Zeitung Heute : Überwachen und Schlafen

Yogakurse, Drogen, Minizellen: Im Gefängnis werden Straftäter verwöhnt oder verroht – je nachdem, wen man fragt. Es sind Mutmaßungen. Einblicke in eine Welt hinter tausend Stäben

Verena Friederike Hasel

Dort, wo an einer Tür normalerweise die Klinke angebracht ist, auf bequemer Höhe für die ausgestreckte Hand, sitzt hier ein Schloss. Die Klinke kommt erst 30 Zentimeter weiter oben. Auf der Jugendstation der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Berlin-Lichtenberg sind Schlösser wichtiger als Klinken. Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung. Die Beamten brauchen sich weder zu bücken noch zu strecken, wenn sie die Zellentüren auf- und zusperren. Die inhaftierten Mädchen dagegen müssen nach oben langen.

Acht Quadratmeter sind es, die zwischen der blauen Stahltür und dem Fenster mit seinen Eisenstangen liegen, acht Quadratmeter hinter den Sichtschranken der Gesellschaft: Hier sitzen Mädchen wegen Drogendelikten, wegen Raubüberfällen, wegen Mordversuchen. Hier wird, je nachdem, wen man fragt, resozialisiert oder bestraft, verwöhnt oder verroht, eingegliedert oder ausgestoßen. Spekulationen alles, Mutmaßungen über eine Terra incognita. Wenn die Tür zugeht, sind die Inhaftierten allein in ihrer Welt auf der Zelle.

„Meine Hütte“, sagen manche Mädchen, und durch den Kopf zieht das Bild von einem Unwetter, vor dem man Schutz suchen kann in einem windschiefen Häuschen mit Bollerofen. In Kareemas Hütte dagegen stehen nur ein weißes Stockbett, ein Regal und ein Schreibtisch; über ihm hängt ein Foto, auf dem ist Kareema mit einem anderen Mädchen zu sehen. Die beiden sind so inniglich umschlungen, dass man kaum sagen kann, wo die eine aufhört und die andere anfängt, Kareemas lange dunkle Haare fließen hinein in die blonden der anderen – große Augen, lachende Münder in einem Meer von Haaren.

Kareema reichen die Haare fast bis zur Taille, dicht und glänzend sind sie und fast 15 Zentimeter länger als damals, als sie hineinkam in die Zelle. Kareema ist 18 Jahre alt, seit einem Dreivierteljahr wartet sie auf ihre Verhandlung – viel Zeit, um jemanden kennenzulernen: Das blonde Mädchen auf dem Foto, sagt Kareema, das sei ihre Zellengenossin Vivian, inzwischen ihre beste Freundin. Sie sei froh, mit Vivian auf einer Zelle zu sein, sagt Kareema. „Da kann man noch quatschen zum Einschlafen.“

Zwei Mädchen im Stockbett, die eine oben, die andere unten, Wisperlaute in der Nacht – eine Szene wie auf einer Klassenreise. An anderen Orten im Knast kehrt dieser Eindruck wieder, im Aufenthaltsraum beispielsweise, wo Jana und Nadine auf dem blauen Sofa hocken und die Bewegungen der Tänzer auf MTV kommentieren, oder in der Küche, wo ein paar Mädchen gerade einen Kuchen backen und mit dem Teig herumblödeln.

Und auch sonst immer wieder Ferienlager-Ingredienzien: Jeden Mittag gibt es eine warme Mahlzeit, wählen kann man zwischen drei Gerichten, heute zum Beispiel ist Wurst im Angebot. Die sei ganz gut, sagen die Mädchen, nicht zu empfehlen seien dagegen die ewig matschigen Kartoffeln. Am Vormittag haben die Mädchen Unterricht, Jana geht zum Computerkurs, dafür bekommt sie Geld, 10,56 Euro am Tag, und nachmittags zwischen 16.30 Uhr und 19 Uhr können sie sich außerhalb ihrer Zelle aufhalten, davon eine Stunde auf dem Innenhof. „Freistunde“ heißen diese zweieinhalb Stunden hier. In dieser Zeit spielt Jana einmal pro Woche in der Theatergruppe mit, hat selbst einen der Texte für das nächste Stück verfasst, ansonsten gibt es einen Yogakurs und eine Band, Weihnachtsfeiern und Sommerfeste. Eine Justizministerin kam mal zu Kaffee und Kuchen vorbei, auf jeder Zelle steht ein Fernseher, und mitunter weint eine Beamtin, wenn ein Mädchen entlassen wird. Was sie am meisten vermisse, sei ein Solarium, sagt Maren, 18 Jahre, Kodderschnauze, dabei immer leicht schelmisch. Und noch während sie spricht, prustet sie los, gemeinsam mit den anderen: Eine Sonnenbank auf der Zelle, stellt euch das mal vor.

Jetzt könnte man gehen und den Knast als Jugendherberge mitnehmen, doch gerade als man dieses Bild einfrieren will, wechselt es: Marens Lachen verschwindet, sie legt den Kopf schief und horcht. Stille. „Hört ihr das auch?“, fragt sie. Weiter Stille. Nun horchen alle. „Da rasselt doch ein Schlüssel.“

Der Klang des Schlüsselbundes der Beamten, er hat sich eingenistet in den Ohren der Mädchen. Anderswo ist dieses Geräusch meist banal, mitunter auch angenehm, auf einer dunklen Straße etwa, wenn man plötzlich Schritte hinter sich hört, klimpert einen der eigene Schlüssel beruhigend nach Hause, in Sicherheit. In den Händen anderer, an einem Ort wie dem Gefängnis gewinnt das Geräusch eine neue Bedeutung. Sie wisse noch genau, wie sie in ihrer ersten Nacht im Knast nicht schlafen konnte, weil sie unentwegt dieses Rasseln gehört habe, sagt Jana. Ob sie die Schlüssel nicht fest in der Hand halten könnten, haben die Inhaftierten die Beamten schon einmal gefragt. Vergeblich, sie klappern weiter mit den langen, zackigen Schlüsseln, so als müssten sie sich, wenn sie den ganzen Tag hinter Gittern sind, in einem fort ihrer Identität versichern: Nicht Gefangene sind sie, sondern Wächter, sie sind nicht eingeschlossen – sie schließen.

Heute nicht, sagten Jana und zwei ihrer Mitinsassinnen eines Tages im Winter. Heute lassen wir uns nicht gleich wieder einschließen. Die Mädchen kommen gerade von ihrem einstündigen Hofgang zurück, sie setzen sich auf die blaue Couch im Aufenthaltsraum, haken sich fest beieinander ein, weigern sich, zurück in ihre Zellen zu gehen. Die diensthabende Beamtin ruft Kollegen von anderen Stationen herbei.

Sie hätten sie in die Arme gekniffen, damit sie einander loslassen würden, sagt Jana, und eine Beamtin hätte ihr immer wieder gegen das Schienbein getreten. Dann sei sie über den Boden zurück in ihre Zelle geschleift worden. „Erst haben sie mich in die falsche geworfen“, sagt Jana und versucht ein Lächeln, das aber schnell verrutscht. Dann wurde die richtige Tür aufgeschlossen, und dahinter blieb sie dann – zwei Wochen lang 23 Stunden Einschluss am Tag, Essen nicht mit den anderen, sondern allein auf der Zelle, Theaterproben gestrichen, Fernseher weg.

Hinter der Meuterei gibt es eine Geschichte, es ist eine vom Abstand zwischen Soll und Ist: Ursprünglich war der Jugendbereich der JVA für 24 Inhaftierte gedacht, verteilt auf zwei Stationen, mit jeweils zwölf Zellen, einem Aufenthaltsraum und einer Küche, und auf jeder Station sollte stets mindestens ein Beamter zugegen sein. Tatsächlich sitzen in Lichtenberg gegenwärtig 40 Mädchen, und oft ist nur ein Beamter für beide Stationen und alle Inhaftierten da. „Der ist dann nur am Hinundherrennen und tierisch schlecht gelaunt“, sagt Nadine, 19 Jahre alt, Strubbelkopf, beulige Kapuzenjacke. Am Wochenende müssen die Freistunden wegen des Personalmangels oft auf den Hofgang verkürzt werden, die restlichen 23 Stunden sitzen die Jugendlichen dann auf ihrer Zelle, abgesehen von den Essenszeiten.

Ein Knastproblem könnte aber selbst eine Aufstockung des Personals nicht lösen: Viele Mädchen vertrauen den Beamten grundsätzlich nicht; sie sind die Schlüsselträger, sie sind von der falschen Seite. „Die arbeiten für die Justiz und nicht für uns“, sagt Nadine. Die anderen nicken. Diese Einstellung hegen sie auch gegenüber Mitarbeitern, die nicht der klassischen Schließ- und Wachtätigkeit nachgehen, wie die JVA-Psychologin zum Beispiel: „Die hat sich das Gerichtsurteil über mich schon reingezogen, die hat doch längst ihre Meinung“, sagt Nadine. „Was soll ich da noch mit der reden?“ Gegenüber einer, die auch über etwaige Hafterleichterung zu befinden hat, kann man nur verlieren: Entweder, sagt Nadine, sie lüge und schleime und bekomme auf diese Weise Lockerung, oder sie sage die Wahrheit, und dann sei sie dran.

Denn die Wahrheit lautet, dass Nadine nun wieder mit dem angefangen hat, weswegen sie hier ist: „Ein Jahr bin ich sauber gelaufen, aber jetzt mache ich halt wieder Scheiße, wenn ich rankomme.“ Scheiße, das Wort muss genügen als Wort fürs Verbotene, aber Scheiße im Knast, wie kann das überhaupt sein? Die Mädchen schütten sich aus bei so einer Frage: „Wie das Zeug hier reinkommt? Wie geil ist das denn?“ Eine Antwort gibt es nicht; es sei eben hier, punktum, genau wie sie selbst.

Auf jeden Fall ist das Zeug leicht zu haben. Zu leicht, findet Kareema. Sie wünscht sich, dass es zwei Stationen gäbe auf der Jugend: eine für BTMler – diejenigen, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben – und eine für die anderen, die Nicht-BTMler. Denn so suchen häufig auch diejenigen, die draußen nichts genommen haben, hier drinnen irgendwann mit Drogen den Weg in eine vermeintliche Freiheit von jenseits der Gitter. Anders könne man das hier drinnen nicht ertragen, sagt Nadine. „Es ist die Hölle.“

In ihrer Hölle liegt Jana meist auf dem Bett und starrt gegen die Wand, den Blick auf das Fenster meidet sie. Sieben schwarze Eisenstangen hat es, jeweils 80 Zentimeter lang, in einem Abstand von jeweils elf Zentimetern zu eng, als dass man sein Gesicht an ihnen vorbeischieben könnte. „Ich weigere mich, da rauszugucken“, sagt Jana. Ihre Baseballkappe hat Jana so tief ins Gesicht gezogen, dass man ihre Augen kaum sehen kann, sie sind klein, ebenso wie alles andere klein wirkt in diesem Gesicht: die Nase und auch der Mund, nur das Piercing nicht, das unterhalb der Lippe sitzt.

Als Jana noch nicht im Gefängnis war, war sie viel in der freien Natur, am See, im Wald. Eine in acht Stücke zerteilte Welt will sie nicht sehen. „Ich weigere mich“, wiederholt sie – Kampfeshaltung einer Eingeschlossenen, inhaftiert bis ins Jahr 2009. Der Text, den Jana fürs Theaterstück geschrieben hat, handelt vom Verlorengehen. Bei ihrer Entlassung wird Jana 22 Jahre alt sein und drei Jahre ihres Lebens abgesessen haben.

Die Zeit absitzen – das sagen die Mädchen oft und laufen dabei mit Worten immer wieder ihre Inhaftierungszeitleiste nach vorne: in zwei Wochen ein Besuchstermin, ab dem und dem Datum vielleicht Lockerung, Ausgänge unter Aufsicht und dann – der Tag der Entlassung. Jana spult auch vor, wenigstens im Kopf, will nach Hamburg, raus aus dem Knast, weg von Berlin, in ein neues Leben. Doch die Echtzeit kommt nicht hinterher, sie berechnet sich in Knastminuten, und die haben einen anderen Takt als Draußenminuten, dehnen sich und rinnen doch durch die Finger, weil man ständig nur wartet auf den nächsten Punkt eines Plans, den andere beschließen.

Silvester hatten die Mädchen um 21 Uhr Einschluss, einige von ihnen nahmen Küchenkellen mit auf die Zellen, schlugen damit um Mitternacht gegen die Gitter, wie verrückt. Irrewerden – auch davon sprechen sie immer wieder, die Mädchen, die in einer Welt zu Hause sind, in der selbst die Kühlschrankfächer Vorhängeschlösser haben und es auf Weihnachtsfeiern Zigaretten zu gewinnen gibt. In den besseren Fällen entwickeln sie nur kleine Ticks, wie Maren: „Ich muss jeden Tag mindestens zwei-, dreimal meine Zelle fegen, sonst drehe ich durch“, sagt sie. In den schlechteren Fällen greifen sie zu anderen Mitteln, nicht zu Schaufel und Besen. Was ansonsten bleibt: essen, sich eine Zigarette drehen und langweilen; dick werden, noch mehr rauchen und sich rauswünschen.

Oder abhauen. Bald wird die Temperatur von frühlingsmild zu heiß kippen. Die Theateraufführung steht kurz bevor, da ist Jana plötzlich weg. Selbst über den Flurfunk im Knast ist nicht zu erfahren, wo sie hin ist. Das Stück findet ohne sie statt. Zurück bleibt nur der Text, den sie geschrieben hat, ein Vermächtnis.

Das Leben ist draußen. Drinnen geht alles seinen vertrauten, verrückten Gefängnisgang, irgendwo zwischen Robinson-Club und Jugendfreizeitheim, Hütte und Hölle, in dem Versuch, das Paradox jedes Strafvollzugs umzusetzen: die Unfreiheit sichern und zugleich auf die Freiheit vorbereiten. Die Aufgabe zwingt die Beamten in einen ständigen Spagat, und die Mädchen absolvieren Trockenübungen, sollen außerhalb der Welt ein Leben in ihr lernen.

Mitunter scheint das zu gelingen: „Hier mache ich wenigstens die Schule“, sagt Maren. Draußen sei sie nie hingegangen. „Aber was soll ich im Knast ansonsten groß machen?“ Ähnlich wie Maren finden auch andere, die draußen immer wieder, schon auf dem Weg in die Schule, ins Driften gekommen sind, in der festgezurrten Routine des Gefängnis- alltags ein Stützkorsett. Hinter Gittern werden sie bei der Stange gehalten, wo sie außerhalb des Gefängnisses immer wieder verlorengingen. Aber der zeitweise Entzug von Anfechtungen bewirkt nicht unbedingt, dass die Frauen ihnen besser standhalten können, wenn sie ihnen erneut begegnen. Genauso wie Zwänge schützen können, verstümmeln sie auch: Bevor sie das erste Mal mit einer Beamtin Ausgang gehabt habe, sei sie furchtbar aufgeregt gewesen, sagt Maren. „Und als wir dann draußen waren, kam ich gar nicht klar. Da wollte ich nur schnell alles erledigen und dann wieder rein.“ Warum, kann sie nicht genau beschreiben. „Es war irgendwie eine andere Welt.“ Das Draußen ist fremd, verschlossene Terra incognita.

Jana kommt im prallen Sonnenschein wieder. Sie sei spazieren gewesen, sagt sie – mehr nicht. Im Knast ist gerade Sommerfest – Limo, Lärmen, Lachen, dazwischen Frauen mit stecknadelgroßen Pupillen und verschliffener Redeweise. Jana sagt, so ganz habe sie sich draußen nicht zurechtgefunden.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben