Zeitung Heute : Typisch deutsch

TISSY BRUNS

50 Jahre Kompromiß und Balance - die Kultusministerkonferenz feiert Geburtstag.Zwischen Kulturhoheit der Länder und Zentralstaatlichkeit - die KMK zieht Bilanz.VON TISSY BRUNSKinder, wie die Zeit vergeht! Ein halbes Jahrhundert liegt die erste Konferenz der deutschen Erziehungsminister zurück.Die Geschichtsschreiber verzeichnen sie als Gründungsversammlung der Kultusministerkonferenz, die deshalb heute feiert.Standesgemäß, mit Reden, Festschrift, Bundespräsident und Glückwünschen aus den allerersten Kreisen.Wir schließen uns an und gratulieren.Natürlich nicht so garstig wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die der ehrwürdigen Institution unfreundliche Geburtstagsplakate vor die Tür geklebt hat: Unter anderem im Namen von 250 000 Sitzenbleibern, 76 000 Jugendlichen ohne Schulabschluß, 127 000 abgebauten Lehrkräften in Ostdeutschland...Nein, an den vielen Sitzenbleibern ist die KMK nicht schuld.Ist Sitzenbleiben überhaupt schlimm? Kann der Schüler doch in der Wiederholungsrunde lernen, was ihm im ersten Anlauf verschlossen blieb.Aus der Geschichte zum Beispiel, daß, wann immer die Oberen sich ganz prunkvolle Paläste bauten, ihr Niedergang schon längst begonnen hatte.Die KMK hat, nebenbei bemerkt, 1996 in Bonn ein neues, geräumiges Gebäude bezogen.Es entspricht dem Geiste der weit über tausend Empfehlungen der KMK, am 50.Geburtstag neben die Glückwünsche die Sinnfrage zu stellen.1948 diskutierten die versammelten Minister, Referenten und Oberschulräte über die Papierfrage mit Beziehung auf die Schulbücher und die Besserung der äußeren Lage unserer Kinder und Jugendlichen.Zum Jubiläum haben die Kulturpoliker der Länder der KMK ein Sparprogramm verordnet.Endlich, denn mit den Jahren setzt manch einer Speck an.1995 wies die Geschäftsstelle in Bonn 236 Mitarbeiter aus.Auf gut 100 Sitzungen der verschiedenen Gremien und Ausschüsse bringt es die KMK Jahr für Jahr.Kein Wunder, daß die Festschrift schon in den Überschriften zu erkennen gibt, daß die KMK Rechtfertigungsdruck spürt: Föderalismus ist kein Schimpfwort heißt es da, oder: Die Kultusminister gehen nicht unter.Für die Gründerväter stand die Verantwortung der Länder für Schule, Bildung und Wissenschaft aus tiefstem Herzen fest, aus Erfahrung mit der totalitären Zentralstaatlichkeit.Sie ahnten aber auch, daß föderale Verschiedenheit ihre Grenzen besonders schnell da findet, wo die Bürger das Rüstzeug fürs Leben erwerben müssen, nämlich in der Schule.Vati wird versetzt, Sohnemann bleibt sitzen, klagte man schon in den 50ern.Die Kultusminister griffen zu einem Kniff.Um die Kulturhoheit der Länder zu sichern, schufen sie ihr eigenes Dementi, eine zentralstaatliche Institution in Länderhand.Nichts anderes nämlich ist die Kultusministerkonferenz, die fortan auf Bundesebene ausbügelte, was in den Ländern auseinanderlief.Stets einstimmig, stets langsam.1964, als mit dem Hamburger Abkommen die gemeinsame Grundstruktur des Bildungswesens endlich geregelt war, warnte Georg Picht schon vor der Bildungskatastrophe, rief die KMK selbst nach Bildungsplanung.Kein Zufall: Als Ende der 60er Jahre der Zwang zur Bildungsexpansion übermächtig geworden war, mußte die KMK einen Teil ihrer Macht hergeben.In den 70er Jahren erwies sich dieser Inbegriff der Länderhoheit in Wahrheit als Instrument der bundesweiten Lagerkämpfe.Die heute geläufige Unterscheidung in A- und B-Länder ist in den Zeiten des Kulturkampfs um die Bildungssreform entstanden.Die KMK war bis in die 80er Jahre damit beschäftigt, den großen Konflikt zu glätten - und insofern typisch für die Bundesrepublik, die ihre Institutionen auf Ausgleich angelegt hat.Heute heißt der Ertrag des Aufwands: Rechtschreibreform - und wieder ist die KMK typisch für das ganze Land, das sich mit seinem Drang nach Kompromiß und Balance lahmgelegt hat.

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