Zeitung Heute : UN-Tribunal: Raumschiff Gerechtigkeit

Caroline Fetscher

Eine Zelle wie jede andere werde Slobodan Milosevic bekommen, sagt Gefängnisdirektor Timothy McFadden. Ausgerechnet in Scheveningen, direkt am Meer, liegt der Bau, der Europas wohl am meisten berüchtigte Untersuchungshäftlinge beherbergt. Der Den Haager Vorort ist berühmt für seinen Nordseestrand und seine Heringsbuden. Kaum jemand würde das Ferien-Eldorado auf den ersten Blick mit Verbrechen in Verbindung bringen.

Doch ganz in der Nähe des Strands beherbergt der Seitentrakt eines burgähnlichen Gefängnisbaus 38 Untersuchungshäftlinge, die schwerster Kriegsverbrechen angeklagt sind. Milosevic wäre das erste ehemalige Staatsoberhaupt, das sich vor dem Haager Tribunal verantworten müsste. Er sitzt seit dem 1. April wegen Korruption und Amtsmissbrauchs in einem Belgrader Gefängnis in Untersuchungshaft, seit Samstag ist der Weg zur Auslieferung nach Den Haag frei - sofern nicht noch das jugoslawische Verfassungsgericht dazwischenfunkt. Vor dem UN-Tribunal ist Milosevic wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Aber noch warten sie hier auf den Mann aus Belgrad.

Dusko Sikirica ist bereits seit ein paar Monaten hier. Sfor-Soldaten nahmen ihn vor einem Jahr in Bosnien fest, seit März läuft sein Prozess. Das Gericht tagt unweit vom Gefängnisbau in einem ehemaligen Versicherungsgebäude, geschützt wie ein Hochsicherheitstrakt mit elektronischen Schleusen und schwerer Umzäumung. Von den Vorwürfen, die ihm gemacht werden, will der Mann, genannt "Sikira", deutlich sichtbar nichts hören. Als 28-Jähriger war er von Mai bis August 1992 Kommandeur des Lagers Keraterm in der Nähe von Prijedor in Bosnien. Für nichtserbische Bosnier war Keraterm ein anderes Wort für Willkür und Gewalt. Von 1500 in das Lager Verschleppten verloren 300 ihr Leben.

Noch ist Sikirica, dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit und 22 persönlich begangene Morde vorgeworfen werden, nicht verurteilt. Glattrasiert, in dunklem Anzug und mit Krawatte, steht er im Gerichtssaal und gibt den Gelassenen. Die zwei bewaffneten Wachmänner rechts und links würden ihm die Aura eines Chefs verleihen, der sein Leben von Bodyguards schützen lässt - wenn er sich nicht immer wieder mit dem Kugelschreiber an die Lippen tippen würde, verräterisches Zeichen seiner Nervosität. Als die Anklage das Lager beschreibt, wippt er mit dem rechten Bein und dreht das Schreibgerät zwischen den Händen, als wollte er sich daran festhalten. Doch es gibt keinen Halt. Und kein Weglaufen.

Timothy McFadden, ein 48 Jahre alter wettergegerbter Ire, weiß nicht, was Sikirica vorgeworfen wird. "Ich bin verantwortlich für das emotionale und leibliche Wohl der Untersuchungshäftlinge. Ihre Akten lese ich nicht, aus Prinzip." Gemeinsam mit einer Psychiaterin sorgt er dafür, wie er sagt, dass sich die Häftlinge so frei wie möglich fühlen, während er sie so sicher wie möglich festhält. Den Gefängnisdirektor freut es, dass die Inhaftierten, ob Kroaten, Moslems, Serben oder Bosnier, zusammen Karten spielen, kochen, einander die Haare schneiden, fernsehen und Zeitung lesen. Doch wie er davon erzählt, dass sich einer kurz vor dem Urteilsspruch das Leben genommen hat, wirkt Timothy McFadden immer noch erschüttert.

Qualvolle Befragungen

Die Männer, zu denen sich Slobodan Milosevic gesellen soll, gehen fast alle in Berufung gegen die Urteile, die im massiven Steinbau des UN-Tribunals verhängt werden. Dort soll Gerechtigkeit gefunden werden, für die Opfer der Jugoslawienkriege, die 250 000 Toten, die Gefolterten, Vergewaltigten, Deportierten. Das Tribunal ist ein politisches Raumschiff, eine Institution des Rechts, die über nationale Grenzen hinaus- und in die Zukunft hineingewachsen ist. Im Kosovo sieht man das Kürzel ICTY für "International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia" an Hauswände gesprüht, als wäre das der Name eines Helden.

Aber was für einige die Vision von Gerechtigkeit bedeutet, ist für andere harter Alltag. Wie für die mehr als 150 Simultanübersetzer, die die oft qualvollen Befragungen der 800 Zeugen pro Jahr ins Englische oder Französische transportieren. Die Opfer tauchen in den Akten nur als Chiffren auf. Aber bei ihren Aussagen im Gerichtssaal können sie dem Täter direkt in die Augen sehen. "Ich frage mich hier oft, was Menschen so brutal macht", sagt Jean-Jacques Joris, persönlicher Berater der Chefanklägerin Carla del Ponte. "Wie kommt ein Mann dazu, 12-jährigen Mädchen, die er vergewaltigt, zu sagen: Seid froh, dass ich eine Tochter in eurem Alter habe, sonst ginge es schlimmer für euch aus?" Der Schweizer Diplomat achtet, seit er hier arbeitet, viel stärker auf sein eigenes Verhalten, "auf meine Ungerechtigkeiten in den kleinen Fragen des Alltags".

Das Tribunal wurde zu Beginn der Jugoslawienkriege gegründet, im Mai 1993. Es beschäftigt heute 1103 Angestellte aus 74 Ländern der Erde. Die Richter kommen aus China und Marokko, Malaysia und Jamaika, den USA, Guyana, Italien, Zambia und Portugal. Ein großer Teil des Personals arbeitet in Den Haag. Draußen, "im Feld", in Bosnien, Kroatien oder Kosovo, ermitteln diskrete Expertenteams aus Juristen, Forensikern und Psychologen oft jahrelang, bis ein Fall hier landet und dann in akribischer Kleinarbeit abgewickelt wird.

Doch dazu muss der Verdächtige, wie Sikirica, erst einmal in den Händen der Justiz sein - die Liste der Täter auf freiem Fuß ist lang. Radovan Karadzic, Ratko Mladic, Slobodan Milosevic stehen darauf und andere, weniger Prominente - mehr als 60 Namen sind es Außer dem Kommandanten Sikirica konnte das Gericht bisher noch zwei andere vom Lager Keraterm festsetzen, immerhin. Sikirica und seine Mithäftlinge Dragan Kolundzija, und Damir Dosen, beide Schichtleiter in Keraterm, hoffen auf den Vorsitzenden Richter Patrick Lipton Robinson aus Jamaika, der in rot-schwarzer Robe und mit großer Ruhe die Anklage hört. Sie hoffen auch auf die Verteidiger, die versuchen, wenigstens den Klagepunkt "Völkermord" streichen zu lassen.

Von den Schreien und Ängsten im Lager ist im Gericht nichts zu spüren. Akten, Worte, Sorgfalt und Ritual bestimmen die Stunden. Abgeschirmt durch eine kugelsichere Glaswand, verfolgt das Publikum den Wortaustausch im Saal, der möbliert ist wie ein modernes Büro - blaue Lehnsessel, helles Holz, Bildschirme an jedem Platz.

Kurz bevor Dusko Sikirica im Mai 1992 Lagerkommandant wurde, hatte die serbische Armee die Gemeinde Prijedor in Bosnien-Herzegowina unter ihre Kontrolle gebracht. Außer der 343. Brigade der Jugoslawischen Volksarmee wüteten auch die Armee der Republika Srpska und paramilitärische Einheiten gegen die nichtserbische Bevölkerung. Von Mai bis Ende August pferchten sie etwa 7000 bosnische Moslems, Kroaten und andere Nichtserben in Lagern zusammen, in Omarska, Trnopolje und Keraterm. Dort hatten die Gefangenen oft weder Platz zum Liegen noch zum Sitzen, so überfüllt waren die Räume. Trinken mussten sie Brackwasser, es gab kaum etwas zu essen, auch keine Toiletten und Duschen. Offene Wunden, die man ihnen mit Schlägen und Messerstichen zugefügt hatte, blieben unbehandelt.

Besonders auf die Elite, wie Lehrer, Anwälte und wohlhabende Geschäftsleute, hatte man es abgesehen. Die Eingesperrten wurden durch Folter und sexuelle Übergriffe terrorisiert. Die Anklage zitiert Zeugen, die sich etwa an den Häftling Emsud Bahonijic erinnern. Er musste sich auf Scherben legen und wurde zum Geschlechtsverkehr mit anderen Insassen gezwungen und zusammengeschlagen. Er starb im Lager an den Folgen der Misshandlungen.

Die Richter im UN-Tribunal brauchen angesichts der Gräueltaten, die sie hier täglich zu hören bekommen, ein enormes Maß an Professionalität, um dennoch die Seite der Angeklagten zu sehen. Patricia Wald hat 20 Jahre Erfahrung in Strafprozessen, ihr Ruf als Richterin in den USA ist erstklassig. "Junge Richter mit wenig Erfahrung haben es schwerer als ich", sagt sie. Im Fall Srebrenica lässt sie für sich als Richterin nur gelten, was sie im Saal hört, "sonst nichts". Auch wenn sie erlebt, wie Opfer von Vergewaltigungen als Zeuginnen die Anwälte anschreien, und sie fragen, warum sie solche Verbrecher verteidigen, darf sie sich davon nicht beeinflussen lassen. Ohne Seelenruhe keine Gerechtigkeit.

In Belgrad will jetzt die sozialistische Partei die Auslieferung Milosevics vom Verfassungsgericht verhindern lassen, aber in Den Haag geht das Recht seinen Gang. Die Zeit drängt, denn am 29. Juni beginnt die Geberkonferenz für Serbien, und bis dahin möchte die jugoslawische Regierung den Fall erledigt haben. Doch die nächtlichen Sitzungen in Belgrad, die erhitzten Telefonate, Streitereien, all das taucht im Tribunal nur als Gerücht auf den Fluren auf. Es beeindruckt Richter Patrick Lipton Robinson nicht; er spricht Dusko Sikirica vom Anklagepunkte des Genozids frei. Sikirica zeigt keine Regung. Er ist jetzt kein Völkermörder, nur ein mutmaßlicher 22-facher Mörder - für ihn ein Fortschritt.

Gerüchte machen die Runde

Man sieht der Ankunft des Angeklagten Milosevic gefasst entgegen. Er wird kommen, davon ist man hier überzeugt. Wie er vom Flughafen hierher kommen soll, ob per Helikopter oder Limousine, das will keiner verraten. Aber Gerüchte machen bereits die Runde: Die Nato habe schon ein Flugzeug für Milosevic bereitgestellt, das ihn nach Den Haag bringen soll.

"Ich werde der sein, der ihm im Gefängnis seine Rechte vorliest", sagt Christian Rohde von der Gerichtskanzlei, auch zuständig für die Honorierung der Verteidiger. Ob ihn das berührt, ist ihm nicht anzusehen. Und Timothy McFadden wird Milosevic am Anfang erst einmal in Ruhe in seiner Zelle lassen, damit er sich eingewöhnen kann. McFadden wird die Akte dieses Häftlings ebenfalls nicht lesen. Aber er wird wohl oder übel ahnen, was darin steht.

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