Zeitung Heute : "Unabomber": Brieffreundschaften der explosiven Art

Malte Lehming

Wie umgarnt man einen mehrfachen Mörder? Packt man ihn bei seiner Eitelkeit, oder geht man ihn frontal an? Lässt man Kompetenz raushängen oder lieber Neugier? "Ich finde Ihren Fall höchst interessant", säuselt Greta van Susteren, die Justizexpertin von CNN, "außerdem kann niemand bestreiten, dass Sie ein außerordentlich kluger Mann sind." Shawn Efran wiederum, der Produzent der CBS-Show "60 minutes II", beruft sich auf die Umweltschützer, "für die Sie ein Held und Pionier sind". Natürlich gebe es andere Stimmen, schreibt Efran weiter, die den Adressaten des Briefes für schizophren hielten. "Deshalb möchte ich Ihnen die Gelegenheit geben, Punkt für Punkt auf solche Vorwürfe zu antworten und dem amerikanischen Volk zu beweisen, dass Sie vollkommen gesund, rational und geistig intakt sind." Don Dahler schließlich, der Moderator der Sendung "Good Morning America", wird noch lyrischer: "Ich fühle ganz stark, dass der einzige Weg, um jemanden wirklich zu verstehen, eine Begegnung mit ihm ist. Man muss seine Augen sehen und seine Stimme hören." Doch dann kommt auch Dahler auf den Punkt: "Ich hoffe, Sie entscheiden sich dafür, meine Sendung zu benutzen, um sich der Nation und der Welt mitzuteilen."

Diese und andere Bitt-Briefe hat Theodor J. Kaczynski erhalten, besser bekannt unter dem Namen "Unabomber" (abgeleitet von University und Airlines, seinen ersten Opfern). Zur Verfügung gestellt hat sie der 58-Jährige einer Sonder-Bücherei der Universität von Michigan. Dort wiederum wurden sie von "The Smoking Gun" entdeckt, einer US-Internet-Firma, die damit wirbt, nur exklusive und hundertprozent echte Dokumente zu veröffentlichen. Jetzt hat "TheSmokingGun" die Dokumente unter der süffisanten Überschrift "Die Medien-Brieffreunde des Unabombers" allgemein zugänglich gemacht.

Mehr als 18 Jahre lang hat Kaczynski bis zu seiner Verhaftung Briefbomben verschickt und damit mindestens drei Menschen ermordet und 23 weitere verletzt. Vor drei Jahren verurteilte ihn ein Gericht zu lebenslanger Haft. Seitdem sitzt er im Hochsicherheitstrakt des "Supermax"-Gefängnisses in Florida/Colorado. Hier kommen die Schlimmsten der Schlimmen hin. Der Rechtsextremist Timothy McVeigh, verantwortlich für den Bombenanschlag von Oklahoma, saß bis zum Herbst 1999 im "Supermax", noch immer sitzen dort der Terrorist Ramzi Ahmed Yousef, verantwortlich für den Anschlag auf das World Trade Center in New York, sowie Luis Felipe, Chef der "Latin King Gang", der noch aus dem Gefängnis heraus mehrere Menschen ermorden ließ.

Sie alle verbringen 23 Stunden am Tag in einer speziellen Zelle, aus der heraus sie ihre Mitinsassen nicht sehen können. Nur eine Stunde täglich dürfen die "celebrity prisoners" im Gefängnishof durch Zäune hindurch miteinander kommunizieren - abgetrennt von den übrigen Gefangenen.

Kaczynski wollten nach seiner Verhaftung alle vor die Kamera bekommen, ob Frühstücksfernsehen, Talkshow oder Nachrichtensender. Der Unabomber galt als hochintelligenter Harvard-Absolvent, als Mathematik-Freak, als ein Einsiedler, der eine Botschaft hatte und die moderne Welt bekämpfte. Verraten worden war er ausgerechnet von der einzigen Person, mit der er zum Schluss noch Kontakt hatte, seinem Bruder David.

Weil er gruselig und faszinierend zugleich war, bekam Kaczynski viele nette Briefe ins "Supermax". "Ein Interview würde Ihnen die Chance geben, sich und ihre Erfahrungen einem großen Publikum mitzuteilen", schreibt etwa Katie Couric von NBC, "deshalb wäre ich überglücklich, wenn ich einfach mal vorbeikommen und sie treffen könnte." Er wisse, dass sein Anliegen fast unmöglich sei, notiert handschriftlich der Produzent von CNNs "Larry King Live", aber vielleicht kann das Unmögliche ja trotzdem wahr gemacht werden." Und: "Sie werden ein faires Forum bekommen, um ihre Ansichten zu verbreiten", schreibt Katie Thomson von ABC, "außerdem ist unsere Sendung "20/20" eine der beliebtesten Programme überhaupt."

Andere versuchen es eher auf die harte Tour. "Bestimmt hat Sie schon jeder aufgeblasene Fernsehhansel um ein Interview angefleht", schreibt Bryan Denson vom "Portland Oregonian". "Ich dagegen bitte Sie um gar nichts. Denn Sie haben keine höheren Motive. Ich will kein Buch über Sie schreiben und keinen Film über Sie drehen. Ich möchte mich einfach nur mit Ihnen zwei Stunden lang über die Umwelt unterhalten, die Natur, die Ökologie, die radikale Umweltbewegung, die städtische anarchistische Bewegung."

Genützt hat das alles nichts. Ted Kaczynski hat im Gefängnis nur ein einziges Mal mit einem Reporter gesprochen. Das war Stephen J. Dubner vom "Time"-Magazin. Wie ausgerechnet der das geschafft hat, ist allerdings unklar. Dubners Anfrage findet sich nicht auf der Homepage von "The Smoking Gun".

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