Zeitung Heute : Tüte Kommt nicht mehr in die

Italien dreht endgültig durch. Denn nun wurde das wichtigste Utensil des Landes abgeschafft: die weiße Plastiktüte. Unsere Autorin ist fassungslos

Birgit Schönau
300 Stück pro Jahr: So viele Plastiksäcke verbrauchte jede Italienerin, jeder Italiener – kein Einkauf ohne eine der weißen Tüten, in denen Brot, Käse oder Pasta nach Hause getragen wurden. Foto: Marcello Bonfanti/laif
300 Stück pro Jahr: So viele Plastiksäcke verbrauchte jede Italienerin, jeder Italiener – kein Einkauf ohne eine der weißen Tüten,...Foto: Marcello Bonfanti/contrasto

Wie soll unser Leben nur weitergehen so ganz ohne Plastiktüte? Für die meisten Römer fing es ja schon mit ihr an. Auf dem Weg zum Kreißsaal nahm ihre künftige Mamma alles mit, was sie und ihr Baby für den Anfang brauchten, natürlich in der Plastiktüte. Mit dieser auf dem Bauch wurden die Kaiserschnittfrauen in den OP-Saal gefahren, darin waren: eine Binde für die Mutter, eine Windel und die Grundausstattung für das Kind. Wenn das Baby da war, wurde die Tüte aufgemacht.

Nur nicht bei mir, ich hatte sie natürlich vergessen. Aus dem damals noch prächtig funktionierenden deutschen Gesundheitssystem emigriert, glaubte ich in meiner Naivität, ich könnte einfach so, ganz ohne Tüte, meine Kinder kriegen. Da waren meine Aktien aber gleich im Keller, weil die Krankenschwestern extra für mich sture Ausländerin hektisch das Nötigste zusammensuchen mussten.

Beim zweiten Kind hatte ich mir das Zeug zwar vorschriftsgemäß auf den Bauch gepackt, aber es war immer noch nicht richtig. Als ich aus der Narkose erwachte, schaute ich in die vorwurfsvollen Augen meiner italienischen Schwiegermutter. „Du hast ja schon wieder das Lätzchen vergessen“, begrüßte sie mich.

Seither wartete ich darauf, dass das Gesundheitsministerium die Einheits-Plastiktüte für die übrigens sehr überschaubare Menge an neugeborenen Italienern vorschreiben würde. Es wäre so einfach gewesen: Einchecken der werdenden Mutter in der Erste-Hilfe-Station, Aushändigen der Neugeborenentüte inklusive Lätzchen, gern auch mit aufgedrucktem Sponsoren-Namenszug. Fertig. Großes Glück bei Baby, Wöchnerin und Oma.

Wieso nur ist niemand darauf gekommen? Es wäre doch die beste Werbefläche der Welt gewesen, die erste Tüte im Leben vergisst man schließlich nicht, oder?

Stattdessen hat Italien jetzt die Plastiktüte abgeschafft. Die Entscheidung fiel schon vor vier Jahren, damals hatte Italien eine Mitte-Links-Regierung. Seit dem 1. Januar ist sie nun tatsächlich verboten. Im Ausland nimmt man das erstaunt zur Kenntnis (und wahrscheinlich, wie üblich: leicht amüsiert).

Für Italien ist es eine Revolution.

Denn wenn überhaupt etwas dieses Land geeint hat von den Alpen bis Sizilien, dann war es die Plastiktüte. Egal ob Äpfel aus den Tälern Südtirols oder Blutorangen von den Hängen des Ätna, alles kam in die Tüte, um vom Marktstand oder aus dem Supermarkt nach Hause getragen zu werden. Kann es da Zufall sein, dass das Aus für die Tüte ausgerechnet zum 150. Jubiläum der Einigung kommt? Und dass die erste italienische Hauptstadt Turin (die später von Florenz und schließlich von Rom abgelöst wurde), mit dem Plastiktüten-Verbot schon wieder vor allen anderen bereits im vergangenen Jahr angefangen hat?

Das Argument ist natürlich die Umwelt und man muss sagen, es ist sehr, sehr einleuchtend. 300 Plastiksäcke verbrauchte jede Italienerin und jeder Italiener im Schnitt jährlich. Das heißt, die Dinger wurden natürlich nicht verbraucht, sie zersetzen sich ja langsamer als jede Spätdemokratie (besonders unsere). Italien wurde also in den letzten Jahrzehnten auch an den Straßenrändern und auf den Stränden das Land der Plastiktüte. Nie werde ich den Anblick eines Pinienwaldes am Meer bei Otranto in Apulien vergessen, der nach einem langen und heißen Sommer Mitte September vollkommen zugemüllt war. Die Leute hatten gepicknickt und ihre weißen Abfalltüten dann einfach an die Zweige gehängt oder am Stamm verstaut. Es sah aus wie die Installation eines Aktionskünstlers.

Genauso selbstverständlich, wie man die Tüte annahm, ließ man sie auch irgendwo liegen. Weil es ja beides im Überfluss gab, die Plastiksäcke und die italienische Landschaft mit ihrer überwältigenden, nie enden wollenden Schönheit. Der Plastiksack zeigte außerdem, dass das so lange Agrarland gebliebene Italien endlich dazugehörte zu den ganz großen, ganz modernen und ganz reichen Ländern. Ein Statussymbol, das sich alle leisten konnten, weil es ja verschenkt wurde.

Die Plastiktüte war das sorglose Italien und jetzt, da sie verboten ist, halten alle einen Moment inne und machen sich zum ersten Mal Sorgen. „Meine Kunden kommen meistens mit dem Mofa, weil sie sich damit schneller durch die Innenstadt bewegen können“, sagt der Sportartikel-Verkäufer am Marsfeld in Rom. „Ja, und was ist, wenn es regnet? In der Papiertüte wird doch der neue Trainingsanzug nass.“ Ein Glück, dass er noch etwa tausend Tüten auf Vorrat habe – der Vorrat darf nämlich aufgebraucht werden.

Der Sportartikel-Mann kommt gar nicht auf die Idee, dass seine Kunden bei Regen auch zu Fuß oder mit dem Bus kommen könnten, um dann über ihrer Papiertüte einen Schirm aufzuspannen. Er klammert sich an seine letzten tausend Plastiktüten wie sich die Deutschen an ihre letzten Markstücke klammerten. So hat jedes Volk sein Totem. Für die Deutschen war es ihre harte Währung, die sie den Weichmünzen-Nachbarn so unendlich überlegen machte. Für die Italiener war die Plastiktüte das Totem der eigenen Unabhängigkeit und Freiheit. Wenn ein ganzes, neues Babyleben in eine Tüte passt – na dann, ragazzi, wird es schon für alle reichen. Und das Mofa parken wir schnell auf dem Bürgersteig.

Die Plastiktüte stammte ohnehin aus einer Zeit, da man Mopeds weder anmelden noch versichern musste. Kein Nummernschild, keine Parkknöllchen, keine Verbotsschilder, noch nicht mal Helme – aber Tüten satt: Es war das alte, italienische Leben. Und man wollte nicht wahrhaben, dass es eigentlich schon vorbei war. Spätestens, als sich in und um Neapel die Mülltüten auf den Straßen türmten, meterhoch, weil der in ihnen vergammelnde Abfall nicht mehr abgeholt wurde. Das erste Mal geschah das vor mehr als 15 Jahren, das vorerst letzte Mal in diesem Winter. 3000 Tonnen Müll lagen wochenlang in der größten Stadt Süditaliens herum.

Einige Neapolitaner steckten die Tüten an, um sie endlich loszuwerden, und verpesteten damit die Luft zum Atmen nur noch mehr. Die meisten hielten sich nur die Nase zu, wenn sie um die Müllgebirge herumgingen, bis der Abfall endlich mit denselben Baggern des Zivilschutzes weggeschafft wurde, die zuvor die Erdbebentrümmer in Haiti abgeräumt hatten. Die Lokalzeitung „Il Mattino“ berichtete, dass nur an jenen Stellen keine Mülltüten gelegen hätten, wo sich entweder eine Statue des Heiligen Pater Pio oder die Wohnung eines Camorra-Bosses befunden habe. Das klang nach der üblichen Folklore, verstärkte aber eigentlich nur den allgemeinen Eindruck, dass die Plastiktüte schon lange kein Symbol der Sorglosigkeit sei. Sondern das Fanal für ein Land, dessen Bürger an ihrem eigenen Müll zu ersticken drohen, weil der von dem Mann mit dem Plastikgesicht regierte Staat nicht mehr hinreichend funktioniert.

Neapel ist auch die Stadt, in deren Hochgeschwindigkeitszügen noch immer die sogenannte private Minibar existiert. Aus großen blauen Plastiktüten verkaufen Neapolitaner selbst gemachte belegte Brötchen und Getränke an die Passagiere. Wenn der Zug abfährt, sind sie schon wieder draußen. Natürlich wird die blaue Plastiktüte auch hier nur eingesetzt, so lange der Vorrat reicht, um dann von einem Netz oder einem Korb abgelöst zu werden. Das ist ja nicht das Problem.

Übrigens gibt es in Neapel ein Plastikmuseum, das „Plart“. Es ist das einzige Kunststoffmuseum Europas mit einer ständigen Sammlung modernen Plastikdesigns und wechselnden Ausstellungen zum Beispiel von Plastikkämmen.

Jetzt, da die Tüten abgeschafft werden, habe ich zum ersten Mal nach über 20 Jahren in Italien das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Nämlich meine eigene Assimilierung. Anstatt fröhlich ein paar hundert Plastiktüten im Jahr zu konsumieren, habe ich darauf verzichtet, nicht nur im Kreißsaal. Mein störrischer Plastiktütenboykott stempelte mich zur Außenseiterin, dafür nehme ich alle Schuld auf mich. In meinem römischen Stadtviertel kennen mich die Geschäftsleute, weil ich ewig „No grazie“, sagte, wenn sie mir eine Tüte anboten. Dabei haben manche die Hoffnung nie aufgegeben, dass ich endlich auch noch eine der ihren werde.

Die Marktfrau Anna, eine schöne und sanfte Rotblonde, versuchte immer wieder, mich zu überzeugen: „Jetzt nimm doch die Tüte. Wie willst du denn sonst die Eier nach Hause bringen?“ Meinen Hinweis, die seien doch schon in Zeitungspapier gewickelt und kämen eben obenauf in die Stofftasche, ließ sie nicht gelten. „Und der Salat? Was du machst, ist unhygienisch! Wozu, meinst du, haben sie diese Tüten wohl erfunden?“

In Wirklichkeit meinte Anna: Wieso willst du, verdammt nochmal, eigentlich anders sein als wir?

Ich weiß nicht – aber seit dem Ende der Tüte denke ich dauernd darüber nach. Im Coop kaufe ich neuerdings sogar kleine Säcke, um meine Einkäufe nach Hause zu tragen. Die Coop-Tüten sind ökologisch, aus Maisstärke hergestellt, sie riechen meist wie Hühnerfutter und manchmal sogar wie Tortillas, jedenfalls immer interessant. Sie reißen natürlich schneller, das ist das Problem mit diesen Tüten, die nicht mehr aus Plastik sind und deshalb erlaubt. Dafür werden sie sich hoffentlich von selbst in Wohlgefallen auflösen, anstatt Jahrzehnte die Landschaft zu verschandeln.

Nur ich selbst wirke mit den neuen Säcken, die jetzt alle haben, kein bisschen italienischer. Neulich quatschte mich an der Supermarktkasse ein Österreicher an: „Sind Sie Deutsche? Das sieht man sofort an den vielen Bioprodukten, die Sie kaufen!“ Ich schielte in seinen Einkaufskorb: abgepackter Salat, eingeschweißtes Huhn und Tiefkühlpasta. Und entgegnete ziemlich patzig: „Wissen Sie eigentlich, dass Italien der größte Biomarkt Europas ist?“ Wo schon die Plastiktüte abgeschafft ist, reicht es auch mal mit den Vorurteilen.

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