Zeitung Heute : Um Leben und Tod

HARTMUT WEWETZER

Wer bei der Organspende den Kreis der Verantwortung nicht auf die Angehörigen ausdehnt und auf der vorherigen Zustimmung des Verstorbenen beharrt, muß wissen, daß er vielen Menschen die Möglichkeit zur Lebensrettung nimmtVON HARTMUT WEWETZEREs kann nicht oft genug gesagt werden: Die Organspende eines Toten rettet Leben, allein hierzulande jedes Jahr hundert-, vielleicht sogar tausendfach.Sie ist ein Akt der Nächstenliebe.Umso erstaunlicher ist es, daß sich bei der Diskussion um das Transplantationsgesetz unerwartet tiefe Gräben aufgetan haben.Wohl niemand hatte noch vor ein paar Jahren erwartet, daß der von den Ärzten und Patienten gewünschte gesetzliche Rahmen für die Organverpflanzung eine so hitzige Grundsatzdebatte entfachen würde.Seit April 1996 liegt zwar ein Rahmengesetz-Entwurf vor.Es wurde parteiübergreifend von CDU/CSU, SPD und FDP eingebracht.Gerungen aber wird dennoch.Nämlich um die Kernfragen, wann ein Mensch tot ist und wer der Organentnahme zustimmen muß. Zwei Positionen stehen sich gegenüber: Eine Gruppe von Parlamentariern um Gesundheitsminister Horst Seehofer und den SPD-Gesundheitsexperten Rudolf Dreßler will den Hirntod als sicheres Todeszeichen per Gesetz festschreiben und die Organentnahme dann erlauben, wenn die engsten Angehörigen des Verstorbenen zustimmen.Beides lehnt der Gegenentwurf der Grünen Monika Knoche und der SPD-Abgeordneten Herta Däubler-Gmelin ab.Die um sie gescharten Abgeordneten lehnen den Hirntod als Todeskriterium ebenso ab wie die "erweiterte" Zustimmungslösung.Nach ihrer Meinung darf nur transplantiert werden, wenn der Spender selbst eingewilligt hat. Der Hirntod ist kein Koma, kein Zustand tiefer Bewußtlosigkeit.Er ist das unwiderrufliche Ende des Ichs, also jener Leistung des Gehirns, die den Menschen zu dem macht, was er ist.Der Hirntote kann nicht mehr atmen, seine gesamte Hirnsubstanz ist zerstört, sein Leben unwiderbringlich verloren.Damit steht der Hirntod für den Tod des Menschen, auch wenn der Kreislauf durch maschinelle Beatmung noch eine gewisse Zeit aufrechterhalten werden kann.Ist der Hirntod festgestellt, wird die künstliche Beatmung beendet, und innerhalb von Sekunden hört das Herz auf zu schlagen - wenn es nicht verpflanzt wird und neues Leben verleiht. Aber deshalb lebt der Organspender selbst nicht weiter, genausowenig wie dadurch, daß man menschliches Gewebe konservieren oder in der Kultur züchten kann.Wer den Tod erst dann für endgültig hält, wenn die letzte Zelle abgestorben ist, der argumentiert nicht etwa medizinkritisch, sondern irrational und eigentlich biologistisch.Von einer "interessegeleiteten Vorverlegung des Todeszeitpunkts" durch die Hirntod-Definition, von der Frau Knoche spricht, kann aus gutem Grund also nicht die Rede sein.Im Entwurf von Knoche und Däubler-Gmelin wird jedoch der Hirntote nicht zum Toten, sondern zum Sterbenden erklärt.Auf diese Weise setzt man dem Arzt, der dem Hirntoten Organe entnimmt, um einem anderen das Leben zu retten, paradoxerweise dem Tötungsvorwurf aus.Diese Regelung ist weder für Ärzte und Patienten akzeptabel noch entspricht sie unserem Wissensstand. Selbstverständlich darf niemandem gegen seinen Willen nach seinem Tod Organe entnommen werden, und ebenso selbstverständlich ist es erstrebenswert, wenn jeder Organspender ausdrücklich der Transplantation zustimmt.Doch nur bei höchstens jedem zehnten liegt eine zu Lebzeiten dokumentierte Entscheidung vor.Wer setzt sich schon gern mit dem eigenen Tod auseinander? Aber daraus, daß jemand nicht ausdrücklich der Organspende zugestimmt hat, läßt sich ebensowenig auf Ablehnung schließen.Forschungsminister Jürgen Rüttgers hat in einer Art Vermittlungspapier davon gesprochen, daß die Übertragung der Verantwortung auf die engsten Verwandten "vertretbar" sei und daß die Angehörigen des Verstorbenen seine "Treuhänder" seien.Und Rüttgers hat auch darauf hingewiesen, wie schwer es für die trauernden Verwandten sei, diese letzte Verantwortung zu tragen und über die Freigabe des Körpers zur Organentnahme zu entscheiden.Diese Entscheidung verdient, wie immer sie ausfällt, den Respekt der Gesellschaft.Wer allerdings den Kreis der Verantwortung nicht auf die Angehörigen ausdehnt und auf der engen Zustimmungslösung beharrt, muß wissen, daß er vielen Menschen von vorneherein die Möglichkeit zur Lebensrettung oder Lebensverbesserung nimmt.

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