Zeitung Heute : Und jetzt alle: Karl Marx!

Christine Lemke-Matwey

Peter Konwitschny erdet Luigi Nonos „Al gran sole carico d‘amore“ an der Staatsoper Hannover als Arbeitertheater

Deutschland, im Mai 2004: Das Volk ächzt, die Experten ringen die Hände, die Künstler schweigen, die Intellektuellen schweigen mit, und selbst der Kanzler, der, ha, längst das rettende Machtwort hätte sprechen müssen, weiß nicht weiter und schweigt irgendwie auch. Haushaltsmilliardenloch trotz Sparkurs, Konsumstreik trotz Steuerreform, Arbeitslosigkeit trotz Arbeitsmarkthilfe. Unser Dasein: ein Desaster. Politisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Das System implodiert, und wir merken es nicht einmal. „In Erwägung, dass wir der Regierung, / Was immer sie auch verspricht, nicht traun, / Haben wir beschlossen, unter eigener Führung / Uns nunmehr ein gutes Leben aufzubauen.“ – heißt es, lieb gereimt, in Brechts „Tagen der Commune“ von 1949. Das allerdings wäre das Letzte, was jetzt wohl passierte. Wir sind die Sintflut. Und Sprache ist ja so geduldig.

Deutschland, im Mai 2004: Einhelliger, geradezu familiärer Jubel nach Luigi Nonos azione scenica „Al gran sole carico d‘amore“ (Unter der großen Sonne von Liebe beladen) am Opernhaus Hannover. Erschöpft stolpern die Solisten an die Rampe, die Anstrengung ist ihnen deutlich anzusehen, um so manchen Mundwinkel zuckt es. Der Chor kriegt einen Extra-Applaus, so luzide, so gestisch, so angriffig hat man Nonos suggestive Erregungs- und Verzweiflungszustände selten gehört (Einstudierung Clemens Heil und Stefan Schreiber). Auf der Bühne derweil: das gute alte Proletariat in Proletariatsklamotte, viel Fäusterecken und Parolen-an-Wände- Schmieren – von Marx bis Brecht, von Louise Michel bis Tanja Bunke, von Lenin über Gorki bis Rimbaud. Mal sitzt die herrschende Klasse hierzu mit roten Bäckchen im kunterbunten Kasperletheater und onaniert lustig drauflos, mal werden die Schnipsel eines Che-Guevara-Plakats wie Hostien verteilt. Abendmahl für eine untergegangene Utopie. Requiem für (uns) Rettungslose?

Am Ende des zweiten Teils jedoch drohen die Pappmaché-Wände, die Ausstatter Helmut Brade zu einem düsteren Gefängnishof gruppiert hat, die Menschen regelrecht zu zerquetschen. Eng und immer enger wird der Raum, Tumulte in der Menge, die Gewitzteren, Stärkeren ergreifen schließlich die Flucht nach oben, hangeln sich, Fußtritte austeilend, an ein paar wenigen dürren Sprossen empor. Je größer die Not, desto viehischer der Mensch – und überhaupt ist der ganze Kommunismus die schlimmste aller Drogen, Täuschungen, Illusionen? Ovationen, wie gesagt, für eine gut gemachte, dringliche Aufführung. Draußen indes säumt die übliche Penner- und Bettlerschaft die Fußgängerzone zwischen Oper und Bahnhof, rutscht einem auf Knien entgegen, zupft mit dreckigen Fingern am Mantelsaum. „Für dieses weite und hilfsbereite Herz – trunken von Solidarität – ist die einzig atembare Luft die Menschenliebe“, schwärmte die Pariser Kommunardin Louise Michel 1871, und das ist auch das Motto für Luigi Nono Szenische Aktion von 1975. Allein: wohin damit? Ist es naiv, den nächstbesten Obdachlosen zu „lieben“, ist es grausam, ihn zu missachten? Auch Töne, so scheint es, sind verdammt geduldig, und im Grunde genommen funktioniert unser (Musik-)Theater ohnehin nur mehr als ein von den Härten des Lebens sorgsam abgekoppeltes, kulinarisches Ritual.

Peter Konwitschny allerdings wäre nicht der Regisseur des Abends, wenn das alles wäre. Zwar teilt sich die Ironie seines Arbeitertheaterbilderbogens im ersten Teil nur bedingt mit (ein neckisches Kaffeekränzchen unter Guerrilleras, Lenin persönlich als Chorleiter), doch findet er immer wieder auch zu gewaltigen Sinnbildern: etwa wenn die Deckel der Armensärge knarren und das Volk zu „Karl Marx! Karl Marx!“-Rufen gespenstisch von den Toten aufersteht. Überhaupt besteht die konzeptionelle Leistung – respektive der Irrtum? – ja darin, aus Nonos revolutionären Poesiefundstücken eine nachvollziehbare Geschichte zu bauen, nämlich die zweier kleiner Mädchen (Janina Baechle, Yuko Kakuta), die mit dem Scheitern der Diktatur des Proletariats durch die Zeiten erwachsen werden.

Und schließlich ist es, wie so oft bei Konwitschny, die Oper selbst, die befragt wird: Pawel (Tae-Hyun Kim), der Sohn aus Gorkis „Mutter“, stirbt mit einem Programmheft in der Hand, und zum bösen, menschenzerquetschenden Finale hin rasselt der Eiserne Vorhang runter, die vierte und desillusionierendste Wand. Wenige flirrende Sequenzen lang bleibt noch ein Hintertürchen offen, dann klappt auch dieses zu. Unser Überlebenskampf, so Konwitschnys Botschaft, geht längst nicht mehr um Arbeit oder Löhne, sondern um unser Seelenheil. Dafür vor allem steht das Spiel von so fabelhaften Sängerdarstellerinnen wie Leandra Overmann, Carmen Fuggiss oder Melanie Walz. Andererseits aber offenbart dieser Schluss auch, woran die Aufführung krankt: Indem sie das Geschehen narrativ erdet, indem sie immerzu erklären will, was doch nicht zu erklären ist, nimmt sie der Musik ihr Geheimnis. Und plötzlich klingt Luigi Nonos politisches Utopia ganz schal und banal (wofür Johannes Harneit und das Staatsorchester Hannover nur bedingt etwas können). Mitleid jedenfalls erregte an diesem Abend kaum jemand oder etwas. Deutschland, im Mai 2004.

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