Zeitung Heute : Unberührte Natur und Traumstrände auf dem jüngsten Sproß im Inselreigen

i.m.

Für Luft-Taxis wie dieses", deutet Marita auf die zehnsitzige Islander, "reicht die Landebahn. Für die großen Jets aus Quito aber ist sie zu kurz. Man müßte sie verlängern. Das ist einfach. Nur Beton über den Lavaboden und fertig. Das brächte Touristen und Geld auf die Insel. Doch leider, leider gibt es da so einige Probleme."

Keine vier Kilometer vom Ort des Geschehens duselt Puerto Villamil gemütlich vor sich hin. Ein paar Hunde streunen um die Handvoll weißgekalkten Häuser. Neben dem kleinen Mercado schaukeln Dreikäsehochs in einer Hängematte. Tintenfische baumeln zum Trocknen an der Leine. In der mangroven-gesäumten Lagune am Rand des Dorfes halten Flamingos Siesta. Einen Muschelwurf weiter rauscht das Meer. Ein paar Fischerboote dümpeln auf den türkisfarbenen Fluten. Palmen umrahmen den blendend weißen Strand - und der Betrachter glaubt sich in einem touristisch unbefleckten Idyll irgendwo tief im romantischverklärten Süden.

Aus der Luft gegriffen wäre seine Vermutung nicht. Geografisch gehört das Objekt der Betrachtung zu Ecuador, liegt 1000 Kilometer vor der Küste im Pazifik, trägt den Namen Isabela und ist mit 4700 Quadratkilometern die weitaus größte Insel des Galápagos-Archipels. Touristisch gesehen, führt der Goliath indes ein Schattendasein. Bestenfalls 200 der monatlich rund 7500 Galápagos-Besucher nehmen die umständliche Anreise über die Hauptinseln Santa Cruz oder San Cristóbal in Kauf. Mit dem Ausbau des Airports und Direktflügen zum Festland würden die Zahlen steigen. Doch man scheut die Investitionen. Die unbekannte, jedoch von ihrer Tier- und Pflanzenwelt her einzigartige Insel könnte zum Publikumsmagneten und damit zum Konkurrenten der Hauptinseln und vor allem der Kreuzfahrt-Veranstalter werden. Letztere favorisieren, getreu dem Motto: Put them in and put them out, zahlungskräftige Kunden, die in der Regel eine einwöchige

Schiffstour buchen, in Quito oder Guayaquil den Jet besteigen und von den Airports der Hauptinseln aus quasi direkt in See stechen. Galápagos und seine Natur wird von den Schiffen aus in kurzen, täglich wechselnden Inselgängen erkundet. Am Ende des Törns am Ausgangspunkt angelangt, geht es wieder zurück in den Flieger. So bequem und durchorganisiert das für die Reisenden ist, so wirtschaftlich unerquicklich ist es für die Inseln. Außer ein paar Handlangerdienste rund um die Schiffe und eine Handvoll verkaufter Souvenirs bleiben ihnen vom profitablen Kuchen "Tourismus" nur wenige Krümel . . .

"Das Besondere an Isabela", erklärt Marita, "ist nicht nur der Reiz des Unbekannten. Die Insel hat im Grunde alles, was Galápagos zu bieten hat. Grandiose Landschaftspanoramen, beeindruckende Vulkane, traumhafte Tauchspots und nahezu die gesamte Flora und Fauna des Archipels. "Warum also", fragt sie kess, "eine teure Schiffstour buchen, wenn man alles vor der Haustür hat?" Während sie so ins Schwärmen gerät, faltet sie eine Karte auf. "Und", triumphiert sie mit Fingerzeig auf die Sonnen-

schirmchen um Puerto Villamil, "wir haben die besten Strände. Der Playa Grande zum Beispiel ist ein wahres Kronjuwel. Drei Kilometer lang, menschenleer und allerfeinster Sand. Um etwas Besseres zu finden, muß man an der gesamten Pazifikküste Südamerikas lange suchen."

Nachmittags gegen 15 Uhr: Die ersten Fischerboote kehren in den Hafen von Puerto Villamil zurück. Ein Geschwader Pelikane nimmt sie ins Visir. Frech kreisen sie mit ihren Einkaufstüten-Schnäbeln über den Kähnen und äugen, ob es an Deck nicht etwas zu Fressen gibt. "Die sind nur zu faul zum Fischen", sagt Marita. "Dabei ist unser Meer das reinste Tischlein-Deck-Dich." Nicht minder faul sind auch die Seelöwen. Eine Großfamilie hat es sich am Pier bequem gemacht und räkelt sich genüßlich in der Sonne. Auf den schwarzen Lavafelsen hinten an der Hafenausfahrt tummeln sich Blaufußtölpel. Als hätte ihn die Tourismus-Behörde als PR-Gag persönlich hingestellt, hebt einer der Vögel zu seiner berühmten Brautshow an. Den langen, spitzen Schnabel gen Himmel, die Flügel quergestellt, hüpft er mit seinen blauen Badelatschen-Füßen von einem Bein auf das andere. Wie er so auf einer imaginären Herdplatte herumzuspringen scheint, hat es ein Fregattvogel auf das Jagdglück eines anderen Blaufußtölpels abgesehen. Als Pirat der Lüfte verschrieen, ein guter Flieger zwar, aber schlechter Schwimmer, hackt er solange auf den Tölpel ein, bis ihm dieser entnervt seine Beute überläßt.

Zehn Bootsminuten weiter die nächste Sensation: In der Grieta de los tiburones, einem bizarren, wie von Zyklopenhand in die Lava-Wüste gehauenen Kanal, wimmelt es nur so von Haien. Neptun und die Meeresforschung mögen wissen, was die Tiere dazu bringt, ausgerechnet in diesem handtuchschmalen, allenfalls drei Meter tiefen Nadelöhr ihre Kinderstuben einzurichten. Ein paar Schritte nach rechts, gibt eine Armee drachenähnlicher Wesen nicht minder Rätsel auf. Wie kommt es, daß diese Kobolde der Finsternis, ihren Speisezettel von Kaktusblüten auf Unterwasser-Algen umgeschrieben haben? Als ursprüngliche Landbewohner gestrandet, entwickelten sie neben einem speziellen Drüsensystem komplizierte Techniken der Wärmeregulation. So gegen die Unbill des nassen Elements geschützt, tauchen sie nun über eine Stunde im kalten Wasser, weiden die Riffs ab und niesen das mit der Nahrung aufgenommene Salz in hohem Bogen aus. In freundlicher Nachbarschaft füttern Lavareiher ihren entschalten Nachwuchs. Eher würden sie ein Fischhäppchen in unsere staunend-offenen Münder stopfen, als verängstigt fortzufliegen.

Galápagos sind 7800 Quadratkilometer Land, verteilt auf 60 000 Quadratkilometer See. Der Archipel zählt 13 größere und eine Vielzahl kleiner bis kleinster Vulkanabkömmlinge. Isabela ist mit 700 000 Jahren der jüngste Sproß im Inselreigen. Sechs Vulkane, so vermutet die Wissenschaft, hat die Urkraft der Erde unabhängig voneinander aus der Tiefe des Meeres rund 1500 Meter über die Wasseroberfläche gehoben. Die Lava der Feuergiganten strömte zusammen und erstarrte zu dem 130 Kilometer langen Eiland.

362 Jahre nachdem Bischof Berlanga 1535 auf Irrwegen von Panamá nach Peru die Islas Encatadas, die verwunschenen Inseln, per Zufall entdeckt hatte, setzte ein gewisser Don Antonio Gil seinen Fuß auf Isabela. Dieser sozusagen Urvater der Insel und Gründer von Puerto Villamil, dem mit 1000 Seelen heute nach wie vor einzigen Dorf der Insel, baute Kaffee an und versuchte sich in Viehzucht. Lejos de la civilización, fernab der Zivilisation, jedoch gab es wenig Absatzmöglichkeiten.

Das Eiland wäre wohl wieder unbewohnt, wäre da nicht der Zweite Weltkrieg und die Angst der Amerikaner um "ihren" PanamáKanal gewesen. Um diesen vor möglichen Angriffen der Japaner zu schützen, bauten sie Galápagos zu einem waffenstarrenden Flugzeugträger aus. Nach Kriegsende packte die ecuadorianische Regierung die Gelegenheit beim Schopf und funktionierte das verlassene US-Camp auf Isabela zur Strafkolonie um.

13 Jahre lang herrschte Angst und Schrecken, schikanierte der Arm des Gesetzes die Missetäter und ließ sie - beschäftigungstherapeutisch äußerst sinnvoll - eine 150 Meter lange und bis zu 10 Meter hohe LavasteinMauer in die Wildnis schichten. 1959 war Schluß mit der Schinderei. Revolte und Massenflucht machten dem Archipel Gulag und seiner Muro de las lágrimas, Tränenmauer, ein Ende. Mancher der Sträflinge und Wärter blieb, ließ sich in Puerto Villamil nieder, baute sein Häuschen und lebt - wenn er nicht gestorben ist - vom süßen Nichtstun oder gelegentlichem Fisch- beziehungsweise (halblegalen) Seegurken-Fang.

Anderntags morgens um sechs: Auf dem Entdeckungsprogramm steht der Vulkan Sierra Negra. Marita hat den Jeep vorgefahren, Lunchbrote geschmiert und festes Schuhwerk besorgt. Die Fahrt geht am Airstrip vorbei, entlang skurriler Lavaformationen aus denen dürre Säulenkakteen wie Totenarme ragen. Zunehmend wird die Flora dichter, prägen sechs bis acht Meter hohe Scalisien- und Balsambäume das Bild. Nach einer Stunde endet die Schotterpiste, heißt es aussteigen. Wir tauschen den Jeep gegen den Rücken kleiner, kräftiger Pferde. Gemächlich traben die Tiere los. Nur ab und an stoppen sie und lassen sich das kniehohe Gebüsch als Power-Snack schmecken.

Mächtig Power hat auch die Schöpfung in den Sierra Negra investiert. Was dabei herausgekommen ist, ist ein 1490 Meter hoher Vulkan, dessen acht mal zehn Kilometer große Caldera, steile, kraterähnliche Senke, weltweit zu den gigantischsten Vermächtnissen der Urküche zählt.

Eine Viertelstunde hinter dem zwischenzeitlich erkalteten und grünverwucherten Feuerberg, grüßt die Hölle persönlich. Wie vor der Geburt des Lebendigen, schwarz, eine Kulisse wie für eine Mondlandung gemacht, legt uns der im Dezember 1979 aus dem Feuer geborene Vulkan Chico sein diabolisches Werk zu Füßen.

Wir binden die Pferde an und machen uns auf den Weg. Bei jedem Schritt knirscht es, es dampft und qualmt, die Luft ist schwefelhaltig. Einen Pfad gibt es nicht. Einzig weiße Pfeile zeigen, wo der vermeintlich Leibhaftige seine Besucher gefahrlos passieren läßt. Über Parasitärkrater, Basaltgeröll, Schlacke und Lavatunnel geht es zu einer Art Aussichtspunkt. "Dort", deutet Marita mit Fingerzeig auf ein silberglänzendes Wesen am Himmel, "kommt das Lufttaxi aus Santa Cruz." Ich hebe den Kopf, kneife die Augen gegen die grelle Äquatorsonne zusammen und sehe den Mini-Flieger. Ob die Insel wirklich einen größeren Flughafen braucht? Angesichts des grandiosen Naturspektakels kommen mir da Zweifel . . . TIPS FÜR GALAPAGOS

Anreise: Mit Iberia dreimal wöchentlich von Berlin über Madrid nach Quito (ab 1100 Mark). Von Quito oder Guayaquil täglich mit Tame zur Insel Baltra und per Fähre hinüber zur Hauptinsel Santa Cruz. Alternativ ebenfalls täglich mit San-Seta zur zweiten Haupt-insel San Cristóbal (zirka 740 Mark). Mit Enetebe (Telefon- und Telefaxnummer: 005 93 / 5 / 52 00 36) im Lufttaxi dreimal wöchentlich von Baltra oder San Cristóbal nach Isabela (ab 260 Mark) beziehungsweise einmal wöchentlich, sofern sie verkehrt, mit der Fähre von Puerto Ayora/Santa Cruz nach Puerto Villamil/Isabela. Bei der Ankunft auf Galápagos sind 100 US-Dollar (in bar!) als Eintrittsgebühr zu zahlen.

Einreise: Deutsche Staatsbürger mit einem Reisepaß, der bei Ankunft noch mindestens sechs Monate gültig ist, können sich mindestens 30 Tage lang ohne Visum in Ecuador aufhalten.

Reisezeit: Prinzipiell ist Galápagos ganzjährig bereisbar. Die Regenzeit (Dezember bis Mai) bietet leichte Vorteile. Das Meer ist warm und relativ ruhig, eignet sich also gut zum Schwimmen. Die küstennahen Bereiche sind grün, die Regenschauer zwar heftig, aber kurz, viele Tiere beginnen mit der Brut. Gegenüber den trockenzeit-typischen Garúa-Nebeln haben die Tage mehr Sonnenstunden.

Unterkunft: San Cristóbal/Puerto Baquerizo: Hotel Orca, direkt am Meer gelegenes kleineres Hotel, mit Restaurant und Blick auf den Hafen. Zirka fünf Fußminuten zum Pier. Doppelzimmer 85 Mark. Telefon- und Telefaxnummer: 005 93 / 5 / 52 02 33, Email-Adresse: mailto:pat@netnot.ecx.ec

Santa Cruz/Puerto Ayora: Hotel Angermeyer. Die erste Adresse am Ort, ruhiges, generalüberholtes, am Ende der Charles Darwin Avenida gelegenes Hotel. Deutsche Leitung, 21 Zimmer, mit Pool und Restaurant. Doppelzimmer 155 Mark. Telefaxnummer

005 93 / 5 / 52 62 77.

Isabela/Puerto Villamil: La Casa de Marita, direkt am Strand gelegenes, sechs Jahre altes Haus im Karib-Stil. Neun geräumige Zimmer, mit Dusche, WC und kleiner Küche. Doppelzimmer inklusive Frühstück 75 Mark. Telefon: 005 93 / 5 / 52 92 38, Telefaxnummer: 00593/5/529201, Email-Adresse: cmarita@ga.pro.ec . Die Eignerin Marita de Zeccetti spricht Deutsch.

Ausflüge: Reit-Tagestour zum Vulkan Sierra Negra 220 Mark; Mountain-Bike-Tagestour 55 Mark, halbtägiger Bootsausflug 100 Mark (ab zwei Personen). Tauch- und Schnorchelequipment können gestellt werden, ein Flaschentauchgang inklusive Equipment ab 100 Mark. Englischsprachiger Naturführer pro Tag 90 Mark.

Motorjacht- und Segeltörns: Neben breiten Anden- und Dschungelprogrammen hat der deutschsprachige Veranstalter Etnotur/Quito über 20 Schiffe unter Vertrag. Ihr Komfort reicht von Basic bis Luxus, geboten werden Natur- und/oder Tauchfahrten (inklusive Equipment). Die Törns dauern zwischen einem Tag und 14 Tagen. Je nach Komfortklasse liegen die Preise zwischen 100 und 750 Mark pro Person und Tag. Telefonnummer: 005 93 / 2 / 56 45 65, Telefaxnummer: 005 93 / 2 / 50 26 82, Email-Adresse: etnocru@uio.satnet.net ; Internet: http://www.qni.com/~mj/etnocruises

Veranstalter: Ein umfangreiches Programm für Ecuador mit Galápagos bietet Frobeen Erlebnis Reisen aus Düsseldorf. Telefon: 02 21 / 920 42-110, Telefaxnummer: 02 21 / 92 04 23 04; Email: frobeen@netcologne.de ; Internet: http://www.ecuador.de

Im Rahmen einer Südamerika-Rundreise bieten auch Berliner Veranstalter Galápagos an. Windrose etwa stellt Gruppenreisen zusammen, schneidert jedoch auch indiviuelle Programme für mindestens zwei Personen. Gruppenreisen mit noch drei Terminen in diesem Jahr kosten ab 6990 Mark. Auskunft: im Reisebüro oder bei Windrose, Telefon 20 17 21 - 0.

Literatur: Einen guten Überblick über die Inseln, ihre Flora und Fauna einschließlich detaillierter Landgangbeschreibungen bieten Wolfgang Bittmer und Brigitte Fugger in der Reihe Reiseführer Natur: Galapágos. BLV Verlag, 1999, Nachdruck der 2. Auflage, 159 Seiten, 29,90 Mark.

Auskunft : Botschaft von Ecuador, Koblenzer Straße 37, 53173 Bonn; Telefonnummer: 02 28 / 35 25 44, Fax: 02 28 / 36 17 65.

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