Zeitung Heute : Umwege und Warteschleifen - Airlines befürchten dritten Problemsommer

Rainer W. During

Auch in der kommenden Reisesaison droht wieder das Chaos am europäischen Himmel. "Der Sommer wird so schlimm wie in den beiden vorhergegangenen Jahren", befürchtet der Generaldirektor der internationalen Lufttransportvereinigung IATA, Pierre Jeanniot. Trotz aller Harmonisierungsbemühungen sei es nicht gelungen, die Flugsicherungseinrichtungen der einzelnen Staaten unter einen Hut zu bringen.

Mit Verspätungen von mehr als 15 Minuten bei knapp einem Drittel aller Flüge war 1999 das bisher schlimmste Jahr in der Statistik. Auf rund 5,7 Milliarden Euro (zirka 11,5 Milliarden Mark) bezifferte Mike Ambrose, Generaldirektor der Vereinigung europäischer Regionalfluggesellschaften (ERA) die Kosten, die allein im vergangenen Jahr durch die Verzögerungen entstanden sind. Das entspricht 40 Prozent des Jahresetats der Flugsicherungsbehörde Eurocontrol.

Dazu kam die Umweltbelastung durch Umwege und Warteschleifen. Lufthansa spricht von einem Mehrausstoß von rund 320 000 Tonnen Kohlendioxid. Nach einem Bericht des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) könnte durch eine Modernisierung der Flugsicherungssysteme der Treibstoffverbrauch im Luftverkehr um sechs bis zwölf Prozent gesenkt werden.

Ende Januar trafen sich die europäischen Verkehrsminister in Brüssel, um Wege aus der Misere zu finden. Das von ihnen verabschiedete Programm zur Verbesserung der Luftraumsituation bezeichnete Pierre Jeanniot, als "hilfreich, aber unzulänglich". Auch Mike Ambrose hält das Ziel, die Flugsicherungskapazitäten in diesem Jahr um 5,3 Prozent zu erhöhen und die durchschnittliche Flugverspätung auf 3,5 Minuten zu reduzieren, für "unrealistisch".

Zwar hatte der Kosovo-Konflikt in der ersten Jahreshälfte für zusätzliche Umwege gesorgt, doch hat sich die Situation auch nach Aufhebung der Flugbeschränkungen über Ex-Jugoslawien nicht grundlegend geändert. Dagegen hat sich die Zahl der Flugkontrollzentralen durch den Beitritt weiterer Staaten zur europäischen Zivilluftfahrtkonferenz (ECAC) nach Angaben des Deutschen Verkehrsforums auf 68 erhöht. 17 davon haben es 1999 nicht geschafft, die nötigen Kapazitätserhöhungen zu erbringen.

Spitzenreiter in der Verspätungsstatistik der Association of European Airlines (AEA), deren 27 Mitglieder einschließlich der Lufthansa im vergangenen Jahr 185 Millionen Passagiere beförderten, ist Mailand-Malpensa. 54 Prozent aller Starts waren hier durchschnittlich knapp 49 Minuten verzögert. Dicht darauf folgen Madrid (48,4 Prozent) und Barcelona (47,9 Prozent). Im Dezember wurden 44 Prozent der "Delays" von Spanien und Frankreich verursacht. AEA-Generalsekretär Karl-Heinz Neumeister wehrt sich gegen den Vorwurf, die Luftverkehrsgesellschaften planten ihre Flugzeugumläufe zu eng. "Unsere Flugpläne orientieren sich an den von den Flughäfen vorgegebenen Bodenabfertigungszeiten."

Die seit sieben Jahren von den unterschiedlichsten Organisationen eingebrachten Lösungsansätze müssen mit weiteren Vorschlägen in ein umfassendes Aktionsprogramm eingebracht werden, fordert das Deutsche Verkehrsforum und legte einen eigenen Sechs-Punkte-Plan vor, der auf der Erkenntnis einer notwendigen Trennung von Regulierungs- und Betreiberfunktion beruht. "Bereits ohne neue Systeme und zusätzliche Fluglotsen lässt sich die Kapazität durch eine Neuordnung des europäischen Luftraumes um 30 Prozent steigern", sagte IATA-Chef Jeannoit jetzt auf der ATC 2000-Konferenz im holländischen Maastricht. Voraussetzung sei, dass die nationalen Flugsicherungen von der Kontrolle der jeweiligen Regierungen entbunden werden und auf privatwirtschaftlicher Ebene arbeiten können.

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