Zeitung Heute : Und Abflug

Der Rechtspopulist Ronald Barnabas Schill war Ausgangspunkt für das Ende der Hamburger Koalition. Jetzt ist er selbst am Ende

Fred Grimm[Hamburg],Constance Frey[Berlin]

Von Fred Grimm, Hamburg,

und Constance Frey, Berlin

Die Uniformen werden bleiben. Moderner Schnitt, entworfen vom Star-Designer Luigi Colani. Schön blau, so wie früher als Polizisten noch etwas galten. 2005 führt ganz Hamburg die neuen Polizeiuniformen ein, das letzte Vermächtnis des ehemaligen Innensenators, Ex-Richters und Volkstribuns Roland Barnabas Schill.

Und so sieht ein Verlierer aus: gelbe Krawatte mit schwarzen Punkten, eine Hand auf das Stehpult im ARD-Studio gestützt, das rechte Bein wandert vor und zurück. Schill schafft es nach nicht mehr in die Hamburger Bürgerschaft. Und das freut viele, die es auch offen in die Kamera sagen: Anja Hadjuk, Landesvorsitzende der Hamburger Grünen, der SPD-Spitzenkandidat Thomas Mirow und der designierte SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Wann Ronald Schill nun endgültig verschwindet ist das Thema des Abends. Das ist normal, wenn man ankündigt, dass man auswandern will, wenn man die Fünf-Prozent-Hürde nicht schafft.

Airport-Hotel: Die Wahlparty der Pro DM/Schillpartei, Altersschnitt 55 plus, ist um 18.01 Uhr vorbei. Im Graf-Zeppelin-Saal riecht es nach schlechtem Parfüm und Verschwörung. „In Fischbek waren die Wahlzettel schon vorher ausgefüllt“, raunt ein Herr im frustgrauen Anzug. „Alle CDU.“ „Die Medien haben uns kaputt gemacht“, bellt ein rundlicher Mann einen Reporter an. Die 2,9 Prozent von der ersten Hochrechnung tun weh. „Unsere Wähler erzählen nicht jedem am Telefon, wen sie wählen wollen“, hatte Roland Schill stets verkündet, als die Rede auf die Umfrage-Ergebnisse kam. Jetzt haben sie ihn sogar in der Wahlkabine verlassen.

Als Schill sein Auswanderungsziel mit Südamerika angibt und er das im Fernsehen bestätigt, starren seine Parteifreunde im Airport-Hotel stumm auf den taubengrauen Teppichboden. „Südamerika war immer ein Traum von ihm“, erzählt Schills Weggefährte Bodo Theodor Adolphi später. „Der ist ja ein großer Surfer vor dem Herrn.“

Der Flughafen ist von der Pro DM/Schill-Beerdigungsfeier aus nicht mal einen halben Kilometer weg. Die SPD hat vorsorglich ein Ticket für ihn gebucht, One-Way, Business Class. Heute, 7.10 Uhr, verlässt ein Flieger Hamburg, Reiseziel: Madagaskar. „Herr Schill soll endlich dahin, wo der Pfeffer wächst“, erklärt der Fraktionschef Walther Zuckerer. Die Aktion war der Partei 2982,44 Euro wert.

Aber da macht Schill nicht mit. „Madagaskar gefällt mir nicht.“ Er wolle lieber in Südamerika, eventuell Uruguay, „ein weiteres Kapitel meines Lebens anfangen“. Ohne Politik, fern der Altparteien, die jetzt weiter „die Bevölkerung verschaukeln können.“ Aber erst in ein paar Monaten, erklärt er, als er beifallumtost von den letzten Getreuen im Airport-Hotel empfangen wird. Vorher will er die Wahl wegen „systematischer Behinderung“ noch vor einem Gericht anfechten. Vielleicht.

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