Zeitung Heute : Turnübungen

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR AM DONNERSTAG?

Foto: Mike Wolff

Es gibt dafür nur eine Erklärung. Sie waren die ganze Zeit da. Auch im Winter. Da hat man sie nur nicht gesehen. Im Dunkeln haben sie ihre Bahnen gezogen. Gleichmäßiges Tempo, gleichmäßige Atmung, eins, zwei, eins, zwei. Durch den Park, um den Teich, den Kanal entlang.

Jetzt werden die Tage länger, jetzt sieht man die Jogger. Überall. Und sie sehen fast alle gut aus. Durchtrainiert und athletisch. Die üben nicht erst seit gestern, das ist klar. Aber in vielen wecken sie den Wunsch, spätestens morgen mit dem Üben anzufangen. Auch ich ließ mich mitreißen. Ein bisschen am Kanal entlangtraben, zweimal die Woche, das ist doch zu machen. Vielleicht sogar drei Mal?, ich fing an zu träumen. Und dazu noch ein paar Bauchmuskelübungen. Ja, so sollte es geschehen.

Ich kaufte mir „Shape. Das Fitness-Magazin für Frauen“. Auf der Titelseite kündigen sie „5 schnelle Übungen“ an aus dem Programm „Der Bauch muss weg“. Ich machte mich gleich an die Arbeit. Übung 1: normaler Crunch. „Beckenboden und Bauchmuskel anspannen, Steißbein und Scheitelpunkt lang dehnen, Tiefenmuskulatur anspannen, bis sich Kopf und Schultern vom Boden heben.“ Ich schnaufte, nichts hob sich. Vielleicht habe ich keine Tiefenmuskeln? Übung 2: doppelter Crunch. Dabei soll man den Bauch nach innen ziehen. Unmöglich, er wölbte sich meterhoch zwischen Kopf und Knien. Bei Übung 3: Fahrrad fahren endlich ein Erfolgserlebnis. Bei Übung 4: Zehen-Dip folgte Unsicherheit. Auf dem Rücken liegen, Beine anheben, anwinkeln und „aus dieser Grundspannung heraus linken Fuß absenken, bis die Zehenspitzen den Boden berühren“? Das war doch nichts. Das hab’ ich bestimmt falsch gemacht. Übung 5: einfüßiges Brett. Auf Unterarme und Zehenspitzen stützen und dann je ein Bein zehn Mal hoch heben. Ich zitterte. Was für eine Anstrengung. Im Info-Kästchen gab „Shape“ einen Tipp: Damit die Bauchmuskeln gut sichtbar würden, solle man pro Woche drei- bis viermal 45 bis 60 Minuten durch den Park laufen. Nun denn. Ich trabte los, am frühen Abend den Landwehrkanal entlang. So wie hunderte andere. War bei den Bauchmuskelübungen die Anleitung die größte Herausforderung, sind es beim Dauerlaufen die ersten vier Minuten. Die Waden brennen, der Atem wird knapp und man glaubt, schon stundenlang unterwegs zu sein.

Auf der Wiese links und rechts spielen junge Leute Frisbee oder Fußball. Sie rennen und japsen und lachen. Wieso haben die Spaß?, fragte ich mich und fand sogleich die Antwort: Weil die Publikum haben, weil es jemanden interessiert, ob sie die Scheibe fangen, den Ball kriegen. Und ich trabte da mit rotem Kopf für mich allein herum. Es rief nicht mal jemand „hop, hop, hop“. Vielleicht haben die Leute Angst, dass ich bei erhöhter Schrittfolge tot umfalle? Dann hörte ich jemanden klatschen, ein-, zwei-, dreimal. Endlich ein Fan? Ich drehte mich um. Ein Mann fuchtelte mit den Händen in der Luft. Er versuchte, Insekten totzuschlagen.

Joggen geht überall. Besonders viele sind beispielsweise am Landwehrkanal unterwegs. Übungen für Bauchmuskeln hat fast jedes Frauen- oder Fitnessmagazin im Angebot. Man muss nur die Anleitung verstehen.

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