Zeitung Heute : Über Verbrechen à la Mitte staunen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

Falls Sie zu den Menschen zählen, die hin und wieder durch die Mitte von Berlin spazieren, sind Ihnen die „Rosenhöfe“ längst aufgefallen. Noch nicht lange her, da war dort nur ein unscheinbares Haus, das aber jenes Potenzial besaß, in der Rosenthaler Straße direkt neben dem Hackeschen Markt zu stehen. Ein etablierter Architekt nahm sich seiner an und fabrizierte aus dem kleinen Häuschen eine farbenfrohe Scheußlichkeit.

Nach einem kompletten Umbau ließ er die Fassade rosa streichen und kombinierte sie mit mintfarbenen Gitterstäben, an denen ebensolchen Kugeln prangen. Das Haus sieht jetzt aus, als hätten Walt Disney und die Heilsarmee gemeinsam einen Knast gebaut - sozialverträglich und für den feinsinnigen Insassen. Soll es natürlich überhaupt nicht sein, nur ein weiterer kleiner Höhepunkt zwischen Oranienburger und Alter Schönhauser Straße.

Zu meinem Erstaunen ist nur wenige Meter von den Rosenhöfen entfernt, dort wo die guten Schuhläden sind, noch ein anderer Freund der Kunstschmiede aktiv geworden: Ein Rechtsanwalt ist Hausbesitzer und teilt das gleich am Eingang mit. Obwohl er ein Eisentor aus Blätterranken vor die Einfahrt baute und das ganze ambitioniert „Kunsthaus Mitte“ nannte, war er sich nicht zu schade, aufzulisten, was man mit seinem Eigentum alles NICHT anstellen darf. Das rot gerahmte Schild listet solche Vergehen auf wie „Lärmerzeugen, Abstellen von Fahrrädern, Wände-Beschmieren, Glasscheiben-Einritzen, Urinieren und Kot-Abdrücken“. Jawohl, das steht unter anderem auf dem großen Schild über der Klingelanlage. Würden Sie in einem Haus wohnen wollen, von dem Sie mit solchen Wörtern begrüßt werden?

Stellen Sie sich mal vor, dass diese Belehrungen das erste sind, was Ihre Gäste sehen würden, wenn sie Sie besuchen kämen. Da hätte der Rechtsanwalt doch besser das bürgerliche Strafgesetzbuch aufhängen sollen. Aber so bekommt seine Liste eine doppelsinnige Bedeutung. Glaubt er etwa, dass dies die schwersten Verbrechen sind, die es in dieser Gegend zu verhindern gilt? Oder ist es ihm völlig egal, wenn man sein Haus eventuell mit Farbbeuteln bewirft und anzündet, Dachziegel klaut, Scheiben zertrümmert, Passanten verprügelt oder Bayern ermordet?

Schlendern Sie bei Ihrem nächsten Rundgang durch Mitte doch mal am Kunsthaus vorbei und lassen Sie sich ein bisschen inspirieren. Die schmiedeeisernen Geländer aus rankenden Blättern sind zwar kaum etwas, das den Namen Kunst verdient, dafür stehen noch ein paar echte Zeugen der deutschen Teilung im Hinterhof. Und die sind bekanntlich selten, zumindest im Herzen Berlins. Zwei bunte Segmente der Berliner Mauer erinnern an einen erschossenen DDR-Flüchtling von 1986.

Warum die Teile gerade dort stehen, wird zwar nicht verraten, aber Berlinbesucher bekommen mal eine Ahnung, wie hoch die Mauer war und wie sie so aussah. Tja und dann können Sie ja überlegen, was das Kunsthaus Mitte noch bereichern könnte und einem Rechtsanwalt gefällt.

Kunsthaus Mitte, Rosenthaler Straße 50 und Rosenhöfe, Rosenthaler Straße 36

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