Zeitung Heute : Um des lieben Friedens willen Warum die CDU-Kriegsgegner ihre Chefin trotzdem mögen

Peter Siebenmorgen

Am Dienstag der vergangenen Woche begrüßte Gerhard Schröder seltenen Besuch in seiner Amtsstube: Peter Gauweiler (CSU) und Willy Wimmer (CDU), jene beiden Oppositionsabgeordneten, die sich in der Union am frühesten und deutlichsten gegen jedwede Form von uneingeschränkter Solidarität mit den kriegführenden Vereinigten Staaten ausgesprochen hatten. Sie hatten viel, viel Aufwühlendes zu berichten von ihrer Reise nach Bagdad. Das interessierte den Kanzler – und zwar so sehr, dass er den beiden Parlamentariern schenkte, wovon der gewöhnliche Sozialdemokrat nur träumen kann und was selbst der Oppositionsführerin unter normalen Umständen nicht vergönnt ist: 90 Minuten seiner Zeit.

Mehr, als dass es ein Gespräch von großem Ernst und Tiefe gewesen sei, ist später keinem der Gesprächsteilnehmer zu entlocken. Es ist ihnen auch nicht ganz wohl dabei, dass der Termin überhaupt bekannt geworden ist. Denn dann folgen ja immer die peinlichen Nachfragen. Etwa die, ob sich auch Edmund Stoiber etwas Platz in seinem Terminkalender freischlagen mochte, ob er Interesse an den Reiseeindrücken bekundet habe.

Hat er nicht – im Gegensatz zu Angela Merkel. Die CDU-Vorsitzende hat sich zwar klar an der Seite der USA positioniert, „in allen Konsequenzen“, wie sie es einmal formuliert hat. Und mit diesem Standpunkt hat sie ja gegenwärtig ihre liebe Not in den Reihen der Union. Aber sie hört sich wenigstens an, was die Abweichler Gauweiler und Wimmer in Bagdad erlebt haben.

Und so ist Willy Wimmer, der natürlich auch sieht, wie wenig – im Grunde: gar nichts – er mit seinem Bericht für die Partei- und Fraktionsvorsitzende auszurichten vermag, gar nicht einmal unfreundlich gestimmt, wenn er auf Frau Merkel angesprochen wird. Sie lasse es zu, dass in der Fraktion „gute Diskussionen möglich sind“; ihre Führung habe „in den eigenen Reihen für eine unglaubliche Offenheit gesorgt“. Dass sie am Ende dennoch in einem „ungerechten“ Krieg an der Seite der USA stehe, habe immerhin ein Gutes: „Wir müssen über den Tag hinaus denken und gegenüber Washington auch wieder gesprächsfähig werden.“

An seinem Lob hält Wimmer, 60, auch dann noch fest, nachdem Volker Kauder, 53, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, zur Verteidigung des Merkel-Kurses kurzerhand die Absenkung der Pensionsgrenze ausruft: Partei und Fraktion stünden hinter der Vorsitzenden; vereinzelte Kritiker wie Peter Müller, 47, Friedrich Merz, 47, Hermann Gröhe, 42, oder der gleichfalls 53-jährige Gauweiler seien „Polit-Rentner“.

Alles also total entspannt? Könnte man fast meinen, glaubte nicht manch eigentlich bewährter Merkel-Kritiker, ihr im Kampf mit der Parteibasis beispringen zu müssen. Ende vergangener Woche wurde Helmut Kohl nach langer Zeit wieder einmal aktiv und bestellte Springer-Journalisten an seinen Hof. Wie prima sie das doch mache, wird man bald in der „Welt“ nachlesen können. Ist es wirklich wieder so schlimm um die Union und ihre Führung bestellt, dass selbst der ärgste Feind willkommene Hilfe bieten darf?

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