Zeitung Heute : Umziehen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Zum Glück kannte ich Marcus in Berlin: „Logisch, kannst Du bei mir wohnen“, sagte der. Drei Wochen später war ich auf der Autobahn. Mit meinem ganzen Kram, in einem großen, weißen Lieferwagen. Und meine Sachen?, fragte ich noch einmal über Handy nach. „Die kommen in den Keller. Haben wir doch alles bequatscht“, sagte Marcus. Dann war es eine Weile still in der Leitung. Äh, hallo? „Jaja, ich bin noch da“, sagte Marcus. „Ich gehe gleich mal nachschauen, ob der Keller noch unter Wasser steht.“

Er war fast trocken. Doch mein bleischweres Schlafsofa mussten wir in den vierten Stock schleppen. „Ist besser so, wegen der Ratten“, sagte Marcus. Wieso wir meine restlichen Habseligkeiten unten gelassen haben, kapiere ich bis heute nicht ganz.

Die WG von Marcus ist in Moabit. Bayerisch ausgesprochen hört sich das an wie „morbid“. Hin und wieder haben sie gar kein schlechtes Gespür, diese Bayern.

Immerhin steht ganz in der Nähe der WG die Siegessäule. Ein gutes Omen! Als ich sie am nächsten Morgen zum dritten Mal mit dem Velo umrundet hatte, bin ich zielsicher in die Straße eingebogen, aus der ich gekommen war. Am Nachmittag erreichte ich mein neues Büro in Kreuzberg doch noch. Ich brauchte erst einmal drei Milchkaffees um wieder ein Mensch zu werden. Dann machte ich Feierabend.

Ich hasse Wohnungssuche! Doch in Berlin lief alles prima: „Mein Vater ist so’n Jurist, und meine Mutter hat so’n Unterwäschegeschäft“, sagte Jule. Super, dachte ich: Unterhosen und Rechtsbeistand kann man immer brauchen! „Du bist mir eigentlich auch ganz sympathisch“, sagte Jule. Und zack hatte ich ein neues Dach über dem Kopf. Bei einer echten Berliner Göre, in Kreuzberg! Was will man mehr?

Blöd nur, dass Jule kurz darauf ihren Job verloren hat. Jetzt zieht sie wieder zu ihren Eltern in die Villa. Sie ist Hauptmieterin unserer WG, und wenn ich drin bleiben will, muss ich meine Großmutter verkaufen, um die Bude weiter zu finanzieren. So sind sie, die Hausbesitzer! Und das in Zeiten, in denen es nicht einmal einen Markt für ältere Menschen gibt.

Ich schaute ins Internet. Das hat mich schon zu Jule geführt. Und siehe da: wieder jede Menge Angebote! Die erste WG, die ich mir ansah, war direkt über einer Metzgerei. In der zweiten WG wird man hingegen gesteinigt, wenn man Salami oder Schinken in den Kühlschrank legt. Keine leichte Entscheidung.

Ich wählte die fleischlose WG. Aber die mussten mich ja auch erst haben wollen. So was läuft dann ähnlich wie bei der Champions League. Ich kam in die „zweite Runde“. Das war ein Abendessen. Die drei Jungs haben Lasagne gekocht, fast so lecker wie mit Fleisch. Aber das habe ich denen natürlich nicht gesagt. Bin schließlich nicht auf den Kopf gefallen.

Peinlich wurde es nur bei der Frage, was ich denn am liebsten koche. Ich kann gar nichts kochen. Dafür kam mein Bestechungsgeschenk – eine Riesentoblerone, die ich extra aus Basel mitgeschleppt hatte – super an. Am 3. Februar ziehe ich ein.

Bin schon gespannt, wann ich eine neue Wohnung suchen muss.

Die besten Berliner WG-Zimmer gibt es im Internet unter: www.studenten-wg.de

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