Zeitung Heute : Überflieger

Von Tempelhof nach Tokio, direkt, ohne lange Sicherheitskontrollen, mit Champagner. Die Firma Netjets ist das Gegenteil der Billigflieger: extrem teuer

Flora Wisdorff[London]

Die Stimme von Lieven Delamper ist sanft und freundlich, wenn er dem Gast ein Glas Champagner anbietet. Delamper ist kein Kellner, er ist Pilot, 37 Jahre alt, Belgier. Er fliegt Menschen mit sehr viel Geld, Menschen wie Claudia Schiffer, Lance Armstrong, Tiger Woods oder den Chef von General Electric um die Welt. Delamper nennt sie „Individuen mit hohem Nettowert“. Das sei politisch korrekter, sagt er. Die Hand steckt er wie Napoleon in die Knopfleiste seiner Uniform. Er legt großen Wert darauf, dass auch das Flugzeug gut aussieht – schließlich ist es das Eigentum seiner Kunden. Die Cessna Citation Excel auf dem Londoner City-Airport wurde eben noch blitzblank geputzt. Drinnen stehen Obstkorb und Blumen, es läuft klassische Musik, die Holzvertäfelung glänzt.

Die Fluggesellschaft, bei der Delamper arbeitet, heißt Netjets. Man kann bei ihr einen Teil eines Flugzeugs kaufen. Bei dem Modell Citation Excel, das eine Reichweite von 2000 Kilometern und Platz für sieben Personen hat, kostet zum Beispiel ein Sechzehntel 681 250 Dollar. Unter einem Sechzehntel geht es nicht – dafür darf man dann aber auch 50 Stunden im Jahr fliegen. Allerdings muss man monatlich 8047 Dollar Wartungsgebühren und pro Flugstunde noch einmal 2660 Dollar drauflegen. Der Vorteil für Firmen – sie können das eigene Flugzeug-Stück als Eigentum von der Steuer abschreiben – wie eine Immobilie. Oder man steigt erst mal mit einer „Marquis Jetcard“ ein. Die kostet 114 000 Euro für 25 Flugstunden in der kleinsten Maschine.

Für beide, den Flugzeugteil-Inhaber wie den Kartenbesitzer, gilt: Wer zur so genannten „Netjets-Gemeinschaft“ gehört, kann sich innerhalb von zehn Stunden einen Jet bestellen – in ganz Europa. Er hat die Wahl zwischen 1000 Flughäfen. Und kann, wenn er möchte, von Berlin-Tempelhof direkt nach Tokio fliegen.

Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren. In den letzten Jahren ist die Zahl der Flugzeugteil-Besitzer immer größer geworden. In den USA macht Netjets seit Jahren Gewinne, in Europa rechnet das Unternehmen damit, dies 2005 zum ersten Mal geschafft zu haben. Denjenigen, für die Geld keine Rolle spielt, dauert der klassische Flug mit Anstehen beim Sicherheitscheck und Verspätung einfach zu lange. Daran ändert auch die erste Klasse nichts.

70 Prozent der Netjets-Kunden sind Firmen, 30 Prozent fliegen privat auf eigene Kosten. „Die Währung, mit der die Firmenchefs handeln, ist heutzutage Zeit“, sagt Mark Booth, 49 Jahre alt, Europa-Chef von Netjets. Booth trägt einen lilafarbenen Pullover, spricht mit amerikanischem Akzent, rasend schnell, mit leiser Stimme. „Der Wettbewerb wird immer härter, die Manager müssen immer produktiver werden“, sagt er. Die Globalisierung hat Netjets auf die Sprünge geholfen. Immer mehr Firmen lagern Unternehmensteile aus, das Kapital wandert um die Welt. Das Führungspersonal muss viel reisen, etwa in entlegene Gegenden in Osteuropa, die bei der Lufthansa zum Beispiel gar nicht auf dem Flugplan stehen.

Gerne belegt Netjets seinen Vorteil mit „Reisezeitbeispielen“: London-Zentrum – New York-Zentrum: 8 Stunden 41 Minuten bei Netjets, etwa 12 Stunden bei British Airways. Die kleineren Jets können höher fliegen als die Airbusse und Boeings, und so Staus im Luftraum meiden. Die Flughäfen sind klein und die Sicherheitskontrollen dauern nicht lang. Das „Jet-Centre“ am Londoner City-Airport besteht aus einem Bungalow mit drei Warteräumen, kein Luxus. „Das ist nicht nötig, weil die Passagiere ja kaum warten müssen“, sagt Pilot Lieven Delamper. Von den Warteräumen blickt man direkt auf das Rollfeld, die Flugzeuge sind nur Schritte entfernt. Netjets-Kunden können sich mit einer Limousine zum Flughafen fahren lassen.

Das Geschäftsmodell hat der Gründer von Netjets in den 80er Jahren erfunden. Richard Santulli, jetzt weltweiter Geschäftsführer von Netjets, war damals Investmentbanker bei Goldman Sachs und wollte sich ein Privatflugzeug kaufen. Für sich allein fand er das zu teuer. Also entwickelte der Banker, der auch Mathematikprofessor ist, ein kompliziertes mathematisches Modell, das ein Flugzeug für mehrere Teilhaber nutzbar macht. Die Schlüsselfrage war: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle Teilinhaber den Jet gleichzeitig nutzen wollen?“ Um das auszurechnen, kaufte Santulli 1986 den schon 1960 gegründeten Jetvermieter Executive Jet und gab die Daten in seinen Computer. 1986 gründete er Netjets. Weltweit betreibt die Firma mit knapp 600 – allerdings kleineren – Flugzeugen die siebtgrößte Flotte, in Europa hat das Unternehmen knapp 80 Maschinen.

In den USA nutzt fast jede große Firma Privatflugzeuge, es gibt über 9000 Business Jets. In Europa sind es erst 1200. Es ist nicht so leicht, die Europäer vom Luxus-Fliegen zu überzeugen. Auch deshalb tut der Pilot Lieven Delamper so geheimnisvoll wie ein CIA-Agent. Unter keinen Umständen will er sagen, wer in einer Stunde zu ihm in die Maschine steigen wird. Selbst Firmenbosse wollen verbergen, dass sie privat fliegen. Auch deshalb lief das Geschäft erst nicht so gut, als Netjets 1996 nach Europa kam. In den USA, wo das Unternehmen sein Hauptgeschäft macht, sind die Reichen anders. Sie zeigen ihr Geld gerne. Noch sind die europäischen Jets mit dem US-Innendesign ausgestattet, mit Schnörkeln auf den Teppichen und goldenen Rändern an den Armlehnen. „Das wird sich bald ändern“, sagt Delamper. Das Design soll schlichter werden. Privat fliegen soll kein schlechtes Gewissen mehr machen, sagt Marc Booth. Der Amerikaner hat Erfahrung mit dem Verkaufen in Europa: Er führte das digitale Fernsehen in Großbritannien ein und auch für die Gründung von MTV Europe war er verantwortlich.

Das private Fliegen sei demokratischer geworden mit Netjets, sagt Booth. „Vielleicht sind wir noch eine ziemlich kleine Demokratie, aber vor 20 Jahren musste man der Boss eines Riesenunternehmens sein, um überhaupt Zugang zur privaten Fliegerei zu haben, oder ein Supermilliardär. Jetzt kann man sich schon für 114 000 Euro eine Karte bei uns kaufen.“ Diejenigen, die mit Netjets fliegen, seien nicht nur reich, sie seien auch „schlau und haben ein kleines Ego, sie sind nicht eitel“, sagt Booth. Immerhin hätten sie es nicht nötig, ihre Initialen auf einem Jet zu sehen, der nur ihnen alleine gehört.

Mit einer Image-Kampagne hat Booth es geschafft, die Kundenzahl in Europa von 89 auf fast 1000 zu steigern. Weltweit besteht die „Gemeinschaft“, wie Booth seine Kunden nennt, aus 5000 Mitgliedern. In Deutschland gibt es derzeit 70.

„Wie kommt man an jemanden heran, der seine eigene Post nicht öffnet und sich ohnehin jeden Wunsch erfüllen kann?“ sagt Booth. Seine Lösung: „Wir machen Sachen, die man mit Geld nicht kaufen kann.“ Die exklusive Gemeinschaft ist der Köder. Mitglieder organisieren etwas für Mitglieder. Mitte Oktober gab Fußballer und Netjets-Kunde Ronaldo den Kindern anderer Kunden einen Tag Fußballunterricht. Die Rockband U 2, ebenfalls Flugzeugteilhaber, gab ein Exklusivkonzert für 200 Mitglieder.

Im vergangenen Frühling startete Netjets eine Kooperation mit Lufthansa. Ab 4500 Euro können sich Passagiere der ersten Klasse mit Netjets von den großen Drehkreuzen zu ihren endgültigen Zielen fliegen lassen. Wenn er über Deutschland spricht, klingt Mark Booth besonders enthusiastisch. „Ich werde das jetzt durchziehen“, sagt er. Es gebe hier sehr viele, die sich den Luxus des Privatfliegens leisten könnten. Nur tun sie es noch nicht, aus Bescheidenheit.

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