Zeitung Heute : Über Gerd nachdenken

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

Mein Mädchen hat es nicht leicht in diesen Tagen. Schon klar, könnte man sagen, wer hat es leicht in diesen Tagen, in denen alle Sorgen haben, alle klagen, fragen, was jetzt ist, mit Wirtschaft, Zukunft, Arbeit, Geld. Aber sie? Geld hat sie keines, Zukunft schon, Arbeit auch, weil sich die Kitas dieser Stadt selbst in der schlimmsten Rezession zumindest den Sand zum Schippen leisten können, und mit der Wirtschaft kommt sie maximal dann in Berührung, wenn Mama sagt: „Mädchen, kümmer’ dich mal um die Sau-Wirtschaft in deinem Zimmer.“ Im Gegensatz zum großen Gerd lösen wir zu Hause dieses Problem innerhalb von wenigen Minuten.

Trotzdem hat sie die Krise. Und Schuld daran bin – ich, nur ich. (Es gibt zwar Übelmeinende, die dem großen Gerd und seinem Saustall die Schuld an unserer Malaise in die Schuhe schieben wollen, aber das würde ich mir nie erlauben. Schließlich räumt bei meinem Mädchen auch die meiste Zeit die Mama auf.) Also: Mein Mädchen ist in Berlin, ich bin in Wien, vier Tage die Woche verbindet uns nur das Telefon, was zugegeben nicht einfach ist.

Als ich ihr neulich zu erklären versuchte, dass sie nur noch „dreimal schlafen gehen muss, und dann ist Papa wieder da“ stutzte sie. – „Ich habe schon geschlafen.“ – „Ja Mädchen, weiß ich, ist ja auch erst halb neun Uhr morgens. Dreimal musst du noch schlafen, dann ist Papa wieder da.“ – „Mag nicht schlafen. Bin gerade aufgestanden.“ – „Sowieso Mädchen, nicht doch, niemand verlangt dass du gleich ins Bett gehst.“ Erst schweigen - und dann heulte sie los. „Musst du ihr solche Angst machen?“ keifte mich die Mutter an.

Oder am Montag. „Papa ist weggelaufen“, sprach sie mit ihrer glockenhellen Stimme ins Telefon, „und ich bin traurig.“ Erst schweigen – und dann heulte ich los. Wie erklärt man einer Zweijährigen, das Pendeln nicht automatisch mit dem Auflösen einer Kleinfamilie gleichzusetzen ist?

Aber nun ist Wochenende, und jetzt steht Programm an, aber hallo. Buch lesen, Mittagsschlaf (gemeinsam!), malen, Spielplatz gehen, schlafen (nochmals gemeinsam!!). Alle Regeln sind außer Kraft, sie darf alles, weil Papa ja nicht bös’ sein kann, weil er sie sowieso so selten sieht. Also vergisst sie die Tischmanieren, saut mit Essen und Buntstiften, will ständig nur die eine Kinderkassette hören, sie benimmt sich auf dem Spielplatz daneben, zieht sich die Stiefel aus, um in die Pfützen zu springen, und lässt die Stiefel dafür in der Wohnung an.

Besonders schlimm ist es nachts. An sich hat sie ein eigenes Zimmer (siehe oben) und da steht ein Bett, IHR Bett. Seit das dort steht herrscht strengstes Mama-Papa-Bett verbot. Und jetzt? Ein leises „Läuft Papa wieder weg?“ genügt, und schon schlummern sechs Beine auf 1,40 Meter Breite.

Ja, ich habe es auch nicht leicht in diesen Tagen. Vielleicht sollte ich mich doch mal beim großen Gerd beschweren. Markus Huber

Für Pendler-Väter, die sich nächstes Wochenende keine schmutzigen Füße holen wollen empfiehlt sich die 2. Internationale Wintersport-Olympiade für Stofftiere, ein echtes Muss für Familien mit Stofftieren. 8., 9. Februar, Amphitheater im Mauerpark, 12 – 16 Uhr. Nähere Infos: www.Clubreal.de

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