Überwachung : Big Brother

London ist die Stadt mit den meisten Überwachungskameras. Im Vorfeld der Olympischen Spiele wurde nochmal massiv aufgerüstet. Eine Reportage unter Beobachtung.

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London Luton, Flughafen, eine Durchsage: „Wenn Sie Gepäck haben, benutzen sie bitte den Aufzug, nicht die Treppen.“ Dann am Bahnhof: „Bitte halten Sie sich am Geländer fest.“ Auf dem Gleis warnt ein neongelbes Schild vor rutschigem Boden. Später am Tag, es ist ungewöhnlich heiß in London, tönt es in der U-Bahn: „Sorgen Sie dafür, dass Sie eine Wasserflasche dabeihaben.“

Dazwischen immer wieder Schilder und Durchsagen, die den Besucher aufklären, dass er gefilmt wird. Aus Sicherheitsgründen. Im Zug, im Café, im Supermarkt, im Hoteleingang und im Museum. Wie fürsorglich, könnte man denken.

Oder: Was ist hier eigentlich los?

Willkommen in London, der Stadt mit den meisten Überwachungskameras weltweit. CCTV heißen sie, „closed circuit television“. Geschlossen, weil sie ihre Bilder nur an eine begrenzte Zahl von Empfängern geben. Etwa an die Polizei, an Behörden, an Sicherheitsdienste von Warenhäusern. Statistiken sagen, dass ein Londoner etwa 300 Mal am Tag gefilmt wird.

Womit man schon beim größten Problem wäre, den Zahlen. Weil die Kameras nicht registriert werden müssen, lässt sich schwer sagen, wie viele es sind. Man müsste sie per Hand zählen. Ist es eine Kamera pro 32 Einwohner, wie eine Studie vorschlägt, also 1,85 Millionen in ganz Großbritannien? Sind es gar noch mehr?

Nick Pickles, 28, Ray-Ban-Sonnenbrille, Wildlederschuhe, hellblaues Hemd, hat jeden Tag mit diesem Problem zu tun. Er arbeitet bei der Organisation Big Brother Watch. Es ist einer dieser heißen Tage, an denen man Wasserflaschen dabeihaben soll, Pickles führt vorbei am Buckingham Palace – CCTV auf dem Dach, am Tor, im Park –, vorbei am Trafalgar Square – Kameras an der Statue von Nelson – vorbei an der Downing Street, überall Kameras. Er zeigt auf die Kameras. Touristen lärmen, irgendwo spielt ein Dudelsack, Polizeisirenen heulen, Pferdehufe klappern, bald fangen hier die Olympischen Spiele an.

Pickles Organisation recherchiert seit drei Jahren solche Zahlen: Die Briten, weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung, besitzen laut Big Brother Watch 20 Prozent aller Überwachungskameras. Etwa 60 000 kommen vom Staat. Die anderen sind privat. 660 Millionen Euro Staatsgelder sollen in den letzten vier Jahren in CCTV geflossen sein. 256 Millionen davon allein in London. Gleichzeitig sei London die am wenigsten durch Polizisten bewachte Hauptstadt der Industrienationen. „Ein trauriger Rekord“, sagt Pickles.

Die Briten stört das kaum. Zwar malte der Graffitikünstler Banksy 2008 an eine Hauswand in Londons Innenstadt: „Eine ganze Nation unter CCTV.“ Und die Band Hard-Fi schrieb machte sich in „Stars of CCTV“ über das Sicherheitsbedürfnis ihrer Landsleute lustig. Einige Kameras wurden zerstört, manche Briten tanzten davor und verlangten dann die Videos. Sie hätten schließlich ein Recht an den eigenen Daten. Echten Protest gab es nicht. Denn die Meisten auf der Insel, in manchen Umfragen bis zu 80 Prozent, wollen mehr CCTV.

„Wir hatten nie eine richtige Revolution, wir mögen unseren Staat“, sagt Pickles. „Wir glauben, dass er bessere Entscheidungen trifft als wir.“ Der Polizist, der gute Bobby, ist hier jemand, dem man vertraut. Jetzt aber gebe es immer weniger Bobbys und immer mehr CCTV. „Sobald ein Haus gebaut wird, installiert man Kameras, als wären sie ein Allheilmittel. Ganz Großbritannien erliegt der Paranoia.“ Das erste CCTV wurde 1942 in Deutschland installiert, um Raketen zu überwachen, 1965 wurden Kameras auf dem Times Square in New York aufgestellt. Zehn Jahre später in England. Margaret Thatcher wollte damit Kriminalität bekämpfen.

Die meisten Kameras kamen, als in den 90ern IRA-Terroristen in Londons Innenstadt Bomben zündeten, und noch mehr nach dem 11. September. Als Tony Blair übernahm, erzählt Pickles, habe der beweisen wollen, dass auch die Labour-Partei durchgreifen kann und deshalb die Thatchersche Law-and-Order-Politik noch weiter getrieben.

Heute gibt es Kameras in Klassenzimmern, sogar in Vorräumen von Schultoiletten. In Oxford wollte die Stadtverwaltung alle Taxifahrten mit Ton und Bild aufzeichnen. Jeder speichert Daten, solange es ihm technisch möglich ist. Auf einem Parkplatz in London St. Pancras sprechen Kameras mit ungewollten Besuchern. Ärgerlich finden die meisten daran nur den amerikanischen Akzent der Stimme.

Viele hier versuchen, Pickles’ Zahlen zu widerlegen. Tom Reeve zum Beispiel. Er sitzt in einem kleinen Café in Surbiton, einem Vorort, und lächelt in eine Kamera an der Decke. Reeve will mehr davon, viel mehr. Wenn es nach ihm ginge, könnte jede Straßenlaterne eine Kamera haben. Reeve, 46, blau-weißes Streifenshirt, leise Stimme, eigentlich Amerikaner, ist kein Hardliner. Er ist zum Beispiel gegen Gefängnisse, wie er gleich sagt. In der Hand hält Reeve die Zeitschrift, die er herausgibt, CCTV Image. Darin zeigt Samsung neuste Kameras, andere Firmen werben für Speicherkarten. Reeve nennt sich Journalist, Pickles nennt ihn Lobbyist. Der große Fehler, sagt Reeve, sei zu hoffen, dass CCTV Verbrechen verhindern könne. Abschreckend wirkten die Kameras nur bei Autodieben, die rational handeln. Aber es gehe um etwas anderes. Reeve erzählt von Menschen, die sich gestärkt fühlen, weil ein Täter gefasst wurde und vom großen Erweckungserlebnis der Briten für CCTV, als 1993 der zweijährige James Bulgar in einem Liverpooler Einkaufszentrum entführt wurde. Die Täter , zehnjährige Jungs, sah man auf Band. In sieben von zehn Mordfällen, sagt Reeve, habe CCTV maßgeblich zur Aufklärung beigetragen.

Wieder diese Zahlen. Pickles behauptet, wie auch eine Studie der Londoner Polizei, dass nur eines von 1000 Verbrechen in der Hauptstadt durch CCTV gelöst wird. Natürlich bekomme ein durch Kameras gelöster Fall mehr Aufmerksamkeit, sagt Pickles. Weil es dann Bilder gibt, die die Medien zeigen können. Er sieht einen Trend zum passiven Polizisten, zum Aufklären, statt Verhindern. Pickles will mehr Straßenlaternen und mehr Polizisten auf Streife.

Er überquert jetzt die Straße, die Ampel zeigt rot. In ein paar Jahren, vermutet er, wird die Gesichtserkennung so weit sein, dass so ein Verkehrsdelikt automatisch gemeldet würde. Er deutet auf eine dunkelgraue Kamera, die am Trafalgar Square die Autos filmt. Wer die City-Maut nicht gezahlt hat, bekommt schon heute automatisch einen Bußgeldbescheid zugeschickt. „Technologie verändert uns“, sagt Pickles.

Reeve kann das kaum erwarten. Bald könnten Kameras mit Mikrofonen einen Alarm auslösen, wenn jemand im Parkhaus zickzack läuft, wenn Glas bricht, Stimmen aggressiv klingen. Er schwärmt.

Pickles macht das Angst, jedenfalls hat er gelernt, so zu reden, als ob. Er spricht in Talkshows zu den obrigkeitsgläubigen Briten, wird berühmt, indem er für mehr Anonymität kämpft. „Orwells 1984 war als Warnung gedacht – nicht als Gebrauchsanweisung“, sagt er beispielsweise. Oder: „Wir hinterlassen ein perfektes Überwachungssystem für ein totalitäres Regime.“

Reeve lacht über den jungen Kollegen. „Die Stasi konnte das alles ohne CCTV.“ Außerdem seien die Informationen, die hier gesammelt würden, nicht personenbezogen. Die Identität würde doch erst festgestellt, wenn jemand ein Verbrechen begeht. Wer Zeit mit Reeve verbringt, fragt sich irgendwann: Ist es nicht beruhigend, wenn ein Volk denen, die es gewählt hat, vertraut? Sind die Anweisungen auf den Bahnsteigen nicht eher gute Ratschläge?

Vor Olympia wurden noch mehr Kameras in London installiert, Pickles schätzt, für 130 Millionen. Er fürchtet, dass sie bleiben. Reeve hofft es. Wer hat Recht? Man wünscht sich jetzt eine Stimme auf dem Bahnsteig, die Antwort gibt.

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