Zeitung Heute : Über Neue reden

Chinas Volkswirtschaft ist die fünftgrößte der Welt – und sorgt beim Wirtschaftsforum für Gesprächsstoff

Bernd Hops

China ist ein Kernthema beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Wie verändert der ökonomische Aufstieg des Landes die weltwirtschaftliche Zusammenarbeit?


Chinas Wirtschaftswachstum als beeindruckend zu bezeichnen, könnte schon als Untertreibung gewertet werden. Während in Deutschland darüber orakelt wird, ob nicht mal wieder ein Plus von zwei Prozent drin ist, legt die Milliardennation eine Rate von 9,9 Prozent für 2005 vor. Und es gibt kaum jemanden, der daran zweifeln würde, dass die Zahl in diesem Jahr wieder ähnlich hoch ausfällt.

Lange war das bevölkerungsreichste Land der Erde für die Weltwirtschaft von untergeordneter Bedeutung. Durch die Öffnungspolitik seit Ende der 70er Jahre hat sich das grundlegend geändert. Wer die globale Ökonomie betrachtet, kommt an China nicht mehr vorbei. Spätestens seit vor anderthalb Jahren der überraschend stark gestiegene Bedarf an Energie die Rohölpreise weltweit in die Höhe trieb, ist es jedem bewusst geworden. Deshalb ist die Entwicklung der Wirtschaftsnation China beim diesjährigen Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos eines der zentralen Themen – neben dem ebenfalls aufstrebenden Indien, das aber hinter China zurückliegt, weil dort die ökonomische Öffnung erst Anfang der 90er Jahre angegangen wurde.

China hat in den vergangenen Jahren das Kunststück eines konstant hohen Wachstums vollbracht – und sich eine Stellung in der Weltwirtschaft zurückerobert, die das Land zuletzt vor etwa 200 Jahren hatte. Seit 1995 lag die Steigerungsrate für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) immer zwischen knapp acht und gut zehn Prozent. Der Lohn: 2005 ist China nach der Größe seiner Volkswirtschaft – 2,23 Billionen Dollar – auf Platz fünf vorgerückt und liegt jetzt vor Frankreich. Noch stärker sind nur die USA, Japan, Deutschland und Großbritannien. Nimmt man die Kaufkraftparität als Maßstab – dabei wird das unterschiedliche Preisniveau in den Ländern mit einbezogen –, dann steht China sogar noch besser da.

China wächst aber vor allem als verlängerte Werkbank seiner Nachbarländer und als Exportnation. Viele japanische oder taiwanesische Firmen zum Beispiel entwickeln ihre Produkte zwar in ihrem Heimatland, stellen dort auch den Großteil der Komponenten her, lassen diese aber in China zusammenschrauben und dann in westliche Industrienationen exportieren. Der jüngste Aufschwung Japans ist auch der Nachfrage nach Importen Chinas zu verdanken. Die andere Seite der Geschichte ist aber auch ein wachsender Exportüberschuss Chinas insbesondere gegenüber den USA. 2005 erreichte der Überschuss ein Rekordhoch von 102 Milliarden Dollar. China ist der wichtigste Exporteur von elektronischen Produkten weltweit. Auch bei Textilien kann die Konkurrenz kaum mithalten, wie der Importstreit mit der EU im vergangenen Jahr zeigte.

Für Deutschland hat der Aufstieg Chinas viel Positives. Während zum Beispiel südeuropäische EU-Mitglieder die Textilimporte wegen ihrer eigenen Hersteller einschränken wollen, sind die chinesischen Produzenten für die deutschen Textilmaschinenbauer gute Kunden. China ist auf ausländische Technologie angewiesen, um sich zu entwickeln. Außerdem wird viel Geld investiert – in neue Fabriken und einen rasch wachsenden Immobiliensektor. Fast die Hälfte des Wirtschaftswachstums im vergangenen Jahr ging nach Angaben der amtlichen Statistik darauf zurück. Doch auch der inländische Konsum entwickelt sich und hatte einen Anteil am Wachstum von einem Drittel. Das könnte die Skeptiker im Westen beruhigen, die den Markt von chinesischen Waren überschwemmt sehen. Schon bald könnte China auch als Konsumentennation an Bedeutung gewinnen.

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