Zeitung Heute : „Überflieger sind verrufen“

Bewerbungstrainer Christian Püttjer über Sympathie, Kreativität und Selbstsicherheit im Job-Interview

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Herr Püttjer, haben nur die jüngsten, kreativsten, schönsten und teamfähigsten Menschen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt?

Nein. Jeder hat eine Chance, der in der Lage ist, von sich aus Gründe zu liefern, warum ihn eine Firma nehmen soll. Heute hat der Bewerber eine Bringschuld für Einstellungsargumente. Das ist ein Trend, den es vor fünf Jahren so nicht gab. Früher war man den Bewerbern gegenüber wohlwollender. Jung und schön müssen Sie nicht sein. Sympathie spielt zwar eine Rolle, die kann man aber beeinflussen.

Wie?

Sympathie ist konkret. In Vorstellungsgesprächen müssen Sie konkret sein, Sie müssen auf eine Beispielebene kommen. Ein Personaler kann nichts anfangen mit der Aussage: „Ich bin hochmotiviert, teamfähig und leistungsbereit.“ Sagen Sie lieber: „Ich arbeite gerne, ich habe mich neben dem Tagesgeschäft auch an Verkaufsförderungsaktionen in einer bereichsübergreifenden Gruppe beteiligt.“ Benennen sie konkrete Beispiele.

Warum schreiben Firmen in Ihre Stellengesuche so hohe, manchmal kaum erfüllbare Anforderungen?

Das kann zwei Gründe haben: Entweder sie betreiben Personalmarketing und haben gar keine Stelle zu vergeben. Sie wollen ihren Kunden zeigen: Wir beschäftigen nur die Jüngsten und Besten. Große Konzerne oder Versicherungen machen das gerne. Lassen Sie sich davon bloß nicht entmutigen.

Und der andere Grund?

Die Unternehmen wollen testen, ob sich die Bewerber den Job wirklich zutrauen. So schrecken sie Leute ab, die sich unsicher sind.

Selbstsicherheit ist also wichtig?

Sie sollten kein Aufschneider sein, aber wissen, was Sie können.

Wie zeige ich das im Bewerbungsgespräch?

Trainieren Sie Ihre Körpersprache. Sie müssen wissen, wie Sie in Stresssituationen reagieren. Lassen Sie sich filmen, um Macken zu entdecken. Vermeiden Sie Verschränkungsgesten, schlagen Sie nicht die Beine übereinander. Sitzen Sie aufrecht.

Warum wünschen sich viele Firmen kreative Bewerber?

Die Formulierung kann eine Falle sein. Top-kreative Überflieger sind verrufen: Sie wechseln schnell den Arbeitgeber, ziehen jede Karriereoption und sind schnell wieder weg.

Wie präsentiert sich ein Bewerber denn solide genug?

Eine Minimalanforderung: Sie müssen Ihre Selbstpräsentation im Griff haben. Erzählen Sie von sich im Gutachten-Stil: Was bringen Sie für Qualifikationen mit? Die Personaler ziehen Ihnen nichts aus der Nase. Achten Sie darauf, dass Ihr Profil zur Stelle passt. Das muss nicht hundertprozentig sein, es gibt keinen Idealbewerber. Wenn Sie Direktmarketingleiter werden wollen, kann erste Projekterfahrung reichen. Übertreiben Sie nicht, sprechen Sie aber in Aktivformeln: „war beteiligt an“, „habe Erfahrungen gesammelt“, „konnte mich einarbeiten in. . .“.

Anzeigen sind oft unterteilt in „Ihre Voraussetzungen“ und „Künftige Aufgaben“.

Genau da machen viele einen Fehler und gehen im Bewerbungsgespräch nur auf „Ihre Voraussetzungen“ ein – wie Teamfähigkeit und Hochschulabschluss. Damit heben Sie sich nicht ab. Zeigen Sie, dass Sie den „Künftigen Aufgaben“ gewachsen sind. Sprechen Sie darüber, was Sie können. Damit überzeugen Sie.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

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