Zeitung Heute : Ukrainische Medien: Don Quixote in Kiew

Christian Domnitz

In einem Wald in der Nähe von Kiew finden zwei Männer einen verwesten Leichnam. Der Kopf ist abgehackt, er fehlt. Der verstümmelte Körper wird zur Untersuchung ins Krankenhaus des nächsten Orts gebracht. Doch einige Stunden später verschwindet er unvermittelt aus dem Leichenschauhaus. Ein Arzt soll kurz vorher noch erkannt haben, wer der Tote war: Georgij Gongadse, 31 Jahre, Journalist.

Gongadse war Chefredakteur der Internetzeitung "Ukrainska Prawda" in Kiew. Für sie schrieb er Artikel, die Korruption und Vetternwirtschaft in der ukrainischen Regierung aufdecken sollten. Viele Leser mag das von einer Hand voll Redakteuren gemachte Magazin über das Internet nicht erreichen, aber gestört hat es offenbar doch jemanden. Das erst einige Monate alte Projekt gilt als Geheimtipp für kritische Berichterstattung. Der letzte Artikel Gongadses erschien am 14. September 2000. Zwei Tage später verließ er abends gegen halb elf die Redaktion, ging hinaus auf den "Boulevard des ukrainischen Waldes". Zu Hause bei seiner Frau und seinen zwei Kindern ist er nie angekommen.

Er verschwand in einem Land, in dem Bestechung an der Tagesordnung ist. In einer Tabelle von "Transparency International", einem weltweit agierenden Netzwerk zur Bekämpfung von Korruption, steht die Ukraine auf dem dritten Platz. 90 Länder wurden im Jahr 2000 untersucht, und diesmal hat die Ukraine, was Bestechungen angeht, sogar Russland überflügelt, sagt Miklos Marschall, der Osteuropa-Referent der Organisation in Berlin. Während sich in anderen osteuropäischen Ländern demokratische Prinzipien mehr und mehr etablierten, verschlechtere sich die Situation in der Ukraine. Und, anders als in Russland, sei dort auch die Presse unter der Kontrolle eines Machtkartells, an dessen Spitze Präsident Leonid Kutschma stehe.

Mitten im Sumpf von Korruption und Clan-Fehden findet sich nun dieser tote Internet-Journalist. Und er löst eine heftige politische Krise aus, die das Land jetzt schon einen Monat lang erschüttert. Die Kiewer Studenten protestieren in einem Zeltlager auf dem zentralen "Platz der Unabhängigkeit", bis die Polizei sie wegjagt. Hunderte von Demonstranten treffen sich regelmäßig, um den Rücktritt Kutschmas zu fordern, zuletzt am vergangenen Mittwoch.

Der Leichnam aus dem Wald taucht wieder auf, beim Innenministerium. Es gibt bekannt, dass er auf keinen Fall Gongadses Leichnam sei. Alexandr Moros, der sozialistische Oppositionsführer im Parlament, hält dagegen. Die Leiche sei die des verschwundenen Journalisten. Und Moros setzt noch eins drauf: Den Mord habe der ukrainische Staatschef persönlich angeordnet.

Der weist das empört zurück: Westliche Geheimdienste hätten eine hinterhältige Intrige gegen ihn eingefädelt. Später, als ihm das niemand mehr glaubt, bittet er um internationale Hilfe bei der Aufklärung des Mordes und lädt Experten zu Nachforschungen ins Land ein. "Als Präsident brauche ich die Wahrheit mehr als alle anderen", sagt Kutschma. Gleich danach erklärt er seinem Volk, dass eine Verfassungsänderung dringend nötig sei, um das Land aus dem Stillstand zu befreien: Er, der Präsident, brauche unbedingt mehr Macht gegenüber dem Parlament. Dort trifft sich regelmäßig eine Kommission, die Kutschmas Verstrickung in den Mord an Gongadse aufklären will.

Jean-Christophe Menet, Osteuropa-Experte bei der französischen Sektion von "Reporter ohne Grenzen", hat auf einer Recherchereise mit Sergej Golowaty gesprochen, dem Chef der Parlamentskommission. "Reporter ohne Grenzen" versucht herauszufinden, warum Gongadse verschwunden ist. Das vergangene Wochenende, das russisch-orthodoxe Weihnachtsfest, verbrachte Menet mit Gongadses Witwe, ihren Kindern und Verwandten. Auch einen Termin bei Präsident Kutschma hat er bekommen. Dieser versicherte ihm, die Regierung tue alles, um den Fall Gongadse aufzuklären.

"Es geschieht immer häufiger, dass ukrainische Journalisten bedroht oder auf offener Straße angegriffen werden", sagt Menet. "In diesem Land herrscht Aggression, politischer Druck wird auf Journalisten ausgeübt, es passieren bizarre Dinge." Der freie Journalist Oleg Jelzow berichtet, kurz nach Gongadses Verschwinden telefonisch bedroht worden zu sein. Der Anrufer kritisierte "Artikel, die sehr einflussreiche Leute stören" und sagte: "Du bist der nächste auf der Liste." In den gleichen Tagen wurde Mikola Severin, der Chefredakteur einer kritischen Regionalzeitung, auf offener Straße krankenhausreif geschlagen.

Schon in Paris hatte Jean-Christophe Menet den Inhalt der inzwischen berühmten "Moros-Bänder" gelesen. Der ukrainische Geheimdienst hatte dem Oppositionsführer ein Tonband mit Telefonmitschnitten übergeben, auf dem drei Stimmen zu hören sind. In primitiver Sprache, gelegentlich fluchend, unterhalten sie sich über den unbequemen Journalisten Gongadse. Am besten sei es, so einigen sie sich, ihn von Tschetschenen entführen zu lassen, gegen ein unbezahlbares Lösegeld. Alexandr Moros sagt, die Stimmen gehörten Kutschma, seinem Innenminister und seinem Stabschef Wladimir Litwin.

Auf www.pravda.com.ua , der Internet-Seite der kritischen "Ukrainska Prawda", ist ein Foto von Gongadse abgebildet. Gleich darüber prangt symbolträchtig der berühmte Schattenriss des Don Quixote, des weltfremden Idealisten, der gegen Windmühlen kämpfte. Ganz so erfolglos scheint der Kampf des Internet-Journalisten allerdings doch nicht zu sein. "Gongadse wurde auf eine kriminelle Anweisung Kutschmas umgebracht" - 1200 Ukrainer stimmten bei einer Online-Umfrage der "Ukrainska Prawda" dieser Aussage zu.

Präsident Kutschma versucht unterdessen, den Streit auszusitzen. Das Parlament wird ihn deshalb immer wieder angreifen. Der Fall Gongadse wird schon "Kutschma-Gate" genannt. Sein Ausgang bestimmt, wer die Ukraine in den nächsten Jahren regieren darf. Das aber ist das größte Hindernis auf der Suche nach Gongadses Mördern und ihrem Auftraggeber.

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