Zeitung Heute : Unbesiegbare Augen

David Beckham bat ihn um ein Autogramm und auch Mike Tyson – die Ikone des 20. Jahrhunderts hat Geburtstag: Nelson Mandela wird 85

Wolfgang Drechsler

Sein Gang ist langsamer geworden. Als er eine kleine Treppe am Johannesburger Flughafen hinuntersteigt, stützt er sich auf die Arme seiner Begleiter. Die Arthrose nagt an den Kniegelenken. Doch im Gesicht sieht man Nelson Mandela seine 85 Jahre nicht an: Er hat diese heiteren, unbesiegbaren Augen, das dichte Haar ist weiß gesprenkelt. Mandela ist wie ein alter Baum, knorrig, ein bisschen wacklig, aber nicht zu biegen.

Auf der gerade beendeten Europavisite ist der frühere Staatspräsident Südafrikas von Termin zu Termin gehetzt: erst eine Spendengala in London, dann ein Besuch in Downing Street, Auftritt beim Aids-Kongress in Paris, schließlich eine Grußbotschaft für den Musikkanal MTV. Und dann ist da noch diese Riesenparty in Johannesburg mit mehr als 1500 Ehrengästen aus aller Welt. Der frühere US-Präsident Bill Clinton kommt, Oprah Winfrey, Königin Beatrix, Michael Jackson, Fotomodell Naomi Campbell. Aber auch Mandelas Koch und sein Gärtner stehen auf der Gästeliste. Der 85. Geburtstag von Nelson Mandela am heutigen Freitag ist ein Ereignis allererster Güte. Nun hat auch noch eine südafrikanische Werbeagentur eine Website eingerichtet ( www.safrica.info ), auf der Besucher eine Grußbotschaft an den berühmtesten Sohn Afrikas mailen können. Die Veranstalter hoffen auf einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

Auch die Unternehmen sonnen sich mit Großanzeigen im Glanz Mandelas. Schwer vorstellbar in Deutschland, dass die Geschäftswelt von Flensburg bis Garmisch eine Happy-Birthday-Gerd-Aktion starten würde. In Südafrika kommt niemand auf die Idee, die Großkonzerne ungebührlicher Parteinahme zu bezichtigen. Denn Mandela ist kein normaler Politiker. Er ist der Vater der Nation. Und noch viel mehr, einer, den sogar David Beckham und Boris Becker um ein Autogramm bitten. Und vor dem sich selbst der „bad boy“ Mike Tyson tief verneigt – und sicher nicht nur, weil auch Mandela früher leidenschaftlich gerne boxte.

Was ist es aber, das Mandela bei Jung und Alt, Schwarz und Weiß zum Ausnahmemenschen macht? Die Vita selbst gibt wenig Aufschluss: Als Anwalt fiel Mandela nicht weiter auf, als Chef der Befreiungsarmee tendierte seine Wirkung gegen nNull. Als Redner wirkter mit der harten Stimme eher hölzern und belehrend. Um seine Popularität zu ergründen, muss man tiefer graben. Vielleicht sind es gerade die unmodernen Tugenden der viktorianischen Epoche, die Mandela so geprägt und die ihm die Bewunderung der Welt eingetragen haben: die Bescheidenheit, sich trotz aller Führungsqualitäten stets als Teil des Kollektivs zu sehen. Die Großmut, nach mehr als 10000 Tagen Haft keinen Gedanken an Rache zu verschwenden, sondern Aussöhnung und Toleranz zu predigen. Die Symbolfigur des neuen Südafrika ist ein Mensch, der aus einem anderen Zeitalter und einer anderen, ländlich-afrikanischen Welt stammt: Ziegenhirte, Missionsschüler, Anwalt, Freiheitskämpfer, Häftling, schließlich erster schwarzer Präsident des früheren Apartheidstaates – eine Ikone des 20. Jahrhunderts. Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka hat es so formuliert: „Glaubte ich an den Eingriff des Göttlichen ins Irdische, dann wäre Mandela dessen Personifizierung.“

Mandela hat sich immer dagegen gewehrt, ihn zum Helden zu erheben. Oft hat er eigene Fehler unumwunden zugegeben, so auch in dieser Woche auf der Aids-Konferenz in Paris, als er freimütig zugab, während seiner Amtszeit nicht genug gegen die Ausbreitung dieser Seuche am Kap getan zu haben. Angesichts solcher Tugenden verzeiht die Welt es ihm auch, wenn er die iranische Revolution als Vorbild für die Welt preist. Mandela wird nicht nach denselben Maßstäben wie andere gemessen. Und alle wissen das.

Bei aller Demut wird er die Huldigungen heute dennoch mit stiller Genugtuung entgegennehmen. Denn auf der internationalen Bühne hat er sich immer besonders wohl gefühlt. Die Regierungsarbeit, die Auseinandersetzung mit lästigen Details machte ihm während seiner fünfjährigen Amtszeit selten wirklich Spaß. Umso leichter fiel es ihm, 1999 nach fünf Jahren die Macht an Thabo Mbeki abzugeben und damit ein Fanal für einen Kontinent zu setzen, in dem die Staatschefs für gewöhnlich im Amt sterben oder per Putsch beseitigt werden.

Nach den Jahrzehnten im Freiheitskampf wird Mandela nun in sein Dorf zurückkehren und „über die Hügel meiner Kindheit wandern“, wie er in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ schrieb. Das Haus, das er sich in seinem Geburtsort Qunu im Herzen der Transkei gebaut hat, erregte in Südafrika Aufsehen. Dem schlichten Klinkerbau ist jede Extravaganz fremd, aber er ist eine detailgetreue Nachbildung jenes Bungalows, in dem Mandela die letzten Monate seiner Gefangenschaft verbracht hat.

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