Zeitung Heute : UN: In Mali werden eine Million fliehen

Geiseldrama in Algerien dauert an – angeblich 639 Mitarbeiter der von Islamisten besetzten Gasanlage befreit.

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Berlin - Angesichts zunehmender Gewalt in Mali stellen sich die UN auf einen großen Flüchtlingsstrom ein. Mehr als 700 000 Menschen könnten sich in nächster Zeit zur Flucht innerhalb Malis sowie in benachbarte Länder gezwungen sehen, schätzt das UN-Flüchtlingshilfswerk. Damit könnte die Gesamtzahl der seit Beginn des Konflikts im Frühjahr 2012 geflohenen Malier auf mehr als eine Million ansteigen. In einem Bericht an das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte werfen Experten den Aufständischen Massenerschießungen, Vergewaltigungen und Amputationen von Händen oder Füßen vor.

Algerische Sicherheitskräfte haben nach der Geiselnahme in einer Gasanlage offenbar fast alle Ausländer befreit. Insgesamt seien 639 Geiseln freigekommen, zitierte die Agentur APS algerische Sicherheitskreise. Ursprünglich hatte es geheißen, von den 132 ausländischen Mitarbeite würden noch 60 vermisst, am späten Abend waren nach Angaben der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI, die sich auf das Umfeld der Geiselnehmer berief, noch sieben ausländische Geiseln in deren Gewalt.

Die Armee hatte am Donnerstag eine Befreiungsaktion in der Anlage nahe der libyschen Grenze gestartet, nachdem islamistische Kämpfer dort am Mittwoch hunderte Geiseln genommen hatten. Dabei wurden offenbar mehrere Geiseln und Geiselnehmer getötet. Die Al Qaida nahestehenden Islamisten sind Verbündete von Extremisten in Mali, die einen Krieg gegen Regierungstruppen und inzwischen auch französische Soldaten führen.

Das Auswärtige Amt riet Reisenden zur Vorsicht. Der Hinweis gilt für Senegal, Marokko, Algerien, Sudan, Niger, Mauretanien, Burkina Faso, Tschad und Mali. Sowohl Kriminelle wie auch Al Qaida suchten derzeit gezielt nach Ausländern für Entführungen, hieß es.

Derweil geht die Debatte über das deutsche Engagement weiter. Die zwei deutschen Transall-Transportflugzeuge für den Einsatz in Mali sollen am Samstag eintreffen. In der Hauptstadt Bamako sollen sie Sanitätsmaterial entladen und dann in das Nachbarland Senegal weiterfliegen. Die Maschinen mit je sieben Besatzungsmitgliedern sollen Soldaten der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas nach Bamako transportieren. An dem Kampfeinsatz beteiligt sich Deutschland nicht. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sagte nach einem Treffen mit seinem französischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, Paris sei mit dem deutschen Beitrag zufrieden.

Die außenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Kerstin Müller, nannte das französische Eingreifen in Mali „hochriskant“, weil „Frankreich als ehemalige Kolonialmacht als Brandbeschleuniger wirken könnte“. Frankreich solle die Verantwortung daher zügig in afrikanische Hände geben, sagte sie dem Tagesspiegel.

Der Berliner Forscher Herfried Münkler forderte ein größeres Engagement Berlins. Man dürfe Frankreich nicht alleine lassen. „Es ist ein Ungleichgewicht in Europa entstanden: Die Drecksarbeit machen die anderen, wir sagen ihnen dafür, wo sie sparen sollen.“ mit AFP/dpa

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