Und jetzt zum Wetter : Sex statt Licht

von

Niemand kann jetzt mehr ernsthaft bestreiten, dass der Tagesspiegel eine Zeitung mit Einfluss bis in die höchsten Gremien ist. Vorgestern wurde an dieser Stelle die sofortige Wiedereinführung der Sonne gefordert. Und? Gestern mal aus dem Fenster geschaut? Was war wohl diese merkwürdige Erscheinung, diese Helligkeit, die den gestrigen Tag ein paar Minuten lang begleitete und blendete? Das hat die Sonne gemacht. Etwas verschämt ist sie, schüchtern, aber nicht zu übersehen. Und es gibt sie doch! Der Sonne wird gemeinhin eine wärmende Ausstrahlung bescheinigt. Mit Blick auf das Thermometer muss man sagen, dass man nicht alles auf einmal von der Sonne haben kann. Fürs Erste sollten wir mit ein wenig therapeutischem Licht gegen die Winterdepression und die Dunkelheit zufrieden sein.

Dunkelheit vertreibt die Menschen, was auch Choi Jun Sun weiß. Der Herr ist leitender Beamter im Gesundheitsministerium von Südkorea und hat ein Luxusproblem. In seinem Ministerium arbeiten hoch motivierte Menschen, stets bereit, auch noch bis in die Abendstunden Dienst zu versehen. Choi Jin Sun will das unterbinden. Südkorea hat nämlich eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Choi Jin Sun sorgt sich um sein Land. Weswegen er nun am Abend um 19.30 Uhr in seinem Ministerium das Licht ausschalten lässt. Die Dunkelheit soll die Menschen aus seinem Ministerium treiben, geradewegs nach Hause ins Licht, um dort sexuell aktiv zu werden. Ob die Gleichung aufgeht, dass Kinder zeugt, wer nichts zu tun hat? Und warum eigentlich hat sich Thilo Sarrazin noch nicht mit Verweis auf Hartz-IV-Empfänger diesbezüglich vorgewagt? Egal. Ein anderes Detail in Choi Jin Suns Kampf für mehr Sex in Südkorea macht stutzig und stimmt traurig. Er will seinen Mitarbeitern genau einmal im Monat das Licht ausschalten, macht zwölf Mal im Jahr. Entweder hat Choi Jin Sun nur Mitarbeiter jenseits der 70, oder man braucht sich nicht zu wundern über Südkoreas niedrige Geburtenrate. Aber damit soll sich Südkorea beschäftigen. Wir schauen aufs Wetter von morgen: Die Sonne zieht sich wieder verschämt zurück, es bleibt grau und grauselig und schweinekalt. Deswegen noch mal und mit Nachdruck: Wir fordern mehr Sonne für alle. Und zwar plötzlich.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben