Türkische Gefängnisinsel : Verschlusssache Öcalan

Das gibt es nur einmal auf der Welt: eine Haftanstalt, die nur einen Insassen hat. Tausend Soldaten bewachen die Gefängnisinsel, auf dem Meer patrouilliert die Marine. Seit zehn Jahren sitzt hier PKK-Chef Abdullah Öcalan. Jeden Mittwoch bekommt er Besuch

Susanne Güsten[Gemlik]
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Abgeschottet. Abduallah Öcalan bei seinem Prozess 1999. Seitdem hat ihn außer seinen Wärtern und Anwälten so gut wie niemand...

Um fünf Uhr morgens ist es selbst am Taksim noch still, auf dem zentralen Platz der sonst so quirligen Metropole Istanbul. Nur ein Auto wartet mit laufendem Motor am Straßenrand, bis der letzte Passagier aus der Dunkelheit aufgetaucht und mit einem verschlafenen Gruß zugestiegen ist. Dann fährt der staubgraue Renault los, ohne dass die Männer ein Wort über das Fahrtziel gewechselt hätten. Nur zu gut kennen sie den langen Weg, der vor ihnen liegt. Die Rechtsanwälte von PKK-Chef Abdullah Öcalan sind es, die wie jeden Mittwochmorgen zu ihrem wöchentlichen Besuchstermin auf der Gefängnisinsel Imrali aufbrechen – jeden Mittwochmorgen seit zehn Jahren, seit Öcalan am 15. Februar 1999 gefasst, gefesselt und auf die Insel Imrali verfrachtet wurde.

„Rojbas“, guten Morgen, wünscht Rechtsanwalt Ömer Günes seinen beiden Kollegen auf Kurdisch. Zwei Anwälte aus Istanbul sind heute mit von der Partie und einer aus dem südwesttürkischen Denizli – das ändert sich jede Woche, denn insgesamt wechseln sich fast 200 kurdische Rechtsanwälte aus der ganzen Türkei mit den Besuchen auf der Insel ab. Anwalt Aydin Oruc aus Denizli ist stolz darauf, dass Öcalan in zehn Jahren noch kein einziges Mal vergeblich gewartet hat. „Jede Woche ist jemand gefahren, zu jedem Termin. Und wenn der Termin verschoben wurde, dann sind wir eben noch mal gefahren“, sagt der Enddreißiger, der als Verteidiger schon an dem spektakulären Prozess auf Imrali teilgenommen hat, bei dem der PKK-Chef im Sommer 1999 zum Tode verurteilt wurde. Weil die Türkei wenig später die Todesstrafe abschaffte, ist Öcalan zehn Jahre später noch immer am Leben – und noch immer auf der Insel.

Besorgt blicken die Anwälte durch die Autofenster hinaus auf den dunklen Bosporus und versuchen die Schaumkronen zu deuten. „Das Meer war gestern ziemlich bewegt“, sagt Oruc. Ob die Anwälte am Besuchstag tatsächlich auf die Insel übersetzen können, das hängt immer auch vom Wetter ab – und vom Willen der Justiz- und Militärbehörden. „Bei Windstärken bis 4 lassen sie uns meist fahren“, sagt einer der Männer. „Ab Windstärke 5 wird es kritisch, obwohl man es nie weiß bei denen.“ Ob es klappt mit dem Besuchstermin, das erfahren die Anwälte immer erst bei Ankunft in dem Hafenstädtchen Gemlik am südlichen Ufer des Marmarameers.

Bis Gemlik ist es noch ein weiter Weg. Unter tiefschwarzem Nachthimmel saust der Renault über die hell erleuchtete Bosporusbrücke zur asiatischen Seite von Istanbul hinüber und sucht sich durch das verworrene Netz von Stadtautobahnen seinen Weg aus der Metropole. Eine nächtliche Polizeikontrolle ist noch zu passieren, und dann ist der Renault aus Istanbul heraus und nimmt Kurs auf das Marmarameer. Unterwegs erzählt Anwalt Ömer Günes vom Gefängnis auf Imrali, wo Öcalan von eintausend Soldaten bewacht wird. Die Marine patrouilliert in den Gewässern um Imrali, am Ufer sind Elitesoldaten mit Masken und Sturmgewehr rings um die Insel postiert. „Imrali wird nicht vom Justizministerium verwaltet, sondern untersteht direkt dem Krisenzentrum des Ministerpräsidentenamtes“, erklärt Günes. „Es ist das einzige Gefängnis der Welt, in dem nur ein einziger Gefangener lebt.“

Seinem Mandanten würden fast alle Rechte normaler Häftlinge verweigert, sagt Günes, Telefongespräche, Fernsehen, zum Teil auch Radio. Besuchen dürfen ihn nur seine Anwälte und seine Geschwister Havva, Fatma und Mehmet: die Anwälte wöchentlich eine Stunde, die Angehörigen alle 14 Tage eine Stunde lang. Ansonsten hat ihn – bis auf eine Delegation des Anti-Folter-Komitees vom Europarat und seine Wärter – kein Mensch mehr gesehen seit der Verurteilung vor zehn Jahren. Trotzdem sei Öcalan kein gebrochener Mann, sagen die Anwälte. „Wenn wir ihn besuchen, ist seine geistige Verfassung immer gut“, berichtet Günes. „Er hat an Energie und Entschlossenheit nichts verloren in all den Jahren.“

Noch vor Tagesanbruch erreicht der Renault das erste Etappenziel: den Golf von Izmit, den die Anwälte auf ihrem Weg nach Gemlik überqueren müssen. Im Hafen heulen die Schiffsmotoren im Leerlauf, während Lastwagen auf die Autofähren donnern. Der kleine Renault quetscht sich dazwischen. Während Seeleute die Taue einholen, steigen die Anwälte aus dem Wagen, um sich an Deck die Beine zu vertreten. Ömer Günes zieht im scharfen Seewind seinen Mantel um sich und überlegt, wie oft er die Überfahrt schon gemacht hat. „Ganz genau weiß ich es jetzt nicht, aber zu ungefähr 60 Besuchsterminen bin ich schon gefahren, vielleicht auch etwas mehr.“ Bezahlt werden die Anwälte dafür nicht; die meisten tragen sogar ihre Reisekosten selbst, so wie Aydin Oruc, der den Flug aus Denizli, die Übernachtungen in Istanbul und seine Arbeitszeit spendet. Nur ein halbes Dutzend Anwälte – darunter Ömer Günes – arbeitet festangestellt bei dem Anwaltsbüro in der Istanbuler Innenstadt, das sich um Öcalans zahlreiche Klagen und Beschwerden beim Europäischen Menschenrechtsgericht kümmert. Über dessen Finanzierung will Günes lieber nichts sagen.

Die Leinen sind los, und unter einem Sichelmond sticht die Fähre in See. Die Anwälte lehnen in der scharfen Brise an der Reling und blicken in die Gischt hinab. Ali Maden, der dritte Anwalt, schließt die Augen und atmet tief durch. Nervenaufreibende Stunden stehen den Anwälten bevor, wenn sie Gemlik erreicht haben, erzählt Günes. Bei der Gendarmerie-Kommandantur erfahren sie zunächst, ob die Staatsanwaltschaft den Besuchstermin genehmigt hat – wenn nicht, dann werden sie gleich wieder zurückgeschickt nach Istanbul. Gibt es grünes Licht, dann beginnt ein stundenlanger Spießrutenlauf durch militärische Sicherheitskontrollen: Metalldetektoren, Personalienaufnahme, Sprengstoffsuchgeräte, weitere Metalldetektoren, Leibesvisitationen, manchmal auch Hunde, sagt Günes. Und dann beginnt alles wieder von vorne, bevor sie von Soldaten zum Hafen eskortiert und auf einem Marinekutter eingeschifft werden. „13 solche Untersuchungen durchlaufen wir an einem Besuchstag“, sagt Günes. „Neun auf dem Hinweg zur Insel und vier auf dem Rückweg.“

Alle persönlichen Gegenstände müssen die Anwälte für die Dauer des Besuchs abgeben, auch ihre Armbanduhren, Eheringe und Brillen. Das geschehe nicht nur aus Sicherheitsgründen, glaubt der Brillenträger Günes. „So wie Herr Öcalan in Isolation gehalten wird, so versucht der Staat, auch uns Anwälte zu isolieren und zu drangsalieren“, klagt der junge Anwalt.

Der Morgen dämmert über dem Mar marameer, als die Fähre bei Yalova am südlichen Ufer des Golfs anlegt und die Autos von der Fähre rattern. Eine letzte Fahrtstunde über eine Bergkette liegt jetzt noch vor den Anwälten, bis sie Gemlik erreichen. Beim anbrechenden Tageslicht überfliegen sie die Zeitungen, die sie in Yalova gekauft haben, um Öcalan die neuesten Nachrichten überbringen zu können – er nehme auch nach zehn Jahren noch regen Anteil am Weltgeschehen, sagen sie. „Während des einstündigen Besuches spricht er immer sehr schnell, er versucht ein anderthalb- oder zweistündiges Gespräch in dieser einen Stunde unterzubringen“, erzählt Günes. „Er spricht vor allem über die Probleme der Kurden und kaum über persönliche Dinge.“

Was Öcalan erzählt, das ist am nächsten Tag stets in allen PKK-nahen Medien nachzulesen. Dass Barack Obama von christlichen Fundamentalisten ins Amt manövriert worden sei, um den Islam und die Juden ans Christentum zu annektieren, das zählt zu seinen jüngsten Verlautbarungen. Was die türkischen Behörden zur Weißglut treibt, sind aber seine Bemerkungen zur Kurdenpolitik, die sich mitunter lesen wie Tagesbefehle an seine Organisation – und von seinen Anhängern auch so verstanden werden. Selbst zu organisatorischen und personellen Fragen der PKK und ihrer Unterorganisationen gibt Öcalan detaillierte Anweisungen, die akribisch befolgt werden. Als er sich im vergangenen Sommer über den Haarschnitt beschwerte, den seine Wärter ihm verpasst hatten, gingen im Kurdengebiet zehntausende aufgebrachte Demonstranten auf die Straße. Und als er im Herbst klagte, er sei von den Wärtern grob angepackt worden, brachen im Südosten und in Istanbul gewalttätige Krawalle aus, bei Straßenschlachten mit der Polizei gab es sogar Tote zu beklagen.

Um den Informationsfluss zu stoppen, konfiszieren die Justizbehörden seit einigen Jahren alle Notizen der Anwälte – allerdings ohne sichtbaren Effekt: Die Mitschriften finden weiter zuverlässig ihren Weg in die einschlägigen Medien. Anwalt Günes gibt sich bedeckt. „Zu der Frage, ob wir diese Informationen weitergeben oder nicht, kann ich nicht viel sagen, weil gegen uns ermittelt wird. “

Es wäre nicht der erste Prozess in dieser Frage – erst im Dezember ist Günes vom Vorwurf des Amtsmissbrauchs freigesprochen worden, weil ihm die Weitergabe der Informationen nicht nachgewiesen werden konnte. Weitere Ermittlungen sind im Gange. Eine ganze Reihe von Anwälten ist schon verurteilt worden und hat nun Besuchssperre – dennoch finden sich immer neue Anwärter auf das Mandat, so wie Günes selbst: Der 30-Jährige aus dem osttürkischen Mus war Student, als Öcalan verhaftet wurde.

An einer Raststätte in den Bergen wird ein letzter Stopp eingelegt. Eine warme Suppe für Günes, ein großer Frühstücksteller für Oruc und Maden und viel türkischer Tee. Für die Anwälte gilt es zuzugreifen, denn bis zum Abend bekommen sie nichts mehr zu essen. Insgesamt fünf Stunden dauert die Überfahrt zur Insel und zurück, eine Stunde das Gespräch mit Öcalan und mehrere Stunden die Durchsuchungen und Wartezeiten in Gemlik. Mitternacht wird es sein, bis die Anwälte wieder in Istanbul sind – wenn alles gut geht und sie nicht gleich zurückgeschickt werden, um es morgen wieder zu versuchen.

Erneut blicken die Anwälte besorgt aus dem Fenster und versuchen, die Windstärke zu deuten. Ihr Fahrer Sidik hängt inzwischen seinen eigenen Problemen nach, nämlich der Frage, wo er die Stunden bis zur Rückfahrt verbringen kann. „In Gemlik kann ich nicht bleiben, dort kennt man den Wagen, dort würde ich angegriffen“, sagt er. „Vor der Kommandantur wäre ich wohl sicher, aber die Soldaten jagen mich fort, ich darf dort nicht warten – als wäre ich nicht auch ein Bürger dieses Landes, den sie schützen sollten.“ Er fährt deshalb meist nach Yalova oder in die Provinzhauptstadt Bursa, um in die städtische Anonymität abzutauchen. Nicht immer gelingt das. Als nach einem PKK-Angriff vor eineinhalb Jahren landesweit antikurdische Krawalle ausbrachen und in Bursa kurdische Geschäfte niedergebrannt wurden, flüchtete Sidik sich zum Bezirksverband der Kurdenpartei DTP – doch deren Gebäude wurde kurz darauf von einer tausendköpfigen Menge angegriffen.

„Möchte jemand noch etwas haben?“ Ali Maden bietet seinen Frühstücksteller an. „Ich habe kaum etwas angerührt.“ Doch die anderen Männer schütteln den Kopf und rühren schweigend in ihren Teegläsern.

Pünktlich um halb neun steht der Renault vor der Kommandantur in Gemlik. Nervös warten die Männer im Wagen auf ein Signal der Soldaten, die mit reglosen Mienen und Gewehren im Anschlag am Tor stehen. Zwei Zivilpolizisten in Lederjacken laufen mit Kameras um den Renault und filmen jedes Gesicht und jede Bewegung. Gut 20 Minuten lang geschieht weiter nichts, dann erscheint am Tor ein Offizier mit Schiffchenmütze und gibt ein Handsignal: Die Überfahrt ist genehmigt. Im Renault bricht Hektik aus, die Anwälte raffen ihre Mäntel und Papiere. Abdullah Öcalan bekommt heute Besuch.

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