Zeitung Heute : Türkei: Wenn sich Touristen im Trojanischen Pferd verstecken

Hans-Dieter Kley

Das sind sie also, die sagenumwobenen Dardanellen. In einem Hafenlokal in Çanakkale lässt sich zu jeder Tageszeit der unablässige Fähr- und Durchgangsverkehr auf der engen Wasserstraße zwischen dem asiatischen und europäischen Kontinent verfolgen. Am Hellespont, wie die schmale Verbindung zwischen Mittelmeer und Marmarameer im Altertum genannt wurde, geht es heute friedlich zu, doch hüben wie drüben erinnern Festungen und Gedenkstätten an die Osmanenzeit oder an Schlachten des Ersten Weltkriegs, als den Dardanellen höchste strategische Bedeutung zukam.

Alexander der Große begann hier im Jahr 334 vor unserer Zeitrechnung seinen Eroberungsfeldzug durch Kleinasien. Im nahegelegenen Troja weihte er einen Tempel zu Ehren der homerischen Helden. Der Kampf um die Stadt des Priamos hat sich wahrscheinlich rund 900 Jahre vor Alexanders Besuch ereignet. Mehr als 1000 Jahre zuvor waren die Hügel von Hissarlik bereits besiedelt.

Seit Heinrich Schliemanns sensationellen Ausgrabungen in Troja haben Archäologen verschiedener Nationen hier neun siedlungsgeschichtliche Hauptschichten festgestellt. Dem Laien freilich, der heute die Stätte besucht, erscheint der geschichtsträchtige und mythenreiche Ort als ein von Gräben und Gängen durchzogener Schuttplatz, der dem Auge und der Kamera weniger bietet als der Fantasie. Die persönliche Anschauung, auf die es dem Reisenden ankommt, erweckt hier weniger Gespür für die Geschichte als die Dichterworte Homers oder die Schatzfunde Schliemanns. Die beliebteste Bildstaffage für die zuweilen lärmenden Besucherscharen ist ein riesiges, zu Gruppenfotos einladendes hölzernes Pferd. Das Ministerium für Kultur und Tourismus in Ankara wollte damit offenbar dem Massengeschmack gerecht werden.

In der Nähe des Grabungsfeldes steht eine Zementfabrik, haben sich ein Feriendorf und Campingplätze angesiedelt. Der Bau einer breiten Straße durch die Kulturlandschaft der Troas, dem westlichen Anatolien, konnte nur mit Mühe gestoppt werden. Ärchäologen und Historiker sprachen sich dafür aus, Troja zu einem historischen Nationalpark zu erklären, seit 1998 zählt die Fundstätte zum Weltkulturerbe der Unesco.

Nicht so alt wie Troja sind die antiken Troas-Städte Neandria, Alexandria und Chryse; sie stehen auf geschichtlich festerem Grund. Die Autofahrt über schmale, asphaltierte Seitenstraßen führt durch ärmlich-staubige Dörfer, durch hügelige Weizen- und Tomatenfelder. Von der Akropolis Neandrias schweift der Blick weit über Land und Meer. Chryse, unterhalb des malerisch gelegenen Dorfes Gülpinar, beeindruckt durch reich ornamentierte Relikte eines großen Apollo-Tempels. Das weite Ruinengelände von Alexandria Troas gibt eine Ahnung von dem Ausmaß der einstigen Großstadt; sie lebte von der Diadochen- bis zur Römerzeit in großem Wohlstand. Die Osmanen benutzen sie - wie auch andere Städte - als Steinbruch für die Prachtbauten der Sultane in Istanbul. Etliche Marmorquader versanken beim Verladen und sind heute noch auf dem Meeresgrund zu finden.

Die Küste der Troas und der Dardanellen bietet keine "Traumstrände" wie der Südwesten Anatoliens. Das Wasser ist eher gelblich getrübt als türkisfarben, fast immer weht ein kräftiger Wind. Die Besitzer der Campingplätze und kleineren Gasthäuser, meist Heimkehrer aus Westeuropa, dürften kaum auf ihre Kosten kommen, sollten sie ausschließlich auf Touristen warten.

Durch eine raue, von Felsbrocken und Macchia bedeckte Landschaft steuern wir Assos an. Schon aus der Ferne ist der markierte Basaltsockel mit dem Dorf Behramkale zu sehen. Die Akropolis liegt am Südhang, hoch über dem Meer. Im Altertum galt Assos als die schönste Griechenstadt Kleinasiens.

Sofort ist man gefangen von der großartigen Lage und der Urtümlichkeit, von dem Blick auf die Insel Lesbos und die Ägäis. Sonnenuntergang und Mondaufgang kann man an diesem Ort gleichzeitig erleben, dann vergisst man die fragwürdigen Zementausbesserungen an den Säulen und Platten des dorischen Athena-Tempels. In den umliegenden Dörfern und auf Lesbos gehen die Lichter an, durch die Dämmerung tuckern heimkehrende Fischerboote. Eine Serpentinenstraße führt hinunter zum Hafen. Seine Mole besteht größtenteils aus antiken Quadern und Säulenresten. Die Häuser der Fischer und die Freiluftrestaurants stehen dicht an dicht. Und weil Griechenland so nah ist, zeigt das Militär kräftig Flagge. Ein eiserner Wachturm verschandelt die Steilküste.

In hellenistischer Zeit war Assos als bedeutender Hafenort der Konkurrenz von Alexandria Troas unterlegen und zur Fabrikation von Sakophargen übergegangen. Von diesem Exportartikel sind noch zahlreiche Exemplare außerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer zu sehen. Aus dem Gemäuer schaut einen hier und da eine Eule, eine Kuh oder ein Esel an. Schüler Platos hatten in Assos eine Akademie gegründet, Aristoteles verbrachte hier drei Jahre seines Philosophenlebens. Heute ertönt hier wie allerorten in der Türkei der Gebetsruf des Muezzin, verstärkt durch einen scheppernden Lautsprecher am Minarett.

Werden nach Assos jemals so viele Besucher kommen wie nach Pergamon? Schon am Wege zu dieser Drei-Sterne-Sehenswürdigkeit locken die Schilder der Teppich- und Souvenirhändler in verschiedenene Sprachen. Aus dem Verkehrsgewühl der Unterstadt kriecht eine Fahrzeugschlange von Touristenbussen, Motorrädern, Wohnmobilen und Autos zum Burgberg hinaus. Dort herrscht in der Hauptreisesaison noch mehr Gedränge als in Troja oder Ephesus.

Auf dem engen Raum der Akropolis von Pergamon (Bergama) war unter den Attaliden, Nachkommen des Diadochen Lysimachos, so etwas wie ein zweites Athen entstanden. Der Berg ist gespickt mit Bauwerken verschiedener Epochen. Seine eindrucksvollste Anlage dürfte das Schwindel erregend steile griechische Theater sein. Als leidenschaftliche Leser und Kopisten waren der Pergamener von der Papyrusrolle zum Schreiben auf Tierhäuten, dem "Pergament", und damit zur Buchform übergegangen. Antonius brachte den gewaltigen Bücherbestand der Bibliothek als Hochzeitsgeschenk für Kleopatra nach Ägypten. Nach dem Untergang des römischen und byzanthinischen Reiches wanderten unermessliche Marmorschätze Pergamons in die Kalköfen.

Zufällig waren im 19. Jahrhundert dem beim Straßenbau beschäftigten rheinischen Ingenieur Carl Humann ein Reliefblock auf einem Bauernkarren aufgefallen. Humanns Nachforschungen führten zur Wiederentdeckung Pergamons, nach 1864 haben deutsche Archäologen die Ruinen freigelegt. Die wertvollsten Ausgrabungsfunde, wie der Zeus-Altar, wurden nach Berlin geschafft, wo sie im Pergamon-Museum zu besichtigen sind.

Die Grabungen und Restaurierungen in Pergamon werden bis heute fortgesetzt. In jüngster Zeit sah man dort Baukräne, Gabelstapler, Zementmischmaschinen, sogar Bagger im Einsatz. Bei der Rekonstruktion des Trajan-Tempels und Teilen des Asklepieions haben die deutschen Archäologen und ihre türkischen Kollegen anscheinend die strenge Schule ihrer Vorgänger hinter sich gelassen. Beim Anblick massiver Betonfüllungen erhebt sich nicht nur hier die Frage nach der Authentizität des Wiedererstellten.

Die Fachwelt spricht von Anastylose - die Verwendung unechten Materials wird in zunehmendem Maße praktiziert -, nicht zuletzt auf Bestreben der Regierungsbehörden im Ausgrabungsland; sie wird auch vor den Hainen Olympias nicht haltmachen. Was Anhängern der alten archäologischen Schule wie Effekthascherei und falscher Ehrgeiz erscheint, wird von vermeintlich Progressiven eher unter dem Aspekt "Man muss den Leuten etwas bieten" gesehen.

Vom Burgberg Pergamons blickt der Besucher auf das Asklepieion, einst eine Stätte der Gesundheitspflege und des gesellschaftlichen Beisammenseins, wie es gerade unter den Römern groß in Mode war. Zwischen den beiden archäologischen Zonen liegt ein riesiges Militärgelände, stehen tiefgestaffelt Kettenfahrzeuge und Lastwagen, werden Schießübungen abgehalten. Nicht weit davon das römische Theater, von türkischen Archäologen völlig neu erbaut und mit Bogenlampen ausgestattet, damit die Festspielbesucher nicht im Dunkeln sitzen.

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