Zeitung Heute : Umziehen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn man erzählt, dass man bald umzieht, dann gucken die Leute erst neidisch, weil Umzüge (noch jedenfalls) eine Verbesserung bedeuten, und dann gucken sie schnell weg, weil sie Angst haben, dass sie helfen sollen.

Umzüge sind eine Zumutung. Die von anderen sowieso und auch die eigenen. Kistenweise packt man Zeug ein, dass man die vergangenen fünf Jahre nicht ein Mal angeguckt hat, und würde die Hälfte davon bei dem Gedanken, dass man das alles tragen muss, am liebsten gleich wegwerfen. Dann latscht man zigmal dieselben Treppen rauf und runter (die meisten Menschen wohnen wegen der Aussicht weit oben und zwar gerne in alten Häusern, die keinen Fahrstuhl haben), man schwitzt sich halb tot, man bricht sich der Reihe nach alle Fingernägel ab, man reißt sich die Hände an den scharfen Kartons auf, irgendetwas Schweres wird einem auf dem Fuß fallen, etwas anderes wirft man aus Versehen um und hat dann Ärger mit der Versicherung, und dann fährt man ein paar Meter und muss den ganzen Krempel in einem anderen Haus wieder ganz nach oben tragen. Mit weichen Knien und Hunger, denn ans Essen hat wieder keiner gedacht. Am nächsten Tag hat man dann überall Schmerzen.

So in etwa sind Umzüge. Und deshalb habe ich mir für meinen jüngsten Umzug professionelle Hilfe bestellt. Bei der Berliner Firma Zapf Umzüge. Die mit dem Weltkugel-Logo auf den Wagen und dem Motto „Mens agitat molem – der Geist bewegt die Masse“. Also was ganz anderes als mein Motto: Die Masse geht auf den Geist. Ich war gespannt. Durch meinen Anruf alarmiert, rollte die Zapf-Geist-Maschine an: Erst erschien ein Herr und durchmaß mit prüfendem Blick mein Heim, wobei er im Kopf ausrechnete, wie viele Kartons hier Not tun. Ein paar Tage später bekam ich einen dicken Brief mit einem Kostenvoranschlag, „Vorsicht Glas“-Aufklebern und einer Umzugsbroschüre. Dann wurden die Kartons geliefert, ich packte sie voll und nur einer blieb übrig, und dann klingelten Samstag früh wie verabredet drei Männer an der Tür. Ich hatte einen Trupp tätowierter Riesen erwartet, aber es waren drei durchschnittlich große junge Männer mit schicker Sportlerfigur.

Während sie Möbel um Möbel aus der Wohnung schleppten, saugte ich die freiwerdenden Flächen – und noch bevor ich fertig gesaugt hatte, war alles eingepackt. Ich begann, mich faul und träge zu fühlen neben so viel Einpackenergie. Die Männer hatten keine Pause gemacht, nichts getrunken, kaum etwas gesagt. In der neuen Wohnung packten sie noch viel schneller aus als ein. Der Geist bewegt die Masse, wahrhaftig, dachte ich. Mit Muskeln allein ist dies nicht zu machen. Die haben gehext.

Als die emsigen Packer weg waren, zog es mich ins Fitnessstudio. Während ich da an den Gewichten herumhebelte und -stemmte, dass ich nur so schwitzte, rechnete ich die Umzugs- und meine Fitnessstudiogebühren zusammen und schwitzte noch mehr. Den nächsten Umzug würde ich mal wieder selber machen, dachte ich. Und zwar würde ich ihn als Herausforderung an die körperliche Fitness sehen – und die Strapazen nenn’ ich Sport.

Zapf Umzüge, Köpenicker Straße 14, Telefon: 61061

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