Zeitung Heute : Über das Schleicherlaufen in Telfs

Günter Schenk

Licht und Wärme soll sie bringen, ein bisschen Freude in die Herzen der Tiroler. Die Sonne, die ein paar Burschen morgens um Sieben auf einer langen Stange durch Telfs tragen. Die meisten Bürger schlafen dann noch, schließlich ist es dunkel und meist auch bitter kalt. Ab und zu wirft sich dem Sonnenträger im Bauernkittel ein Herr im Frack vor die Füße. "Liebe Sonne", ruft er laut, "send über Telfs heute die Strahlen, und zwar, dass man es kann nit schöner malen, denn wir brauchen dich heut den Tag".

1890, heißt es in einer Chronik, hätten starke Schneefälle am Vorabend den Schleicherlauf in Gefahr gebracht, worauf ein paar "Schnapsvögel" den Narren rieten, ihrem Maskenzug doch einfach eine Sonne vorauszutragen. Also malten die Telfer eine große Sonne auf ein Stück Pappe und steckten es auf eine Stange. Seitdem, will man in Telfs wissen, sei der Wettergott immer gnädig gewesen. Und seitdem zieht der Sonnenträger durch den Ort, begleitet von einem Wirt, einem Schlosser, einem Trommler und einem Kaminkehrer, auf dessen Arm gewöhnlich ein Ferkel quietscht.

Wenn die ersten Narren zum zweiten Frühstück die Wirtshäuser stürmen, gehen die Hilfstruppen der Telfer Fastnacht in Stellung, lotsen die anrückenden Gäste auf die Parkplätze. Die Helden des Tages rüsten derweil für ihren großen Auftritt. Eltern und Freunde helfen den Schleichern beim Ankleiden. Gold und Silber, Samt und Seide, bestimmen das Bild der Kostüme. Weite Bundhosen tragen alle, dazu weiße Blusen mit Ärmeln aus Spitzenrüschen.

Blickfang aber sind ihre Hüte, einer schöner als der andere. Bis zu zwölf Kilo schwere Kopfbedeckungen, die zu den Prunkstücken alpiner Volkskunst gehören. Meist sind es filigrane Bastelarbeiten aus Pflanzen und ausgestopften Tieren, Stein und Holz. Mit Kleister, Gips, Draht, Leinen, Papier und Styropor werden die Naturteile zu kunstvollen Motiven verarbeitet, oft zu Darstellungen aus dem bäuerlichen Leben.

Kutscher im Frack holen die Schleicher schließlich zu Hause ab, bringen sie in Pferdegespannen zum Aufstellplatz beim Meisl-Bauern im Obermarkt. Jetzt sind die schmuckvollen Hüte zur Besichtigung frei. Viele hundert Hobbyfilmer und Fotografen haben darauf gewartet. Draußen am Waldrand jagen ein paar Burschen inzwischen den Bären, der an langer Kette ins Dorf geführt wird. "Gut Tatz", grüßt der Führer seinen Bären, unter dessen Fell ein kräftiger Tiroler steckt.

Punkt Elf markieren Böller den Start zum eigentlichen Schleicherlauf. "Auf! Auf! Juchhei! Wir leben das Leben! Die Fastnacht ist frei!" Hoch zu Ross rufen Herolde das Fest aus, künden Fanfaren vom feierlichen Aufzug. In Landsknechtuniformen sorgt die Stadtkapelle für Stimmung. Kostümierte Reiter auf schweren Haflingern erinnern an die vier Jahreszeiten, an den Wechsel zwischen Sommer und Winter. Dann nahen lautstark die Wilden. Ein halbes Hundert grimmig maskierter Männer und Burschen, über und über mit Flechten behangen.

Die Wilden sind die Ordnungshüter beim Schleicherlauf, sollen die Neugierigen zurückdrängen, in den engen Gassen Platz für die Schleicher schaffen. Wer nicht hören will, muss ihren Knüppel fühlen, eine Keule, gefüllt mit Stroh, Sägespänen, Heu, Watte oder Schaumgummi. Mittendrin freut sich der "Panzenaff", ein Tschinellen schlagender Affe auf einem großen Fass, das Maskottchen der Gruppe sozusagen.

Schließlich nahen die Schleicher. Ein Laternenträger hüpft ihnen voraus, ein Harlekin mit weiß geschminktem Gesicht und roten Bäckchen. Würdevoll, fast lautlos, folgen dann die Männer mit den großen Hüten, bestaunt wie das Allerheiligste beim Umgang zu Fronleichnam. Über den Aufzug der Schleicher wurde immer wieder gerätselt. Einige wollten darin einen Fruchtbarkeitstanz sehen, andere die Vertreibung des Winters. Einer verglich ihn gar mit dem Almauftrieb der Kühe. Wissenschaftlich klar ist freilich nur, dass der Schleicherlauf erst seit dem 19. Jahrhundert belegt ist, auch wenn die Telfer Fastnacht schon 1621 erstmals Erwähnung gefunden hat. Populär wurde das Maskentreiben, als die Fremden kamen.

Schon im Jahr 1905 hatten 300 Plakate für den Maskenzug in Telfs geworben, zu dem damals über tausend Neugierige anreisten. Heuer werden es Zehntausende sein, die sich bei gutem Wetter in den Hauptstraßen drängen, um auf sechs ausgesuchten Plätzen das fastnachtliche Spiel zu verfolgen, vor allem den Kreistanz der Schleicher.

Zu seinem Auftakt tönt der "Goaßer" in sein Horn. Ein Ziegenhirte, dem andere Figuren aus dem Tiroler Volksleben folgen. Tuxer und Tuxerin im Trachtenanzug zum Beispiel und ein Senner-Pärchen. Für ihren Reigen haben die Schleicher wochenlang geprobt. Schließlich müssen bei ihren Sprüngen die schweren Eisenblech-Schellen auf dem Rücken gemeinsam anschlagen. Wortführer der Truppe ist der Wirt, der alle Ehrengäste drei Mal hochleben lässt, vom Bundesminister bis zum Dorfschulzen.

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