Zeitung Heute : Über die Zeiten hinweg

Johannes Rau hat Deutschland geprägt – und das Bild Deutschlands in der Welt

Gerd Appenzeller

Es war ein Bild, das man nicht vergisst. Johannes Rau stand zusammen mit seiner Frau Christina an der Tür ihres Hauses im Berliner Südwesten. Er lächelte, müde, schwach, fast so wie aus weiter Ferne, aber doch irgendwie getragen von innerer Heiterkeit und Gelöstheit. Er schaute auf die Gäste, die er verabschiedete und schaute doch gleichzeitig durch sie hindurch. Menschen, die viel gesehen haben in ihrem Leben und die weiter blicken als über die Strecke ihres Lebens, haben einen solchen Blick. Zeitlos wäre der falsche Begriff dafür – über die Zeiten hinweg träfe es wohl eher.

Hose, Hemd und Pullover schlotterten, viel zu groß, um den erschreckend mager gewordenen Körper. Es war der 6. Mai 2005, ein sonniger, warmer Tag, und es war das erste große Interview, das der ein Jahr zuvor aus dem Amt geschiedene Bundespräsident einer Zeitung gab.

Eigentlich hätte damals nach dem Auszug aus dem Schloss Bellevue ein langer Urlaub kommen sollen, eine Kur. Er freute sich auf die Nordsee, den frischen Wind, die Klarheit, die Zeit zum Nachdenken. Aber die fünf Jahre im Amt hatten ihn mehr angestrengt, als er sich selbst und wohl auch seiner Familie eingestehen wollte. Die Zeichen der Ermüdung waren zum Schluss unübersehbar geworden.

Aber die Kur fand nicht statt, die Ärzte stellten eine schwere Herzerkrankung fest, am 19. August wurde dem 73-Jährigen eine künstliche Herzklappe eingesetzt. Im Oktober folgte eine zweite, später eine dritte Operation.

Auch wenn der Eingriff am offenen Herzen heute chirurgische Routine ist, auch wenn wir alle, aufgeklärt, wie wir sind, wissen, dass das Herz nicht der Sitz der Seele ist, hat uns die Erfahrung doch gelehrt, dass keiner durch eine Herzoperation unverändert bleibt. Menschen, die ähnliche Eingriffe wie Johannes Rau durchgemacht haben, beschreiben sich als physisch und psychisch kraftlos, wie aus einer tiefen Depression kommend. Der Herzpatient ist auf sich selbst zurückgeworfen, spürt eine geradezu erbärmliche Schwächung aller Lebensfunktionen. Johannes Rau brauchte neun Monate, um wieder zu sich zu finden, um am 6. Mai 2005 sagen zu können: „Jetzt ist die Phase der Genesung offensichtlich wirklich eingetreten. Aber es war eine schwere Zeit. Die erzwungene Untätigkeit hat mir sehr zu schaffen gemacht.“

Und am Ende des Interviews bittet er seine Frau, die Fotos anzuschauen, die von ihm während des Gesprächs gemacht wurden, und eines davon für die Veröffentlichung auszusuchen. Dann schaut er sich das Motiv auf einem Computerbildschirm an, mit einem kurzen Blick nur. Er kennt ja aus dem Spiegel, was er da sieht. Das Bild erschien am 8. Mai im Tagesspiegel. Es gibt in unserer Zeit wohl nur wenige Menschen, die wie Johannes Rau die Veröffentlichung eines Fotos zugelassen hätten, das ihn in seiner ganzen Hinfälligkeit zeigt. Ich weiß, dass das Leben endlich ist – das ist die Botschaft dieses Bildes.

Johannes Rau hatte sich leider getäuscht, als er hoffnungsvoll von der beginnenden Gesundungsphase sprach. Sein Körper war zu schwach geworden, um noch die Kräfte für eine Genesung entfachen zu können. Und es gibt viele Anzeichen, auch Belege dafür, dass der Kranke dieses Schicksal mehr und mehr angenommen hat und bis zum Schluss auch jene innere Ruhe bewahrte, die bei aller Leidenschaft den Christen Johannes Rau immer bestimmt hatte.

Johannes Raus politisches Leben hat sich in Berlin vollendet, in der Stadt der deutschen Einheit – einer Einheit, die dieser Mann in seinem Herzen und Verstand immer gewollt und gelebt hat, obwohl er als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident lieber Bonn als Hauptstadt des vereinten Landes gesehen hätte. Seine Sehnsucht nach Einheit war niemals politisches Kalkül, sondern gelebte Mitmenschlichkeit, genauso wie sein Bekenntnis zu Israel nicht von der Rationalität diktiert gewesen ist, sondern Herzensangelegenheit. Er hat immer wieder die DDR bereist, hat ihre Kirchen besucht, ihre Pfarrer ermutigt, ihre Menschen bestärkt, hat Ausreisewünsche entgegengenommen und befördert. Er war der erste Bundespräsident, der vor der Knesseth sprach, und er ist, oft still und ohne öffentliche Auftritte, vermutlich öfter in dem jüdischen Staat zu Besuch gewesen als irgendein deutscher Politiker. Aus der Last der deutschen Geschichte konnte es für ihn als Christen nur eine Lehre geben – Zeichen der Sühne, der Verantwortung zu setzen.

Ja, natürlich konnte Johannes Rau Machtpolitiker und Parteipolitiker sein, Strippenzieher und begeisterter Spieler auf dem Schachbrett der Einflussnahmen. Aber es gab in seinem Leben auch Prinzipien und Überzeugungen, die über allem anderen standen. Deshalb setzte er sich für die in Deutschland lebenden Ausländer ein, gerade dann, als er von ihnen forderte, sie müssten schon ihren eigenen Beitrag dazu leisten, geschätzte Mitbürger zu werden. Gerade deshalb widersprach er in Fragen der Genforschung Bundeskanzler Gerhard Schröder, weil der Christ Rau dem fortschrittsverliebten Regierungschef die Grenzen des durch Moral und Sittengesetz Gebotenen aufzeigen wollte. Und als er 1986 einen Wahlkampf um das Bundeskanzleramt unter seinem Leitmotiv „Versöhnen statt spalten“ führte, war das nicht politische Kuschelromantik, sondern Überzeugung.

Johannes Rau als Bundespräsident, das war späte Erfüllung, aber zunächst einmal schmerzhafte Erfahrung. Denn das Amt, auf das er sich gefreut hatte, war am Anfang nicht schön und vor allem nicht leicht. Es erwies sich als ganz merkwürdiges Amt, ohne all die Einflussmöglichkeiten, mit denen zu handeln der Regierungschef des größten deutschen Bundeslandes gewohnt war. Viele hatten ja einen Ostdeutschen auf diesem Posten gewollt, oder doch auf jeden Fall eine Frau – und Rau war nichts von alledem, verkörperte die alte Bundesrepublik und den rheinischen Kapitalismus, das Prinzip des Alles- miteinander und des politischen Kungelns. Er war, so schien es, im Amte zu spät gekommen, hölzern, nicht aus dieser Zeit, ein wenig gestrig gar.

Aber er strafte seine Gegner Lügen und machte sich mit der Politik nicht gemein, deren Bestandteil er doch so lange gewesen war. Herausragend seine Kritik an den Länderchefs und einem Innenminister, die in einer Bundesratssitzung zum Thema Ausländerrecht ein schädliches und schändliches Possenspiel aufführten. Oh ja, Rau, der Bürgerpräsident, konnte sehr formell und auch sehr von oben herab sein, wenn er mangelnden Respekt und Verletzung des Anstandes spürte.

Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass er sich von ganz unten hochgearbeitet hatte. Am Anfang dieses Weges hatte der Journalismus gestanden, in den sich der junge Rau stürzte, als ihn sein Vater aus Geldmangel in der neunten Klasse vom Gymnasium nehmen musste. Auf dem Literaturkolleg für junge Buchhändler holt Rau, da war er knappe 18 Jahre alt, von 1949 bis 1952 an Bildung nach, was ihm die Schule nicht mehr geben konnte. Jürgen Schreiber, Chefreporter dieser Zeitung, attestierte dem jungen Rau, er habe im Journalismus das schmerzhafte Empfinden mangelnder Ausbildung kompensiert. Am 16. Dezember 1953 schreibt er für den „Wuppertaler Generalanzeiger“ eine Meldung über einen tödlichen Sturz aus einem Oberleitungsbus – und erfährt später, dass der Tote sein Vater ist.

Seine politische Laufbahn beginnt mit einem Zeitungsartikel. Jürgen Schreiber hat das im Tagesspiegel geschildert. Der Lokalchef der „Westdeutschen Rundschau“ ruft am 3. Dezember 1952 seinen Mitarbeiter Rau an. Eine neue Partei sei begründet worden, einer der Initiatoren lebe in Wuppertal. Der Text bekommt die Überschrift: Heinemann-Partei wünscht keine Kommunisten. Es geht um die gesamtdeutsche Partei Gustav Heinemanns, des Mannes, der später einmal Bundespräsident wird und dessen Enkelin Christina Delius Johannes Rau viel später, am 9. August 1982, heiraten wird.

Der Journalismus wird Rau nie loslassen. In seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident – und das ist er immerhin 20 Jahre, von 1978 bis 1998 – liest, hört und sieht er Presse und Medien mit der Besessenheit eines ihr Verfallenen. Wenn er glaubt, einen Fehler entdeckt zu haben, telefoniert er in laufende Sendungen des Westdeutschen Rundfunks hinein. Wer am Telefon hörte: „Hier spricht Johannes Rau“, sollte besser nicht davon ausgehen, dass er gefoppt wurde. Und noch viel später, wenn man ihn in seinem Amtszimmer im Schloss Bellevue aufsuchte, konnte er schon mal einen Zeitungsausschnitt aus der Brieftasche holen und zeitgeschichtlichen Nachhilfeunterricht erteilen.

Vielleicht musste man so wie Johannes Rau aus einfachen Verhältnissen kommen, um Bildung wirklich zu schätzen. Dass die Transformation des Stahl- und Bergbaulandes an Rhein und Ruhr auch etwas mit Bildung zu tun haben würde, hatte er früher als andere erkannt. Johannes Rau war der Hochschulgründer unter den Ministerpräsidenten. Geradezu fieberhaft wollte er den Wandel der Arbeiter- zur Bildungsnation vorantreiben. Die Ruhruniversität in Bochum steht als Symbol genauso dafür wie die Gesamtschulen, die nicht deshalb teilweise in Verruf gerieten, weil die Idee schlecht war, sondern weil das Bildungsbürgertum seine Kinder lange lieber auf die traditionellen Gymnasien schickte als in die Schulen, in die auch die Arbeiterkinder gingen.

Mit der Endlichkeit des Lebens hat sich Johannes Rau schon früher befasst. Der Journalistin Evelyn Roll gegenüber erinnerte er sich an seine schwere Krebsoperation 1992. Er habe mit seiner Frau in der Nacht vor der Operation über sein Testament gesprochen, sagte er ihr. „Ich habe jedem meiner Kinder, meiner Geschwister und meiner Freunde in diesem Testament ein persönliches Geschenk gemacht. Ich habe die Lieder für die Beerdigung ausgesucht.“ Und dann habe er in jener Nacht zu seiner Frau gesagt: „Wie du die Kindern erziehst, das musst du sehen, aber sorge dafür, dass sie Jesus nicht verachten. Und dann habe ich wohl auch darüber gesprochen, dass auch Christen Angst haben. Vor dem Sterben.“

Als der Tagesspiegel im Bundestagswahlkampf 2002 als Beilage in mehreren Folgen Skatkarten mit karikierten Politikerporträts herausbrachte, rief nach einigen Tagen der Sprecher des damaligen Bundespräsidenten Rau an. Der Bundespräsident habe wegen einer Auslandsreise einige Folgen dieser Skatkarten verpasst, und ob er nicht ein komplettes Spiel erhalten könne … Als jetzt, im September 2005, eine Neuauflage des Skatspiels im Tagesspiegel erschien, hat die Redaktion von sich aus dem Präsidenten ein Skatspiel, verbunden mit Genesungswünschen, nach Hause geschickt. Als Johannes Rau nicht reagierte, ahnten alle, dass es um ihn ernster stand als seine Umgebung eingestehen wollte. Die Sorge wurde zur Gewissheit, als er an der von Bundespräsident Köhler für ihn ausgerichteten Feier zu seinem 75. Geburtstag vor wenigen Tagen nicht teilnehmen konnte.

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