Zeitung Heute : Über den Kampf zur Kunst

Der Tagesspiegel

Von Karsten Doneck

Hamburg. Zé Roberto pflegt gewöhnlich den kunstvollen Umgang mit dem Ball. Technisch ist er gewiss der Beste unter denen, die sich jedes Wochenende auf den Bundesliga-Spielfeldern austoben dürfen. Der Brasilianer bedient freilich nicht nur die Galerie. Wie er da im Spiel beim Hamburger SV in der 21. Minute in Höhe der Mittellinie dem Libanesen Roda Antar von hinten in die Beine grätschte, das war eines Grobians würdig, dokumentiert aber auch Zé Robertos bedingungslosen Einsatzwillen.

Nicht zuletzt wegen Spielern wie Zé Roberto gilt Bayer Leverkusen gemeinhin als Künstlertruppe. Zweifellos verfügt die Mannschaft über eine imponierende Spielstärke. Beim 1:1 in Hamburgs fast ausverkaufter AOL-Arena zeigte Bayer jedoch ein anderes Gesicht: Jeder einzelne Profi in den blauen Hemden rackerte über 90 Minuten, keiner war sich zu schade für die Schmutzarbeit. Die spielerische Linie, von Bayer unlängst in der Champions League gegen den FC Liverpool so eindrucksvoll vorgeführt, kam eindeutig zu kurz. Ursache und Wirkung: „Der HSV hat sehr engagiert gespielt, und wir haben dagegengehalten“, sagte Trainer Klaus Toppmöller.

Der Wandel der Leverkusener Kreativabteilung zur Kampfgemeinschaft hatte einen triftigen Grund. „Ich glaube, die waren ein bisschen müde“, sagte HSV-Torwart Martin Pieckenhagen. Wer müde ist, dem fehlt mitunter die Konzentration für Schönspielerei. Bayer Leverkusen bestritt schließlich schon das 53. Pflichtspiel in dieser Saison, Champions League und DFB-Pokal eingerechnet. Ob denn Bayers Akkord-Fußballern langsam die Puste ausgehe, wurde auch Klaus Toppmöller gefragt. „Nein, absolut nein“, konterte der Fußballlehrer. Eine andere Antwort war von ihm auch gar nicht zu erwarten gewesen. Oder soll er jetzt vielleicht Schwächen eingestehen, die der Konkurrenz nur Mut machen zum Angriff auf den Tabellenführer?

„Für mich ist klar, dass Leverkusen es schafft“, sagte Sergej Barbarez, der die Hamburger früh in Führung geschossen hatte und später in dem von vielen Nickligkeiten geprägten Spiel seine zehnte Gelbe Karte sah, weswegen er im Lokalderby am Freitagabend gegen den FC St. Pauli zuschauen muss. Wer sich wie Bayer Leverkusen auch an den Tagen, an denen der Kombinationsfluss mal nicht wie gewohnt zur Entfaltung kommt und die Zauberkunststückchen partout nicht gelingen wollen, derart zusammenreißt und dazu aufrafft, den Kontrahenten, in diesem Fall den HSV, dann wenigstens mit kämpferischen Mitteln zu bekriegen, wer also auch gelernt hat, die Ellenbogen zu gebrauchen, der wird sich in der Tat auf dem Weg zur Meisterschaft nicht mehr abdrängen lassen. „Angst gibt es bei uns keine“, hat Bayer-Trainer Klaus Toppmöller nach dem Abpfiff in Hamburg gesagt. „Wer Angst hat, der verliert.“

Drei Bundesligaspiele stehen bei den Leverkusenern noch auf dem Programm. Nur einmal müssen sie auswärts antreten: beim 1. FC Nürnberg. Daheim in der Bayarena, in der die Mannschaft bisher erst fünf Punkte abgegeben hat (1:1 gegen den FC Bayern, 0:1 gegen Schalke), empfangen die Leverkusener noch Werder Bremen und Hertha BSC. Da kommt Toppmöller dann auch zu dem Fazit: „Mit dem einen Punkt aus Hamburg können wir leben. Gegen diesen HSV werden es noch andere schwer haben.“ Vielleicht auch Leverkusens Rivale Borussia Dortmund, der am 27. April in Hamburg antritt.

Ein automatisches Anrecht auf Siege hat die Bayer-Elf ohnehin nicht. „In Leverkusen hat noch niemand behauptet, dass wir jetzt jedes Spiel gewinnen werden“, sagt Klaus Toppmöller. Jeder Punkt will hart erarbeitet werden - notfalls mit leidenschaftlichem Kampf.

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