Zeitung Heute : Über den Abgründen

CHRISTOPH FUNKE

Johanna Schall & Ekkehard Schall: Brecht-Programm "Eins gegen Eins"CHRISTOPH FUNKEDas Leben ein Clownsspiel.Spaß muß her, über Abgründe hinweg.Und so befehden sich zwei mit roter Nase - rücksichtslos und böse - und sind einander doch herzlich zugetan.Der Mann, Ekkehard Schall, hat alles hinter sich, heiter im Traurigen, verschmitzt im Bösen.Die Frau, Johanna Schall, ist noch neugierig, jung, skeptisch zugleich.Aber die Spaßmacher tauschen auch die Rollen.Sie benutzen Brechts Lieder, Gedichte, Sprüche zu einem Galopp durchs Dasein.Der Austausch zwischen Vater und Tochter, transformiert ins Circensische, modelt die Notierungen eines Dichters um, bringt persönliche Bezüge ins Spiel.Zwei Schauspieler interpretieren Brecht, mit dem sie - anders als alle anderen ihres Fachs - verbunden sind.Der Mitmacher und die Nachgeborene prüfen, was da geschrieben steht.Und damit aller Ernst wegkommt, sind die weiten Hosen da und die witzigen Hütchen.Die Expedition durch den poetischen Urwald Brecht behält Kindliches, Trotziges.Der Mann, der die Tabus brach, kommt zu Wort als der Verzweifelte.Denn das ungeduldig erworbene Wissen über die Welt zerrann ihm zwischen den Fingern. Die Schalls erinnern an den Dichter mit Rührung - um seine Niederlagen wissend, die Kühnheit seiner Anläufe bestaunend.Im Programm "Eins gegen Eins oder ich hab (B)Recht" sind 75 Nummern versammelt, zu einem theatralischen Ablauf verknüpft.Karl-Heinz Nehring, der auch viele Kompositionen beisteuerte, ist der todernste Spaßmacher am Klavier.Ekkehard Schall läßt sich keine Wirkung entgehen: Wie er Texte gliedert, verschluckt, nach einer Pause wieder ausspuckt, in stampfende gestische Turbulenzen gerät, kennt man wohl - und ist doch wieder überrascht.Johanna Schall bringt dagegen eine Haltung des Beobachtens ein.Schlußstein des im Foyer des Deutschen Theaters umjubelten Programms, das seinen Start im Schauspiel Leipzig genommen hatte (ausführlicher Bericht Tsp.28.5.), sind die Verse "Hier steht Bertold Brecht auf einem weißen Stein" (1921).Die Ironie und die Wut, mit der sich der Dichter als fleischfressenden Esel, bußfertiges Schwein, Maulheld, Zutreiber, Speichellecker und Pfaffen bezeichnet, sind Antrieb der Unternehmung von Johanna und Ekkehard Schall.Sie wollen auf den Grund dieses Lebens und verfremden es zugleich.

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