Zeitung Heute : Um Polen trauern

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ich möchte Sie nicht frustrieren, aber ich muss Ihnen heute ausführlich erzählen, was für ein grandioses Festival Sie letztes Wochenende in Polen versäumt haben. Ich hatte Ihnen ja dringend geraten, nach Plock zum Astigmatic Festival für elektronische Musik zu fahren. Und: Plock war der Hit. Sonne satt, eine Bühne, die direkt am Weichselstrand stand, mit Blick aufs Wasser und Sand unter den Füßen, köstliches polnisches Pils und ein spitzenmäßiges Musikprogramm bei freiem Eintritt – das war Urlaubsstimmung pur und ein Wochenende, das ich nicht so schnell vergessen werde. Den zwölftausend anderen Partygängern, aus Warschau, Danzig, Krakau und Plock, aber auch Vilnius, Riga und Prag ging es ebenso.

Sowohl Freitag wie Samstag wurde bis etwa zehn Uhr morgens durchgetanzt. Der angereiste DJ-Jet Set aus Paris, London und Berlin war dementsprechend von den Socken. Nicht nur, weil sie eine derartige Riesenparty nicht in Polen erwartet hätten, vor allem aber, weil dieses Festival zeigte, dass auch ganz ohne monotonen Bum-Bum-Sound mit anspruchsvoller Musik ein riesiges Publikum gut gerockt und in Ekstase versetzt werden kann. Und dass die DJs dabei nicht, wie in Deutschland auf vergleichbaren Veranstaltungen üblich, Sven Väth, Westbam oder DJ Koze heißen müssen, sondern Romain BNO, Carl Craig, Louie Austen, Danny Wang oder Afronaught, die das Plock-Festival mit einem abwechslungsreichen Mix aus Broken Beats, Disco, Funk und seelenvollem Techno bespielten und dafür sorgten, dass die Arme der Tänzer durchgehend oben waren.

Viele der DJs und Musiker auf den beiden Bühnen des Festivals kamen übrigens aus Berlin. Auch wenn auf dem Programmzettel des Festivals selten Berlin als aktueller Wohnort der Künstler aufgeführt wurde. Bei dem DJ und Musiker Danny Wang stand zum Beispiel Danny Wang/New York. Bei Sasse von Freestyle Man, der jetzt ebenfalls in Berlin wohnt, stand Freestyle Man/Helsinki. Ein Phänomen, das auch in Berlin selbst häufiger zu sehen ist: Wenn Sie die New Yorker DJane Dinky ab sofort häufiger in Berlin erleben, denken Sie nicht, Sie flöge hier die ganze Zeit her: Sie ist kürzlich nach Berlin gezogen, sie bleibt aber Dinky/ New York.

Aber zurück nach Plock: Das Festival war so erfolgreich, dass es nun eine Fortsetzung geben wird. Am 7. August 2004. Merken Sie sich das!

Aber ich möchte Ihnen noch ein kleines Trostpflaster geben. Wenigstens ein bisschen Festivalstimmung können Sie morgen Abend ab 18 Uhr 30 im Haus der Kulturen der Welt erleben. Dort geht die Party-Reihe von Pop D’Europe in ihre dritte Runde, und morgen sind auf der Dachterrasse der Schwangeren Auster zwei Bands aus Barcelona und Madrid zu sehen: Die Breakbeat-Flamenco-Jazzer Ojos de Brujo und die Cumbia-Rocker Dusminguet. Gut möglich, dass bei einer solchen musikalischen Mischung und bei den Temperaturen auch bei Ihnen Urlaubsstimmung aufkommt.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10 , Samstag ab 18 Uhr 30, Pop D’Europe Festival mit Ojos de Brujo und Dusminguet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar