Zeitung Heute : Tunnelmonster verabschieden

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Vor gut 27 Jahren begann die Feindschaft meiner Mutter zu einem Architekten. Sie hatte zwei Töchter, eine im Kinderwagen, die andere noch nicht gut zu Fuß. Zweimal täglich mussten wir zum Alexanderplatz, weil da die U-Bahn abfuhr. Der Alex war eine Insel, umringt von Geländern. Als Fußgänger konnte man ihn nur über Tunnel erreichen. In diese Tunnel führten weder Rolltreppen, noch Fahrstühle, dafür aber sehr viele Stufen. Meine Mutter brauchte für jede Durchquerung zwei Helfer: einen zum Mitschleppen des Kinderwagens und einen zum An-die-Hand-Nehmen der Großen.

Der Mann, der den Alex zur Insel gemacht hatte, war der oberste Stadtplaner der Hauptstadt der DDR. Meine Mutter hat ihn gehasst. Viele Briefe hat sie ihm geschrieben, und er dachte gar nicht daran, seine Tunnel zu ändern. Auf einer sozialistischen Großstadtstraße sollten keine Fußgänger herumirren.

Irgendwann hörte meine Mutter auf, Eingaben zu schreiben. Was blieb, war ihr Hass auf Tunnel und Architekten. Als es mit der DDR und mit dem sozialistischen Städtebau zu Ende ging, erwartete ich, dass zuallererst das Tunnelmonster verschwindet. Nichts. Es ist immer noch da.

Nun aber steht der historische Sieg bevor: Der Tunnel wird noch dieses Jahr geschlossen. Und zwar wegen der neuen Straßenbahnlinie, die an der Kreuzung hinter dem Kaufhof eine Haltestelle bekommen wird. Um zu ihr zu gelangen, braucht man wohl oder übel einen Überweg.

Allerdings: Der Tunnel wird nicht zugeschüttet, nur die Eingänge werden vermauert – eine Gelegenheit, die sich Untergrundkünstler nicht entgehen lassen sollten. Bisher war ihre Streetart im Tunnel zwar spektakulär, leider aber auch illegal. Kurz vor der Schließung sollten sie sich um eine anständige Höhlenmalerei kümmern. Damit in 1500 Jahren, wenn, sagen wir mal, chinesische Archäologen die Spuren der verschwundenen deutschen Hauptstadt freilegen, auch ein paar hübsche Dinge unter Tage auftauchen. Und nicht nur viele Stufen zu schmutzig-gelben Fließen.

Alte Tunnel, U-Bahnstrecken und Luftschutzbunker lassen sich mit dem Verein „Berliner Unterwelten“ entdecken. Telefon: 49910518, Internet: www.berliner-unterwelten.de

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