Zeitung Heute : Umstürzlerisch

ECKART SCHWINGER

Die Berliner Philharmoniker unter Abbado mit Mahlers ZweiterECKART SCHWINGERDas war ein Mahler, wie man ihn in dieser suggestiven Prägnanz und geistigen Klarheit selbst in Zeiten seiner Hochkonjunktur nur selten erlebt.In den "Intermezzi" der Sinfonie Nr.2 in c-Moll formten Claudio Abbado und die Philharmoniker mitunter Klänge von einer ätherischen Zartheit und Fragilität und später auch bei den apokalyptischen Ausbrüchen von einer wahrhaft umstürzlerischen Gewalt, wie sie auch Schönbergs Klangvisionen entsprungen sein könnten.Überhaupt geht Abbado selbst den kompliziertesten kompositionstechnischen Verästelungen konzentrierter, genauer und deutlicher im gestischen Charakterisieren der inneren und äußeren Gegensätze nach als andere prominente Mahler-Dirigent unserer Tage.Nach dem heftigen ersten Sturm stand der Trauermarsch wie eine fahle, furchteinflößende Klangsäule von geradezu moderner Architektur da.Auch im Finale kamen die beklemmende Bilderfülle, der Totengesang nicht als naturalistisch überrumpelnde Klangszenen herüber, sondern als überraschend zeitnahe Komposition mit grellen Zerrbildern und schmerzenden Klangstößen.Dem Auferstehungshymnus eignete ein ganz unsentimentalischer Tonfall.Der Schluß ging allerdings noch immer gewaltig genug über die Bühne. Mahlers Ekstasen, Extreme und Abgründe gewinnen gleichwohl bei Abbado niemals einen bombastischen Zug.Und man kann schon gar nicht sagen, daß er an den lyrisch vertieften und kindhaft naiven Momenten, die nun einmal zu Mahler gehören, vorüberginge.Die hintergründigen Pianissimo-Schattierungen gingen unter die Haut.Diese hochdifferenzierte, hellhörige, emotional gezügelte Mahler-Lesart wirkt herausfordernd (diese Herausforderung an die Hörgewohnheiten wurde vermutlich nicht von allen Hörern angenommen).Die Philharmoniker, inspiriert angeführt von Rainer Kussmaul, musizierten mit ganz entschlackter, fesselnder Klangschönheit, einem fortreißenden Drive und sagenhaften Steigerungsvermögen.Der Rundfunkchor Berlin und der RIAS-Kammerchor sangen mit weitgestaffeltem Klangspektrum.Marjana Lipov«sek bewegte sich mit ruhevoller Eindringlichkeit in gewohnten sängerischen Bahnen.Christiane Oelze trat leider mit zu wenig aktivierender Leuchtkraft hervor.Trotz der etwas enttäuschenden Gesangssoli und der nicht immer gerade knisternden Stille in der Philharmonie war es eine sehr gegenwartsnahe Mahler-Aufführung großen Stils.

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