Zeitung Heute : Über allen Gipfeln

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Das zweite und letzte Haus seines Lebens kaufte sich der Emigrant Albert Einstein im Sommer 1935 in Princeton. Es ist die berühmte Adresse 112 Mercer Street, vor der sich heute noch Touristen aus aller Welt fotografieren lassen. Auch dieses zur Straßenseite schmale 150jährige Holzrahmenhaus passte zu Einstein. Es hat, von einer Veranda im typischen Kolonialstil gesäumt, Anmut und bescheidene Eleganz. Ganz anders als Thomas Manns nahe gelegener Exil-Sitz, ein pompöses Backstein-Palais.

Bis zu ihrem Tod Mitte der achtziger Jahre lebte hier in der Mercer Street noch Einsteins Stieftochter Margot, die wie Helen Dukas von Anfang an als Mitbewohnerin den Haushalt führte. Entsprechend Einsteins Vermächtnis erbte dann das Institute for Advanced Study das Haus – mit der Auflage, es keinesfalls zu einem Museum zu machen und weiterhin Wissenschaftlern des Instituts zur Verfügung zu stellen. Von Eric Maskin, einem (wie viele Princeton-Professoren) nobelpreisverdächtigen Ökonom mit dem Schwerpunkt Entscheidungs- und Spieltheorie, erfahren wir, dass er mit seiner Familie erst der zweite Eigentümer des Hauses seit den Einsteins ist.

1987 wurde das Anwesen – mit der Auflage des späteren Rückverkaufs – an den Physiker Frank Wilczek veräußert. Der letztes Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Forscher wohnte hier mit allen Originalmöbeln Einsteins bis zum Jahr 2000. Als Maskin dann die berühmte Immobilie angeboten wurde, wollte er sie nur leer und mit der Möglichkeit behutsamer Veränderungen erwerben.

Seitdem werden die Einstein-Möbel in einem Depot der Historical Society of Princeton verwahrt und zur Zeit von Restauratoren aufgearbeitet. Im Bainbridge House aus dem Jahr 1766, wo die Historische Gesellschaft gegenüber dem Universitätscampus residiert und ein winziges Museum (unter anderem mit Einsteins Pfeife) unterhält, sehen und befühlen wir in den nicht-öffentlichen Räumen ein paar der noch nie gezeigten Stücke, so den leicht verkratzten bäuerlichen Tisch ohne Schubladen, an dem Einstein am liebsten rechnete und plauderte: Er wird als Leihgabe ab 6. Mai im Berliner Kronprinzenpalais zu sehen sein.

Zurück zu Einsteins letztem Haus. Professor Maskin und seine Familie haben an ihrem Vorgartentor eigens ein Schildchen „Private Residence“ anbringen lassen, um sich vor Neugierigen zu schützen. Man möchte im Inneren auch keine Fernsehteams. Doch nach einem Treffen im Institute werden wir zu einer privaten Hausführung eingeladen: In den unteren Wohnräumen haben sie ein paar Durchgänge vergrößert, das Haus mit mehr Licht erfüllt. In Einsteins geliebtem Musikzimmer steht auch jetzt ein Flügel, den der Hausherr spielt. Und im Obergeschoss ist der Nachfolgeraum des Berliner „Turmzimmers“ noch immer, angrenzend an Einsteins früheren Schlafraum, die Arbeitsklause eines Wissenschaftlers. Vom Schreibtisch schweift der Blick durch das wandbreite „Picture window“, das sich Einstein 1935 eigens einbauen ließ, wie damals über den Garten und die Baumwipfel hinüber zu den neogotischen Türmen der Universität.

Zwanzig Minuten zu Fuß ging der Meister von hier bis Tage vor seinem Tod im April 1955 in sein Büro im Erdgeschoss des Institutes. Dort hat der Starmathematiker Robert Langlands als „Bewohner seit Jahrzehnten“ äußerlich kaum etwas verändert: Holztäfelung, die alten Regale, vier tiefe Sprossenfenster und überall Papiere, Bücher und Formeln auf der in die Wand eingelassenen Schiefertafel.

Kein öffentlicher Raum. Der freilich entsteht gerade neben der neuerbauten Stadtbibliothek von Princeton. Ein Ort für Kinder und Erwachsene, der mit einem Wortspiel – square bedeutet Platz, Quadrat und mathematisch hoch zwei – künftig „E = mc Square“ heißen soll. Dies hätte als Gedenkstätte auch Einstein gefallen.

Der Autor ist Redakteur beim Tagesspiegel. Zuletzt erschien sein „ Jahrhundert des Theaters“ als Buch und Fernsehserie.

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