Zeitung Heute : Unbekannt bezogen

Arbeit im Luxushotel: Sie spannen Laken und knicken Klopapier. Sie legen Pralinés aufs Kopfkissen. Und daheim? Ein Hausbesuch bei Zimmermädchen.

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Von Jeannette Krauth

KAROLA ABT, 48, Savoy

Karola Abt putzt liebevoll. „Das ist wichtig, man merkt das ja, wenn man ein Zimmer betritt“, sagt sie. Liebevoll putzen, das gehe so: Die Stofftiere des Gastes auf dem Bett drapieren, und „den schönen Zitronenduft versprühen“. Das sei der beste Moment in ihrem Job. Karola Abt sagt auch: „Im Savoy, das ist ja die Crème de la Crème des Putzens!“ Seit sechs Jahren ist die 48-Jährige hier Zimmermädchen. Sie erzählt begeistert von „ihrer dritten Etage“ und „ihrer Mastersuite“: „Die 311 ist die schönste im ganzen Haus, dieses helle Holz, die gelbe Auslegware!“

Sie mag den Kontakt zu den Gästen. Etwa zu der Frau, der sie nach einer Brustoperation jeden Morgen den Verband gewechselt hat. Der morgendliche Ruf: „Karola! Sind Sie schon da?“, der habe sie berührt. So viel Vertrauen.

Betritt man ihre Wohnung im nicht angesagten Teil von Prenzlauer Berg, dann ist es, als ob man ein Werbeprospekt aufschlägt: Auf dem Wohnzimmertisch neigen eine gelbe und eine rote Kohlblume die Köpfe einander zu. Orangefarbener Teppich und Buchenlaminat, das Sofa ist rot, die Kissen gelb. Selbst die Hundedecken sind rot-gelb. Kein Bild, kein Nippes. Karola Abt guckt gern Einrichtungsshows wie „Einsatz in vier Wänden“ im Fernsehen, wegen der Ideen. Drei Mal in 15 Jahren hat sie sich neu eingerichtet. Nach der Wende hätten sie und ihr Mann eben geschaut, „was es alles so Schönes gibt“, sagt sie lachend. „Mein Sohn ist immer ganz stolz auf seine moderne Mutter.“ Der ist erwachsen, ausgezogen. Von ihm gibt es nur ein Foto, und das steht auf ihrem Nachttisch. Es zeigt ein Kleinkind.

„Anfangs habe ich niemandem erzählt, dass ich putzen gehe“, sagt sie, als sie auf dem roten Sofa sitzt. Zuvor war Karola Abt 27 Jahre lang Teamleiterin bei der Reichsbahn, Fachgebiet Schadensverhütung. Nach der Wende wurde ihr gekündigt. Die erste Zeit im Hotel sei hart gewesen. Schulterschmerzen hatte sie, Abend für Abend hat sie zu ihrem Mann gesagt: „Ich schaff das nicht mehr“. Sie war über 40, die Kolleginnen halb so alt.

Erzählt sie von ihrer früheren Arbeit, lachen die Augen einen Moment lang nicht mehr, dann gibt es keine Grübchen an den Wangen. Aber als ihr Hund, hasengroß und versinkend unter seiner Haarpracht, ins Wohnzimmer flitzt, greift sie das weiße Bündel, sagt „mein Prinzesschen“, herzt ihn und lacht und feixt. Das wird wieder.

Hätte sie einen Wunsch frei, dann hätte sie gerne „einen Zwei-Meter-Mann als Helferlein“ im Hotel, der das Abstauben der Wandverkleidungsleisten übernimmt. Und da gibt es noch etwas. Sie blickt ernst, sagt „aber dafür bin ich sowieso zu alt“ und, noch leiser, „wieder im Büro arbeiten“.

KHADIJA ZORDICK, 32, Brandenburger Hof

Khadija Zordick ist Rotkäppchen. Mit einem Korb im Arm huscht sie über dicke Teppiche von Raum zu Raum, um die Kühlschränke mit Schokoladenpralinen in Pilzform („oh, die sind lecker!“), Canabis Ice Tea, Wein, Sekt und Spirituosen zu füllen.

Die Marokkanerin kam vor sieben Jahren nach Berlin. Sie hat sich verliebt, ist geblieben. Seitdem arbeitet sie als Zimmermädchen im Brandenburger Hof, einem Vier-Sterne-Hotel in Wilmersdorf. Als sie dort anfing, konnte sie kaum Deutsch: „Ich hab’ mir die Wörter, die ich nicht wusste, auf die Hand geschrieben, und abends meinen Mann gefragt.“ Da stand dann etwa „dreckig“ auf der Handinnenfläche, weil sie nur „schmutzig“ kannte.

Einmal, da habe ein Gast auf dem Boden gelegen, der kam von der Love Parade. „500 Mark lagen neben ihm! Ich hab’ ihn schlafen lassen und das Bitte-nicht-stören-Schild rausgehängt!“, sagt sie. Prominenz sehe sie auch, Gerhard Schröder hat sie vor dem Herren-Klo getroffen, und die Königin Silvia von Schweden sei sehr nett gewesen und hätte „ein gutes Trinkgeld gegeben“.

Breite Autostraßen, hintereinander gereihte Wohnhäuser mit Parkplätzen davor. Hier in Britz leben die Zordicks. Eng ist alles, außer dem Wohnzimmer: ein Esstisch, helles Holz, mintfarbene Wände, das Sofa vor dem riesigen Fernseher, ein Rattanhocker daneben. Über dem Tisch hängen Schwarz-Weiß-Fotos, gemeinsam in Birke gerahmt: der marokkanische Großvater als junger Mann vor der Kanone von Gibraltar, ein Baby im Gras, Khadijas Eltern als Hochzeitspaar.

Khadija Zordick lässt sich auf die Couch fallen, nimmt die breite Fernbedienung in die Hand und zeigt ihr Geburtstagsgeschenk: Taste zwei ist Sender M Maroc, Taste drei Dubai TV. „Schau ich mir nach der Arbeit an, wenn ich meinen Sohn Ayman von der Kita geholt habe“. Deutsche Freunde hat sie noch nicht gefunden. Die Kolleginnen seien gute Kolleginnen, mehr aber auch nicht. Letztens hat sie für sie marokkanische Mandelröllchen gebacken, fünf Stunden dauert das. „Die mögen sie so gerne, und mein Mann auch“, sagt sie, „und ansonsten isst der Nutella wie Joghurt, schauen Sie mal, wir kaufen die palettenweise!" Sie öffnet den Vorratsschrank. Über 20 Nutellagläser stehen da. Röllchen backen, Nutellageld besorgen – da steckt nur ihre Arbeit drin. Das Elektrogeschäft des Mannes musste schließen.

MARINA SOBOTIC, 20, Swissôtel

„Praktikantin im Housekeeping“ wird Marina Sobotic im Fünf-Sterne-Haus Swissôtel genannt. Hier fährt der Besucher mit dem gläsernen Aufzug ins Foyer, und neben der Kaffeetasse liegen Bröckchen von Pfeffer- und Mandelschokolade. Wenn Marina arbeitet, ist sie das Mädchen mit der akkuraten Schürzenschleife, korrekt wie patent. „Soll ich auf den Tisch steigen?“, fragt sie, um zu zeigen, wie sie ihre liebste Tat vollbringt: Das Staubwischen auf dem Schrank. Nein, danke, aber wie bitte schafft man es, so wunderbar glatt gezogene Bettwäsche mit symmetrischen Eckfalten aufzuziehen? Das Lächeln fällt herunter. „Puh, Bettenmachen ist anstrengend“, sagt die 20-Jährige, stöhnt und schlägt die Oberdecke auf. Sie reißt das Laken halb heraus, schnappt sich die Lakenzipfel am Fußende, ruckelt kräftig. Ihre Fingerspitzen formen eine Eckfalte, sie steckt den Zipfel ein. Der Trick heißt: Körpereinsatz.

Marina putzt täglich 15 Zimmer, von acht bis 16 Uhr. Danach fährt sie in die Drei-Zimmer-Wohnung nach Reinickendorf, wo sie mit der Mutter und einer kleinen, runden Katze wohnt.

Über ihrer Zimmertür prangt ein verblasster Happy-Birthday-Schriftzug, der ist von ihrem Freund Can. Sie ist Kroatin, Christin, er ist Türke, Muslim, aber für beide Familien sei das „zum Glück kein Problem“. Vor einer Kommode mit Spiegel-Flügeltüren sind Haarspray, Gaultier-Parfüm, Gel und Dosen voller Haarspangen bogenförmig aufgestellt – ein Schönheitsaltar. An der Wand hängen Fotos, vor allem von ihr selbst: Marina lieb lächelnd, Marina verrucht lächelnd, Marina wirft ihr gelocktes Haar über die Schultern, Marina Arm in Arm mit der Freundin. Ein Mädchenzimmer, durch und durch.

Die vier Monate im Hotel haben sie verändert, findet sie. „Was ist Marina fleißig!“, sagen meine Freundinnen jetzt“, erzählt sie. Etwa, wenn sie einen Mädchenabend macht, mit Cappuccino und Rumalbern, und jede halbe Stunde den Putzlappen hervorholt, um „mal kurz mit dem Glasreiniger über die Tassenabdrücke rüberzugehen“.

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