Zeitung Heute : Tunnel des Todes

Der Tagesspiegel in Roman und Film

Andreas Conrad

Wie hatten die Genossen vom KGB diesen Tag herbeigesehnt – an dem sie wie zufällig den Tunnel entdecken könnten, den die Amerikaner nach Altglienicke gebuddelt hatten, um dort Telefonleitungen der Sowjets anzuzapfen. Denen war das zwar bekannt, lange bevor im Spätsommer 1954 der erste Spatenstich erfolgte. Aber leider mussten sie die Amerikaner gewähren lassen, sonst wäre ja der Sowjetspion in deren Reihen enttarnt worden. Bis endlich der 23. April 1956 kam: Pressekonferenz im sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst, wütende Proteste, das übliche Ritual des Kalten Krieges. Auch der Tagesspiegel fiel auf die Inszenierung herein, nahm den Tunnel immerhin mit Humor: Das gebe Stoff für manche Pointe von Günter Neumanns Insulanern.

Zu ahnen war damals nicht, dass der Tagesspiegel selbst einmal mit dem Tunnel in Verbindung gebracht werden würde. 1990 kam der Roman „Unschuldige“ des Briten Ian McEwan (Diogenes-Verlag) heraus. Die Liebesgeschichte spielt vor dem Hintergrund des Tunnelbaus. Ein beteiligter Brite verliebt sich in eine Deutsche, deren rabiater Mann kommt dazwischen, wird in Notwehr getötet, dann zerlegt – und jetzt kommt dieses Blatt ins Spiel: „Ottos zerschmetterter Schädel polterte zu Boden und blieb auf den zerknüllten Seiten des Tagesspiegels und des Abends liegen.“

Eine unappetitliche Zweckentfremdung, immerhin in einem Werk von literarischem Rang, das später von John Schlesinger in Berlin verfilmt wurde, mit Isabella Rossellini und Anthony Hopkins. Ohnehin gereicht es doch einer Zeitung zur Ehre, wenn sie, in welcher Verwendung auch immer, als selbstverständlicher Teil einer Stadt geschildert wird.

McEwans Roman ist kein Einzelfall. Auch in dem Szene-Krimi „Potsdamer Ableben“ von Pieke Biermann (erstmals erschienen 1987, derzeit bei Goldmann) spielt der Tagesspiegel eine Rolle, leider etwas versteckt. Ihn nämlich habe sie, so verrät die Autorin heute, mit dem im Buch erwähnten „Wochenspiegel“ im Sinn gehabt, Arbeitsplatz der Frauenredakteurin Regine Trübner Zaecke, deren angeblich beste Freundin leider zu Tode kam.

Auch im Kino sind Berlin und Tagesspiegel untrennbar miteinander verbunden. Beispielsweise kommt in „Die Bourne Verschwörung“ Matt Damon auch an der Tagesspiegel-Leuchtreklame am Schimmelpfeng-Haus am Rudolf-Breitscheid-Platz („Gründlich, sachlich, kritisch“) vorbei. In Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ schließlich fliegt an Bruno Ganz beim Mauer-Spaziergang ein zerknülltes Exemplar dieser Zeitung durchs Bild. Der Tagesspiegel – vom Winde verweht.

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