Zeitung Heute : Über dem Teppich

„Jetzt hebe ich ab“: Florian Henckel von Donnersmarck hat viel gewonnen – eine goldene Statue und wohl auch eine goldene Zukunft

Johannes Bonke,Rico Pfirstinger[Los Angeles]

Für den Fall der Fälle hat er einen guten Rat bekommen, von Sid Ganis, Präsident der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Sid Ganis hatte zu Florian Henckel von Donnersmarck gesagt: „Denk daran: Du bist hier unter Freunden!“ Nicht dass der Regisseur dann auf der Bühne vor lauter Aufregung kein vernünftiges Wort herausbekäme.

Um 4 Uhr 30 deutscher Zeit trat der Fall der Fälle ein: Oscar für Florian Henckel von Donnersmarck. Sein Stasidrama „Das Leben der Anderen“ gewann in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ unerwartet, denn der mexikanische Film „Pans Labyrinth“ galt als Favorit. Der hatte zuvor schon bei den Golden Globes, dem Preis der Auslandspresse in Hollywood, gegen Donnersmarcks Film gewonnen.

In dem Augenblick, als die Entscheidung bekannt gegeben wurde, katapultierte es den 2,05 Meter großen Filmemacher mit einem Schrei förmlich aus seinem Sitz im Kodak-Theater. „Ich bin nicht unbedingt einer von denen, die sagen: ,Dabei sein ist alles!‘ “, erklärt Donnersmarck den eigenen Ehrgeiz. Ganz aus dem Nichts kam der Erfolg indessen nicht. Er hatte schon den Bayerischen, den Deutschen und den Europäischen Filmpreis erhalten und legte kurz vor den Oscars den besten US-Start eines deutschsprachigen Films aller Zeiten hin. Zudem hatte von Donnersmarck an diesem Erfolg intensiv gearbeitet: Sechs Wochen lang tingelte er in den USA von Stadt zu Stadt und stellte sich der Presse.

„Da der Kalte Krieg für Amerika eine so große Rolle gespielt hat, haben sich die Amerikaner in der Vergangenheit schon viel mit dem Thema Stasi beschäftigt“, sagt der Filmemacher. „Deshalb bin ich während meines Aufenthalts einem relativ hohen Wissensstand begegnet, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass die Amerikaner den Film weniger als Stasigeschichte gesehen haben, sondern vielmehr als Thriller, als Liebesgeschichte und als Möglichkeit, tollen Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen.“ Im Amerika drehe sich ja alles um die Stars. Da fasziniere es natürlich, unbekannte Schauspieler zu sehen, die genauso gut seien wie Tom Hanks oder Brad Pitt.

Überhaupt orientiert sich Donnersmarck jetzt gern an US-Maßstäben. Er schwärmt von Hollywoods durchorganisierter Industrie, nennt die deutsche Filmbranche einen „stark subventionierten Teil des Kulturbetriebes“ und wünscht sich zu Hause eine größere Begeisterung für Schauspieler. „Ich wundere mich jedes Mal, wenn ich mit Sebastian Koch irgendwohin gehe, dass die Leute nicht intensiver auf ihn reagieren“, sagt er. „Die Mädchen sollten kreischen! Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich das tun.“

Über mangelnde Aufmerksamkeit konnte sich Donnersmarck in Hollywood in der Tat nicht beklagen: Seine offene Art stieß im Selbstvermarktungsstaat Kalifornien auf so viel Gegenliebe, dass der mit 50-köpfiger Entourage nach Los Angeles geflogene Regisseur unter gehörigem Termindruck stand: Der vergangene Freitag begann mit einem Empfang auf dem roten Teppich vor dem Kodak-Theater auf dem Hollywood Boulevard, gefolgt von einem Mittagessen bei Sony, dem US-Verleih des Films, und einer Gesprächsstunde mit den wichtigsten deutschen Medienvertretern im „Wende-Museum“, einer Ausstellung mit mehr als 100 000 Stücken aus der DDR-Zeit und einem 2,6 Tonnen schweren Teil der Berliner Mauer.

Abends dann ein Dinner mit Thomas Gottschalk in der Privatresidenz des deutschen Konsuls. Außerdem wurde er bei amerikanischen Filmstudios vorstellig, traf Sydney Pollack, Clint Eastwood und Forest Whitaker. Kein Wunder, dass ihm am Samstagnachmittag nur 15 Minuten blieben, um den von German Films organisierten deutschen Empfang in der Villa Aurora – dem einstigen Exilwohnsitz Lion Feuchtwangers in den Hügeln zwischen Hollywood und dem Meer – mit seiner Anwesenheit zu beehren. Die Schauspieler Ulrich Mühe und Sebastian Koch hatten ihren Champagner noch nicht zu Ende getrunken, da nahm Donnersmarck nur ein paar Blocks entfernt bereits die nächste Auszeichnung in Empfang: Am Strand von Santa Monica gratulierten ihm Sean Penn, Daniel Craig und andere zum Gewinn des „Independent Spirit Awards“.

„Machen Sie sich auf einen schnell sprechenden Florian gefasst“, scherzte Donnersmarck noch tags zuvor über die knapp bemessene Zeit für die vorsorglich vorbereitete Dankesrede. Dass er dann, nach reichlich Lob für seine männlichen Hauptdarsteller und dem Satz „Ich danke Deutschland und Bayern dafür, dass sie diesen Film möglich gemacht haben“ die anschwellende Rausschmeißermusik noch für einen Moment mit einer Liebeserklärung an seine Frau übertönte, dürfte einer übel aufgestoßen sein: Martina Gedeck. Donnersmarck hatte seine weibliche Hauptdarstellerin nämlich nicht nur in der Dankesrede übergangen, sondern sie zunächst gar nicht erst zur Oscar-Verleihung eingeladen.

„Es gab leider nur vier Karten. Ein Ticket bekam meine Frau, also hatte ich noch zwei Karten für drei Hauptdarsteller“, sagte der Regisseur. „Ich musste mich entscheiden. In meinem Film treffen die Wertvorstellungen dieser beiden Männer aufeinander, mir wäre es unnatürlich vorgekommen, einen der beiden für Martina Gedeck auszuladen. Das konnte ich einfach nicht machen. Ich bin sehr für Galanterie gegenüber Frauen, aber noch mehr für Gerechtigkeit.“

Nachdem sich Martina Gedeck auf der Berlinale über Donnersmarcks Entscheidung reichlich pikiert geäußert hatte, versuchte dieser noch ein zusätzliches Ticket aufzutreiben. „Wir haben nun noch eins bekommen, und ich hoffe stark, dass sie kommt und nicht zu sehr gekränkt ist.“ Doch vergeblich: Martina Gedeck blieb zu Hause.

Es war nicht der einzige Wermutstropfen. Auch Arnold Schwarzenegger, der nach einem Skiunfall noch humpelt, kam nicht zur Verleihung. Donnersmarck sagt, dass er den Terminator-Star schon „lange, bevor das gesellschaftlich akzeptabel war“, bewundert habe. „Mein Traum war immer, ihm mit dem Oscar in der Hand auf gleicher Augenhöhe gegenüberzutreten – und nicht als einer aus der blökenden Schar von Fans.“

Die Chancen für ein späteres Treffen stehen indes nicht so schlecht: Vielleicht dreht Donnersmarck ja bald einen Film in Amerika. Eine Agentin bei CAA, der einflussreichsten Agentur in Hollywood, hat er sich bereits zugelegt, Angebote liegen vor. „Ich werde vermelden, sobald ich mich konkret für ein Angebot entscheide, muss aber gleichzeitig feststellen, dass ich mich eigentlich genauso als Autor sehe wie als Regisseur. Bei einem fremden Projekt einzusteigen, bei dem vielleicht sogar schon einige Schauspieler besetzt sind, ist eigentlich nicht meine Art zu arbeiten.“ An eigenen Ideen herrsche zudem kein Mangel: „Ich habe einen ganzen Hängeregistraturschrank voller Filmstoffe.“

Dabei strahlt Florian Henckel von Donnersmarck und klopft auf das japanische Gebetssäckchen in seiner linken Brusttasche. Ob ihm der Talisman, der ihm als Geschenk seines amerikanischen Verleihers zum Oscar verhelfen sollte, nun auch helfen wird, auf dem Teppich zu bleiben? Die Antwort: „Nicht nötig. Jetzt hebe ich ab!“

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