Zeitung Heute : Unbeliebt, weil unerhört

Warum Rürup und Gerster in der SPD schlecht ankommen

Cordula Eubel[Nürnberg]

Sie ecken oft an. „Wir sind die meistgehassten Sozialdemokraten“, sagt Bert Rürup über sich und seinen Freund Florian Gerster. Der Wirtschaftsprofessor aus Darmstadt und der Chef der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg fordern seit Jahren Unpopuläres: etwa dass die Menschen erst später in Rente gehen sollen. Oder dass das Arbeitslosengeld nicht mehr so lange gezahlt werden soll. „Viele Sozialdemokraten sind mental noch in den 70er Jahren“, sagt Rürup verächtlich. Und meint: wir nicht. Wir wissen, wie man im 21. Jahrhundert den Sozialstaat reformieren muss.

Im holzgetäfelten Rathaussaal in Nürnberg haben sich Gerster, 53, und Rürup, 59, Anfang dieser Woche zusammengetan, um den 200 geladenen fränkischen Honoratioren die Probleme des Arbeitsmarktes zu erklären. Drinnen haben sie ein weißes Banner mit dem roten Arbeitsamts-Logo vor die Butzenfenster hängen lassen. Es ist das Einzige, was daran erinnert, dass in drei Kilometern Luftlinie der Betonklotz steht: die Bundesanstalt für Arbeit mit mehr als 1500 Beschäftigten auf 17 Etagen. Hinter vergilbten Lamellen-Vorhängen wird Arbeitslosigkeit verwaltet. Für Gedankenspiele über die Senkung der Lohnnebenkosten wählt Gerster lieber den renovierten historischen Rathausbau in der Altstadt, mit goldenen Kronleuchtern und Wappen an der Decke. Ein Saal, in dem jedes Wort einen Hall nach sich zieht. Der für die Verlesung lutherischer Thesen geeignet scheint.

Aber der graue Behördenbau aus den 70er Jahren mit den braunen Plastik-Fensterrahmen am Rande der Nürnberger Innenstadt ist schließlich einmal im Monat Kulisse für die neuen Daten vom Arbeitsmarkt. Im Sitzungssaal 164 wird Florian Gerster auch an diesem Donnerstag die Routine hinter sich bringen müssen. Die Arbeitsmarktdaten vom März. Immer noch sind weit mehr als viereinhalb Millionen Menschen ohne Job. Und keine schnelle Besserung in Sicht.

Dabei sind die Lösungsrezepte schon längst bekannt. Und der Leidensdruck hoch genug. Finden Gerster und Rürup. Die beiden haben viel gemein. „Rürup scheut klare öffentliche Aussagen nicht.“ Das sagt Gerster anerkennend über den Regierungsberater. Rürup würde sicherlich dasselbe über den Arbeitsamts-Chef sagen.

An diesem Abend in Nürnberg ziert sich Rürup. Zu Beginn seines Vortrags verweist er darauf, dass Gerster ihn schon vor gut sechs Monaten zu den „Nürnberger Gesprächen“ eingeladen habe. „Hätte ich damals gewusst, dass ich hier kurz nach dem riesigen Medienrummel um die nach mir benannte Kommission auftreten würde, dann hätte ich nicht so spontan zugesagt“, sagt er. Die Aufregung um gestreute Vorschläge aus der Rürup-Kommission hatte den Kanzler in der vergangenen Woche dazu gebracht, mit der Auflösung der Expertenrunde zu drohen. Für Bert Rürup wäre das ein Desaster – hatte er doch die ihm aufgetragene Arbeit vollmundig als „eine Art Lebenswerk“ bezeichnet.

Und so verschanzt sich der Politikberater zunächst hinter seinen wissenschaftlichen Klauseln, doziert über die „bereinigte Arbeitsproduktivität“ und den „Produzentenlohn“. Für seinen Vortrag über Lohnnebenkosten wirft er Charts auf die Leinwand, die viele der anwesenden Lokalpolitiker und Nürnberger Wirtschaftsgrößen überfordern. Formeln, Grafiken und Vokabular könnten aus einem Uni-Grundkurs in Volkswirtschaftslehre stammen. Nur das Outfit lässt den eitlen Politprofi erkennen, der im Kanzleramt ein- und ausgeht: ein feiner dunkler Anzug, ein weißes gebügeltes Hemd, das so aussieht, als sei es gerade erst aus der Zellophanverpackung gewickelt. Die blau-weiß gestreifte Krawatte könnte aus dem ebenso gemusterten Hemd des Kollegen Gerster geschneidert sein.

Der professorale Eiertanz dauert exakt siebzehn Minuten. Dann spricht Rürup Klartext. „Deutschland ist auf dem Marsch in den Sozialabgabenstaat“, warnt er seine Zuhörer. Würde man die Sozialversicherungsbeiträge um drei Prozentpunkte senken, brächte das in den kommenden drei Jahren 550 000 Jobs, rechnet er vor. Dafür müsse aber der Einzelne mehr privat absichern. Florian Gerster nickt eifrig. Das Publikum schweigt ergriffen. Kritische Kollegen und fiese Journalisten sind in Berlin geblieben.

Wer so lange mahnt, könnte irgendwann verzweifelt aufgeben. Rürup nicht. Seine Hoffnung ruht auf dem Kanzler: Bei dem habe „ein neues Denken Platz gegriffen“, sagt er. Weil der Kanzler jetzt so denke wie er. Und deshalb setzt Rürup darauf, dass Schröder die parteiinternen Widerständler schon von seinem Programm überzeugen wird. Auf den hören die Sozialdemokraten schließlich eher als auf die beiden verhassten Genossen.

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