Zeitung Heute : Unbewegt

ALBRECHT DÜMLING

Drei Uraufführungen mit dem Scharoun-EnsembleALBRECHT DÜMLINGVoll Spannung wartete man bei Dieter Schnebels "Raum-Zeit y" auf die im Programmheft angekündigten drehbaren Schallquellen - doch nichts drehte sich: im Text war eine frühere Werkfassung beschrieben.Das neue Oktett mit Klavier ließ die Musiker also unbewegt, verteilte sie aber im Kammermusiksaal.Dies entsprach der Idee des Scharoun-Ensembles, seinen vor 25 Jahren verstorbenen Namenspatron mit einem Konzert zu ehren.Kurze und jeweils ähnliche Klangereignisse bewegten sich im Raum, ohne daß über den Wechsel hinaus ein Gestaltungsprinzip erkennbar wurde. Fast alle Werke des Abends kreisten in einem merkwürdig geschichtslosen Raum, entwarfen auf dem Reißbrett Strukturen, die sich als Musik definierten.In "Tactus" für Nonett von Marc-André Dalbavie kam die prägnante Gliederung hinzu.Das Gegeneinander von Zentralton und raumgreifenden Skalen strukturierte der französische Komponist in fünf luxurierend klangsinnlichen Sätzen, indem er sie einmal in kurze Floskeln auflöste, dann wieder zu einer zwischen Streicher- und Bläserklängen changierenden Farbstudie abwandelte.Das Scharoun-Ensemble, das die an Messiaen oder Lutoslawski gemahnende Komposition 1996 uraufgeführt hatte, bot eine vollendete, klanglich ausbalancierte Interpretation. Weniger befriedigend wirkte "Phoenix 3" für Kammerensemble von Detlev Müller-Siemens.Auch dieser Vogel erhob sich über der Asche der proklamierten Geschichtslosigkeit, um ganz unmittelbar, "ganz direkt Musik" zu sein."Musik" meint hier Klangfelder aus verschiedenen Floskeln, unter denen Arpeggien eine bevorzugte Stellung einnahmen.Es ist allerdings eine Illusion des Komponisten, zu glauben, daß er sich seinem kulturhistorischen Umfeld durch Deklarationen entziehen könnte. Hans Werner Henze wirkte in diesem Zusammenhang wie ein Komponist der guten alten Zeit.In seinen "Neuen Volksliedern und Hirtengesängen" griff er auf populäre Gattungstraditionen, ja sogar auf motivische und tonale Wendungen zurück.Als melodisches Hauptinstrument setzte er überwiegend das von Klaus Thunemann beweglich geblasene Fagott ein, während er der Gitarre (Jürgen Ruck) meist eine Begleitfunktion gab.Diesen beiden Repräsentanten der Volkskultur, die sich in tonaler oder bitonaler Homophonie äußerten, stand ein Streichtrio gegenüber, das die differenziertere Sprache atonaler Kammermusik sprach.Es ergab sich so über den durchgearbeiteten Fluß der Stimmen hinaus eine reizvolle Polyphonie der Kulturen, die in den 7 Sätzen nicht gegeneinander, sondern miteinander argumentierten.

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