Zeitung Heute : Und David tanzt!

JÖRG KÖNIGSDORF

Mitreißend: Das BSO und Shallon im SchauspielhausJÖRG KÖNIGSDORFShallon muß einfach ein guter Tänzer sein.Anders ist es kaum zu erklären, daß in seinem Konzert zum Thema Tanz einem noch die sublimiertesten Tanzreflexionen des späten Rachmaninow unwiderstehlich in die Glieder fahren, man auf der samtigen Walzer-Morbidezza der BSO-Streicherwogen im Schauspielhaus hilf- und schwerelos dahingleitet.Außerdem ist David Shallon ein erstklassiger Dirigent, der seinem Orchester soviel rhythmisches Timing entlocken kann, daß schon Janá«ceks einleitende Lachische Tänze bei aller sinfonischen Aufplusterung ihre vitale Unmittelbarkeit bewahren.Das retardierende Schwungholen an den Periodenenden mißlingt nie, sammelt immer gerade nur die notwendige Energie für die nächste Drehung und verwirklicht so bei aller Kunstfertigkeit die Illusion des Ursprünglichen.Denn zum Tanzen sind diese Stilisierungen slawischer Volkskultur genauso wenig gedacht wie Bartóks "Tanzsuite", deren holzschnittartige Kantigkeit Shallon schon im einleitenden Moderato herausstreicht.Effektvoll gelingt der Kontrast zwischen den dumpf-bedrohlichen Orchesterritornellen und nachdenklich zurückgenommenen Holzbläsersoli, die abschließende Themenverklärung durch die Violinen besitzt schimmernd leichten Glanz. Einmal mehr lernt man in diesem Konzert den im positiven Sinne altmodischen Klang des BSO schätzen.Die weichen, gedeckten Holzbläser, die silbrig schlanken Trompeten, denen Crescendi von federnder Leichtigkeit gelingen und die blutvoll warmen Streicher: das schielt nicht auf spektakulären Effekt, sondern auf unaufdringliche Homogenität der musikalischen Aussage.Tugenden, die gerade Rachmaninows oft als bloßes Schaustück mißbrauchte Sinfonische Tänze aufwerten.Die geisterhaft flirrenden Holzbläserlinien schlagen nie ins Grelle um, bleiben im streuenden Gaslicht-Halbdunkel gefangen, das monumentale schlagwerkgesegnete Finale, gewinnt sich allmählich verdichtend, einen großen Zug, bewahrt dem Blech seine Reserven bis zum bekrönenden Schluß.

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