins vergleichen kann, ist doch klar: Hier hat sich etwas verändert.

Eine Erklärung liegt auf der Hand. Es gibt in Deutschland zu wenig Arbeit, und die jungen, beweglichen, gut ausgebildeten Bundesbürger ergeben sich nicht einem tristen Hartz-IV-Schicksal, sondern suchen jenseits der Grenzen eine Beschäftigung. Dass die Schweiz und Österreich, neben den USA, die bevorzugten Zielgebiete sind, spricht für diese These. Vor allem in der Schweiz sind die Arbeitszeiten länger, die Urlaube kürzer, die Steuerlasten niedriger und die Löhne höher. Dass diese Kombination die Eidgenossenschaft für junge Deutsche besonders attraktiv macht, sollte unsere Sozial- und Tarifpolitiker nachdenklich stimmen.

Auch die wachsende Mobilität der Deutschen lässt sie ins Ausland blicken. Durch das Erasmus-Stipendienprogramm der Europäischen Union haben seit 1987 mehr als 1,5 Millionen junge Europäer im Ausland studieren können. Jedes Jahr nutzen 22 000 deutsche Studenten diese Chance. Was liegt näher, als später auch einmal – zumindest vorübergehend – dort zu arbeiten, wo man während eines Hochschuljahres angenehme Menschen kennengelernt hat? Fordern wir diese Flexibilität und Weltoffenheit nicht immer von der jungen Generation? Und natürlich gilt: Wer die Niederlande, Spanien oder Irland einmal aus der Nähe erlebt hat, mag manche deutsche Überregulierung und bürokratische Pedanterie nicht mehr ertragen. Auch jenseits der Grenzen findet man nicht sofort Festanstellungen, sondern gibt sich mit Zeitverträgen zufrieden. Aber wenn alles leichter geht, passt auch das zusammen und fügt sich aneinander. Und es ist allemal besser, als in Deutschlands nichts zu tun.

Es gibt freilich einen Punkt, an dem diese durchaus positive Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, für die deutsche Gesellschaft insgesamt ins Negative umschlagen kann. Dann nämlich, wenn die gut Ausgebildeten das Land auf Dauer verlassen, gleichzeitig aber die Integration der zweiten und dritten Einwanderergeneration nicht gelingt. Für das Erste gibt es noch keine starken Indizien, für das Zweite hingegen alarmierende Belege. Viele Deutsche kehren nach einigen Jahren vermutlich wieder zurück, wenn sich ihre Heimat dann als zukunftsfähig für die junge Generation erweist – was sie heute nur begrenzt ist. Die Kinder der oft schon vor Jahrzehnten als Gastarbeiter oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommenen Zuwanderer aber werden in jedem Fall hierbleiben. Sie sind Opfer einer doppelten Tragödie. In der alten Heimat ihrer Eltern fänden sie keinen Anschluss mehr, hier aber gelten sie, weil vielfach sprachunfähig und bildungsunlustig, als Entwurzelte.

Einwanderung und Auswanderung haben direkt nichts miteinander zu tun. Da sowohl das eine als auch das andere aber die deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik trifft und betrifft, sind beide gefordert. Es ist einfach nicht zu begreifen, warum anderen europäischen Staaten die Integration von Migranten und die Modernisierung und Flexibilisierung von Arbeitsmarkt und Gesellschaft so viel besser gelingt als den Deutschen.

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