Zeitung Heute : Über Brecht staunen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Irgendwie aufregend ist seine Schlummerkammer mit dem Bett: dunkles Holz, helle Steppdecke, schwarze Leselampe, sehr spartanisch das Wenige. Die New York „Harald Tribune“ vom 11. August 1956 auf dem Nachttisch, dazu „FAZ“ und „ND“. An der Tür hängen sein Spazierstock und die Schiebermütze: Hier lebte und hier starb (am 14. August 1956) der große b.b.; klein war er, wie man am kurzen Bett unschwer erkennt.

Zur Brecht-Weigel-Gedenkstätte in den Arbeits- und Wohnräumen des Stückeschreibers und seiner geselligen Frau pilgern alte und junge Brechtianer und solche, die das nie werden wollen. Erst geht es in der Chausseestraße 125 auf den Hof, dann über die schmale Hintertreppe hoch, wo freundliche Frauen die Besucher gruppen- und halbstundenweise durch jene Räume führen, wo Mutter Courage und ihr Dichter geatmet haben. „Seit ich dem Theater soviel näher wohne, habe ich meine jungen Leute noch öfter auf dem Hals, sie kommen in Rabenschwärmen, aber sie wissen, ich bin dafür“, schreibt der Meister im März 54 seinem Verleger Peter Suhrkamp – im großen Zimmer ging es wahrscheinlich abends hoch her.

In aller Früh stand Brecht an dem grünen Pult oder saß im grauen Ohrensessel vor der „Royal“-Schreibmaschine. So ordentlich und aufgeräumt war es einst zwischen dem teppichlosen Fußboden und dem Sammelsurium von Sesseln und Stühlen gewiss nicht, heuer stehen all die Bücher und Hefte von „Sinn und Form“bis zu den eigenen „Versuchen“ brav in den Schränken und Regalen, beäugt von Lenin, Marx, Engels und den weisen Chinesen.

„Der Zweifler“ hängt als Rollbild im Schlafzimmer, es hat viel erlebt, seit Brecht 1937 dichtete: „Immer wenn uns / Die Antwort auf eine Frage gefunden schien / Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten / Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiel und / sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der / So sehr zweifelte“ … Im Parterre kochte und schlief Heli Weigel. Junge Leute heute finden diese Trennung „total unmöglich“. Diesbezügliche Beschwerden können 100 Schritte weiter geäußert werden – an den zwei Gräbern nebenan.

Brecht-Weigel-Gedenkstätte, geöffnet täglich außer Montag, Info: 283057044.

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