Zeitung Heute : Und jetzt kommt Werbung

20.12.2001 00:00 UhrVon Jutta Heess

Von links tuckert ein grüner Bus ins Bild. Plötzlich fliegen wie von Geisterhand zwei Zeitungen aus dem Gefährt und landen zielgenau in einem Haus. Dann verschwindet der Bus mit der Aufschrift "Boston Globe" am rechten Bildschirmrand. Was eine Szenenanweisung für einen neuen "Tatort" oder andere Fernsehfilme sein könnte, ist in Wirklichkeit Internet-Werbung. Genauer gesagt: ein Shoshkele, mit dem die amerikanische Zeitung "Boston Globe" auf der eigenen Homepage für ihren Zustellservice wirbt. Nähere Informationen verstecken sich unter dem Haus, in dem die abgeworfenen Zeitungen landen. Wer sich dafür interessiert, klickt dorthin. Für die übrigen Surfer ist die animierte Werbung in eigener Sache nach einigen Sekunden vorbei.

Was im Vergleich zu den sonst üblichen Reklame-Methoden im Netz ziemlich angenehm ist. Und vielleicht sogar effektiv.

Denn wer interessiert sich noch für die inflationär geschalteten Werbebanner? Rechts oben, links unten, mittendrin - kein Ort online, wo sie nicht sind. Auch wenn sie noch schriller und blinkender werden, der User scheint ihnen immer weniger Beachtung zu schenken. Dann doch lieber Fernsehwerbung mit Verona Feldbusch. Eine Forsa-Umfrage ergab, dass lediglich ein Viertel der deutschen Internetnutzer Online-Werbung anklickt. Dieses Desinteresse bekommt die Internet-Werbebranche zu spüren: Die Umsätze sind in den letzten zwölf Monaten deutlich zurückgegangen. "Und der Tausender-Kontakt-Preis, die Richtgröße für das Preisniveau, ist im vergangenen Jahr von 200 auf rund 100 Mark gesunken", sagt Thoralf Buller. Der Spezialist für Online-Marketing arbeitet zur Zeit an einem Buch über Erfolg und Misserfolg der Internetwerbung, das im Frühjahr erscheinen wird.

Tatsächlich wird Werbung im Internet oft als Ärgernis empfunden. Eine noch aufdringlichere Werbeform als die "Hallo, hier!"-schreienden Banner sind Pop-Ups. Die kleinen Fenster öffnen sich automatisch beim Besuch einer Seite und legen sich über das Web- Angebot. Manche sind sogar derart aufdringlich programmiert, dass sie erst nach mehrmaligem Wegklicken verschwinden. Ähnlich störend und unerwünscht sind die kleinen Brüder der Pop-Ups: die Pop-Unders. Sie schmiegen sich unbemerkt hinter das geöffnete Fenster und treten erst dann in Erscheinung, wenn der Browser geschlossen wird. Ein Versuch, noch kurz vor Ende der Internetsitzung, den User zum Kauf eines Produktes zu verführen. Kein Wunder, dass bei dieser Penetranz die Digi-Reklame beim Internetvolk keinen großen Anklang findet. "Solche Interstitials nerven einfach", sagt Thoralf Buller. "Man kommt von der Website nicht mehr runter, und kostbare Ladezeiten werden in Anspruch genommen."

Höchste Zeit also, umzudenken. Und vielleicht den Versuch zu starten, mit dezenteren Mitteln den Surfer auf seine Seite zu ziehen. Oder unterhaltsameren. Das zumindest ist das Ziel der US-Firma United Virtualities. Sie ist die Erfinderin der Werbeanimationen mit dem unaussprechlichen Namen Shoshkeles, abgeleitet vom Spitznamen der Tochter des Unternehmensgründers. Unter unitedvirtualities.com/shoshkeles.htm können die geschalteten Werbegags aufgerufen werden. Zum Beispiel flitzt ein kleines grünes Monster über den Bildschirm und jagt hinter dem Logo einer Website für Stellenangebote her. Außergewöhnlich auch die Werbung für VW: Auf der besuchten Internetseite erscheint plötzlich eine Menschenmenge, die sich einen Stage-Diver nach dem anderen weiterreicht. Solange, bis ein roter Beetle über die Köpfe purzelt. Auch hier ist jeweils nach rund acht Sekunden der Spaß vorbei. Wurde das Interesse des Users am beworbenen Produkt geweckt, kann er auf einen unauffälligen Banner klicken. Oder eben weiter surfen.

"Der Durchschnittssurfer aktualisiert die Seite mit einem Shoshkele jedoch bis zu drei Mal, um es mehrmals zu sehen", erklärt Debra Brown, die Geschäftsführerin von United Virtualities. Bislang hat das Unternehmen aus New York rund 500 von den patentierten Werbeanimationen im Web verstreut. Shoshkeles benötigen keine Plug-Ins und bergen nach Aussage von Debra Brown keine Sicherheitsrisiken. Geladen werde das Filmchen, nachdem die aufgerufene Seite auf dem Bildschirm erschienen ist. "So wird die Aufmerksamkeit des Surfers nicht gestört", sagt Debra Brown.

Also könnten Shoshkeles die zukünftige Paradedisziplin der Online-Werbung werden? Unterhaltsam, überraschend, unkompliziert. "Es ist sehr geschickt gemacht", gibt Thoralf Buller zu. "Aber die Ladezeiten gehen zu Lasten des Surfers." Sämtliche animierten Werbeformen im Netz seien deshalb unerwünscht. Buller spricht sich für sogenannte Response-Banner aus, die nicht abhängig vom Design, sondern von einer eindeutigen Aussage hinsichtlich Marke und Produkt sind. Ähnlich nüchtern sind auch die Marktprognosen für Online-Werbung: Die meisten Experten rechnen im kommenden Jahr mit Stagnation. Die goldenen Zeiten, in denen sich das Volumen der Internet-Werbung von Jahr zu Jahr verdoppelte, sind vorbei. Ob jedoch textlastige Banner das Problem lösen werden? Mehr Spaß macht es jedenfalls, von einem grünen Bus auf dem Bildschirm überrascht zu werden. Auch wenn man dabei ein bisschen viel Ladezeit vergeudet.

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