TV-Duell : Es gilt das gesprochene Wort

Umfragen zufolge hat Herausforderer Steinmeier beim TV-Duell mit Kanzlerin Merkel punkten können. Welchen Einfluss hat das auf die Bundestagswahl am 27. September?

Robert Birnbaum,Juliane Schäuble
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Im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses, je einmal zur Rechten und zur Linken von Ronald Pofalla, hängen die nächsten Angela-Merkel-Plakate. „Wir wählen die Zuversicht“ steht auf dem einen. Doch frohe Zuversicht ist so ungefähr das Gegenteil von dem, was der CDU-Generalsekretär ausstrahlt. „Angela Merkel hat Frank-Walter Steinmeier auf Abstand gehalten“ – das war’s schon mit dem Lob auf die eigene Chefin. Am Montag nach dem TV-Duell zwischen Kanzlerin und Kanzlerkandidaten ist das Mienenspiel eindeutig verteilt: fröhlich bei der SPD, leicht betreten in der Union. Einen Anhaltspunkt dafür bieten die Zahlen, die etwa die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF ermittelt hat. Demnach fanden 31 Prozent der von den Experten Befragten, Steinmeier habe sich besser geschlagen als Merkel, die nur 28 Prozent vorne sahen. Bei den noch unentschlossenen Zuschauern erklärten 18 Prozent Merkel und 34 Prozent Steinmeier zum Sieger.


Welche Konsequenzen zieht die Union aus dem TV-Duell?

Dass Steinmeier besser war als erwartet und Merkel auf dem Fernsehschirm oft weniger souverän wirkte, gaben sogar CDU-Spitzenleute unter der Hand offen zu. Öffentlich sagt das keiner, durch die Blume – oder besser: durch die Distel – mancher schon. Horst Seehofer zum Beispiel. „Ich war sehr zufrieden mit unserer Kanzlerin“, sagt der CSU-Chef. Als Schulnote wäre das eine Drei plus. Allerdings, fügt Seehofer gleich an, habe sich erneut gezeigt, dass die Union „noch engagiert und hart kämpfen muss, um die Bundestagswahl zu gewinnen“. Es komme da jetzt noch eine „spannende Endphase“. Gesamtnote aus München mithin: Nicht ausreichend.

Das CDU-Präsidium ist im Kern zum gleichen Schluss gekommen. Man erkennt das an Pofalla. „Frank-Walter Steinmeier hat keine einzige Machtperspektive, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden“, giftet der CDU-General. Bis zu diesem Tag hat er ebenso wie seine Chefin den Kandidaten wie Luft behandelt. Jetzt plötzlich nimmt er Steinmeier ernst. So ernst, dass er haarklein vorrechnet, weshalb dieser Steinmeier – also jedenfalls beim heutigen Stand der Umfragen – wirklich nicht Kanzler werden könne. Außer höchstens mit Rot-Rot. Dass die SPD-Spitze dieses Bündnis auf Bundesebene ausgeschlossen hat, sei „schlicht unglaubwürdig“.


Setzen CDU und CSU nun auf eine Rote-Socken-Kampagne?

„Unsere Leute haben schon Angst vor Links“, sagt ein Präsidiumsmitglied aus einem der großen West-Flächenländer. „Das muss man jetzt verstärkt spielen.“ Doch noch eine zweite Konsequenz zieht die Union: Die eigene Wunschkoalition Schwarz-Gelb soll verstärkt beworben werden. Pofalla spricht von einer „Gestaltungsmehrheit“, um die Krise, die übrigens noch lange nicht vorbei sei, bestmöglich zu überwinden. Seehofer entdeckt sogar, nachdem er wochenlang auf die FDP eingedroschen hat, das „schwarz-gelbe Projekt“.


Warum konnte Steinmeier punkten?

Dass Merkel im TV-Duell vergleichsweise blass aussah, ist so schwer nicht zu begründen. Ganz allgemein gilt für solche Debattenformen, dass der Herausforderer den leichteren Stand hat: Er kann angreifen, aktiv sein und das Publikum überraschen. Amtsinhaber geraten da schnell in die Verteidigerposition. Nun lassen sich Angriffe parieren. Aber Merkels präsidialer Wahlkampf ist ja gerade darauf angelegt, die SPD zu ignorieren. In den 90 Minuten im Studio B in Adlershof, der einzigen direkten Konfrontation mit dem Konkurrenten, ging diese Strategie nicht auf. „Die Erwartungshaltung ist größer bei der Person, die führt“, sagt Frank Brettschneider, Medienwissenschaftler von der Universität Hohenheim. „Merkel konnte eigentlich nur enttäuschen.“ Und da Steinmeier wider Erwarten die meiste Zeit klar und anschaulich argumentiert habe, habe er die Erwartungen an seine Person übertreffen können. Merkel habe dagegen überrumpelt gewirkt angesichts der Forschheit, mit der Steinmeier sie zu Beginn angegangen habe. Nicht so gut sei auch gewesen, dass die Kanzlerin gerade am Anfang häufig nicht auf die Fragen der Moderatoren geantwortet habe und sich von deren Unterbrechungen etwas aus dem Konzept habe bringen lassen. „Da wirkte Steinmeier souveräner.“ Brettschneider gehört zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die bundesweit die Reaktionen der Zuschauer auf das Rededuell analysieren.


Wie reagiert die SPD?

„Das war der Durchbruch im Wahlkampf!“, frohlockte Franz Müntefering, kaum dass die Kameras ausgeschaltet waren. Im Kampf um die Deutungshoheit lag der SPD-Parteivorsitzende damit vorn. Ob sich das aber auch in Stimmen übersetzen lässt, ist unklar. Merkels erstes Ziel war es, durch ihren Auftritt niemanden abzustoßen, der sie ganz gut findet, ihre Partei hingegen nicht so sehr. Das Risiko dabei ist, dass überzeugte CDU-Anhänger nicht auf ihre Kosten kommen, die sehen wollen, wie ihre Vorfrau den Roten niederboxt. Steinmeiers Vorgehen zielte hingegen klar erkennbar auf die eigenen Reihen. Nur wenn es der SPD gelingt, Unschlüssige zu mobilisieren, kann sie am Wahltag aus dem Umfrage-Keller heraus.


Was kann so ein Duell überhaupt bewirken?

„Das kommt auf das Duell an“, sagt Brettschneider. „Es kann viel bewirken, wenn es einem der beiden gelingt, sein Thema und seine Sichtweise darauf durchzusetzen, in der Diskussion selbst, aber auch in den Tagen und Wochen danach.“ Exkanzler Gerhard Schröder (SPD) hat das 2005 geschafft, mit den angeblich marktradikalen Steuerreformvorschlägen des „Professors aus Heidelberg“, Paul Kirchhof. „Schröder hat dieses Thema gnadenlos bis zur Wahl durchgezogen“, sagt Brettschneider. Bei dem Duell vom vergangenen Sonntag konnte dagegen weder Merkel noch Steinmeier ein dominantes Thema für die beiden letzten Wahlkampfwochen verankern. „Es war aber auch eine andere Situation als 2005“, sagt der Medienwissenschaftler. Die Tatsache, dass die große Koalition am Sonntag eine Art „Selbstgespräch der Regierung“ geführt habe, habe eben keine vergleichbare Auswirkung auf die Wähler.


Kann die SPD dennoch aufholen?

Wahlentscheidungen treffen viele Menschen inzwischen erst kurz vor der Wahl. Insofern kann das Fernsehduell durchaus Unentschlossene bei ihrer Wahlentscheidung beeinflussen. Und bei dieser Gruppe, die rund 40 Prozent der Wahlberechtigten ausmachten, habe Steinmeier punkten können, sagt Brettschneider. Das belegen auch die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen. Entscheidend ist zudem, wer seine eigenen Wähler mobilisieren kann. Das sei Steinmeier beim Thema Atomenergie gelungen, sagt Brettschneider. „Dieses Thema wird daher auch in den letzten beiden Wahlkampfwochen eine große Rolle spielen.“

Allerdings sind nicht alle Umfrageergebnisse nach dem TV-Duell auch wirklich von großer Bedeutung. So habe die Frage, wie sympathisch oder angriffslustig die Kandidaten gewirkt haben, vergleichsweise wenig Auswirkungen auf die Wahlentscheidung, sagt Brettschneider. Wichtig seien die Fragen, wer kompetenter wirke, mehr Entscheidungskraft zeige und glaubwürdiger gewesen sei. Stimmt das, muss sich Angela Merkel nicht zu sehr ärgern: Zumindest in puncto Glaubwürdigkeit und Kompetenz liegt sie Infratest Dimap zufolge immer noch deutlich vor ihrem Herausforderer.

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