Zeitung Heute : Und links, zwei, drei, vier

Christopher Hitchens war einer der Wortführer der amerikanischen Linken. Jetzt hat er seine Kolumne im Magazin „The Nation“ aus Protest aufgegeben. Er ist auf die Seite der Kriegsbefürworter gewechselt.

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Kaum einer seiner Kollegen konnte den Gesinnungswechsel des linken Journalisten Christopher Hitchens zum Kriegsbefürworter nachvollziehen. Auf seinen Abschied von „The Nation“ reagierte seine Kollegin Katha Pollitt mit einem offenen Brief. Wir drucken, leicht gekürzt, die Korrespondenz der beiden. Hitchens ist gebürtiger Engländer. Er hat Mutter Teresa vorgeworfen, das DuvalierRegime auf Haiti zu unterstützen, Henry Kissinger einen „Kriegsverbrecher“ genannt und sich mit Bill Clinton angelegt, weil es ihm an moralischen Prinzipien fehle. Gerade ist sein Buch „Widerwort. Gegen die Tyrannei der Harmonie“ bei DVA erschienen. Katha Pollitt schreibt unter anderem für den „New Yorker“, „Harper’s“, „New York Times“.

Lieber Christopher,

ich bin sehr traurig, dass Du das Magazin verlassen hast, und es hat mich irritiert. Welcher Unruhegeist verlässt eine Kolumne, die „Minority Report“ heißt, nur weil er zu viele Leser gegen sich hat? Nehmen wir an, Du wolltest die Gegner einer Irak-Invasion davon überzeugen, dass die irakische Demokratisierung und die kurdische Selbstbestimmung das verlangen. Gibt es eine bessere Plattform als uns?

Aber natürlich steckt mehr dahinter. In der „Washington Post“ hast Du einen Essay geschrieben, der nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat: Deiner Meinung nach ist die Friedensbewegung gleichzusetzen mit der Linken, und die Linken sind automatisch Anhänger von Ramsey Clark, dem ehemaligen US-Staatsanwalt und Verteidiger von Slobodan Milosevic. Clark wiederum ist der Gründer des „International Action Centers“, das eng mit „Answer“ verbunden ist, der Speerspitze der „Arbeiter Welt Partei“. Dein Bild der Demo in Washington könnte man also so betiteln: 100 000 Kommunisten marschierten dafür, dass es Saddam Hussein gut geht.

Okay, es ist eine Tatsache, dass „Answer“ die Demonstration organisiert hat. Sie haben die Genehmigungen eingeholt, die Busse bestellt und all die Redner auf die Bühne gestellt, denen niemand zugehört hat. Aber das ist etwas Anderes als die ganze Bewegung zu kontrollieren. 99 Prozent der Leute, die dort demonstriert haben, wissen noch nicht einmal, wer „Answer“ ist. Natürlich ist es ärgerlich, dass diese kleine Gruppe Zurückgebliebener eine Rolle gespielt hat. Aber Du übertreibst ihren Einfluss.

Was ich nicht verstehe, ist, wie Du „Answer“ mit den Anti-Kriegs-Demonstranten gleichsetzen kannst. Du hast Jahrzehnte auf der Seite verbracht, die Du jetzt so verachtest. Du weißt, dass uns genauso viel an den Menschenrechten liegt wie Dir, dass wir in Saddam Hussein keinen Volkshelden sehen, und dass wir nicht heimlich über den 11. September hinwegsehen. Warum schreibst Du so, als ob es diese Stimmen oder die Deines Wunschpräsidenten Ralph Nader nicht gäbe? Du machst mit der amerikanischen Linken genau das, was der Schriftsteller Martin Amis mit Dir gemacht hat, als er Stalins Verbrechen vor Deine trotzkistischen Füße legte. Natürlich, es gibt viele Leute, die gegen diesen Krieg sind, weil sie militärische Interventionen prinzipiell ablehnen. Und vielleicht ist unter den Kriegsgegnern auch ein verwirrter Student, der glaubt, Bin Laden sei nur ein fehlgeleiteter Anti-Imperialist. Aber Du weißt bestimmt, dass viele der Leute, die heute einen Krieg im Irak ablehnen, die Invasion in Afghanistan und im Kosovo befürwortet haben. Der Philosoph Ronald Dwarkin gehört dazu, warum hast Du ihn nicht im Visier?

Wie die Umfragen, die eine sinkende Unterstützung für den Krieg zeigen, deutlich machen, sind viele Kriegsgegner, die sich mit ihren selbst gemachten Plakaten in die Busse zwängen, normale Leute aus den Gewerkschaften, High Schools und Kirchen. Warum? Weil sie Angst vor großen Verlusten haben, auf amerikanischer wie auf irakischer Seite. Sie haben Angst, dass sich die ganze Region in ein Blutbad verwandelt, sie haben Angst, dass Saddam Hussein Israel angreift, und Israel zurückschlagen wird. Sie glauben, ein Krieg wird eine lange Besatzung des Iraks nach sich ziehen, mit fürchterlichen Konsequenzen für unsere eigene Gesellschaft – weil der Terrorismus und der islamische Fundamentalismus zunehmen wird. Sie glauben, dass der Krieg eine Art Ersatz für die Lösung der viel schwierigeren Aufgabe ist, Al Qaida auszuheben. Die Kriegsgegner sind gegen das ganze Konzept des Präventivkriegs, weil es für sie eine Verletzung des internationalen Rechts bedeutet, und weil es andere Länder dazu ermächtigt, das gleiche zu tun. Sie mögen den kriegerischen Tonfall der Bush-Administration nicht und misstrauen den ständig wechselnden Begründungen. Außerdem missfällt ihnen die Bereitschaft der Regierung, den Krieg auch alleine durchzuziehen. Sie glauben im Gegensatz zu Dir, dass die Regierung nicht an der Demokratisierung des Iraks oder der Lösung der Kurden-Frage interessiert ist.

Du hast das alles einmal verstanden. Immerhin hast Du den Golf-Krieg kritisiert.

Es ist schade, dass Du nicht da bist, um diese Sache zu diskutieren. Du hast Jahre auf der linken Seite verbracht, aber ich glaube, Du hast sie nie richtig gekannt.

Deine Ex-Kollegin, Katha

Meine liebe Katha,

lass mich Dir zuerst dafür danken, dass Du annimmst, meine Äußerungen seien irgendwie von Bedeutung. Ich habe Deine Arbeit immer sehr geschätzt, und ich mag die Vorstellung, dass unsere Differenzen immer sehr tief, aber nie sehr breit waren. (Ich wollte schon immer mal Deine sture Ablehnung von Viagra auf Rezept herausfordern. Du scheinst der traurigen Meinung zu sein, dass Erektionen nur Männern Freude bereiten…)

Vorwärts also. Du bist Dir Deiner Sprache zu sehr bewusst, als dass Du Dir eine falsche Interpretation meiner Worte erlauben würdest. Also werde ich Deine kleinen aber hartnäckigen Fehler Deiner Politik zuschreiben.

Ich habe nicht gesagt, dass auf der Demo nur Ramsey-Clark-Zombies waren. Ich habe gesagt, dass viele Linke wussten, wie sie sich von Saddam Husseins hätten distanzieren können, sie wollten es aber einfach nicht. Du behauptest außerdem, dass die Ramsey-Clark-Sekte (Codename „Answer“) die ganze Vorarbeit geleistet hat, und dass 99 Prozent der Leute nicht einmal wussten, wer „Answer“ ist. Du und ich, Katha, wir beide haben an vielen Demonstrationen für den Sieg des Vietkong teilgenommen. Wurden wir da auch übertölpelt? Waren wir von scharfzüngigen Pazifisten oder verschlagenen Stalinisten auf Abwege geführt worden? Nein. Wir wussten, was wir taten, und wir haben uns gewünscht, dass Vietnam, das für niemanden eine Bedrohung dargestellt hat, seit 1945 vereinigt und unabhängig gewesen wäre. Wir haben Washington für seinen imperialistischen Krieg nicht kritisiert, weil wir befürchteten, der Krieg könne schlecht ausgehen. Der Punkt war damals, die Partei der Revolution zu ergreifen.

Überprüfe einmal Deine eigene Prosa und guck Dir an, wie verdrossen und konservativ sie seitdem geworden ist. Als Interpretin der Demoteilnehmer ersparst Du mir wirklich nichts, obwohl ich froh bin, dass Du mich nicht auch noch an Amerikas vergangene Unterstützung für Saddam erinnerst. In anderen Worten: Du äußerst dieselben Bedenken, die die Befürworter eines „Regimewechsels“ haben. Über die Schwierigkeiten müssen wir nicht streiten, sie sprechen für sich selbst. Da, wo ich lebe, in Washington, werden Deine Einwände von drei Fraktionen der harten Rechten vertreten: der Scowcroft-Eagelburger-Reaktionäre, der Mehrheit der CIA und den Pat-Buchanan-Isolationisten. Das sind die Stimmen, denen der Präsident eventuell ein Ohr leihen würde. Würde Dir das gefallen? Dann hätte die saudische Oligarchie und die türkische Elite mit ihren amerikanischen Bevollmächtigten das Projekt „Regimewechsel“ beendet. Du bist mir eine schöne Revolutionärin!

Dass Du das Israel-Palästina-Problem erwähnst, lenkt vom Thema ab, denn a) ist das eine alte Geschichte, die jede amerikanische Regierung in den moralischen Bankrott geführt hat, b) ist das eine Angelegenheit, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten hat und c) ist die Lage in Israel und Palästina auch ohne Saddam Hussein dramatisch. Wir werden uns auch nach Saddam immer noch um den Nah-Ost-Konflikt kümmern müssen, glaub mir.

Kann ich an dieser Stelle vielleicht ein Wort für den historischen Materialismus einlegen? Das Regime Saddam Husseins ist so maßlos und tyrannisch, dass sein Untergang so unvermeidlich ist, wie er nur irgend sein kann. Mit anderen Worten: Die Zeit nach Saddam wird ohnehin ein Krampf. All die schrecklichen Konsequenzen eingeschlossen, die Du angesprochen hast und womöglich noch ein paar mehr.

Ich habe in den letzten Jahren mit dem irakischen und kurdischen Widerstand gearbeitet, und diese Leute haben Dinge erlebt, die keiner erfinden könnte. Alles, was ich sagen will, ist, dass ich mich meinem linken Selbst näher fühle, wenn ich diesen Leuten helfe, als wenn ich ein doofes Plakat tragen würde, auf dem ich den Irak mit Saddam verwechsle. In einer Parade, die ganz klar den Letzteren anbetet, genauso wie Kim Jong Il und Slobodan Milosevic. Glaubst Du wirklich, dass bei unserer ehemaligen „Familie“ die verdeckte Zuneigung für Despotismus und Gottesstaat und die wortgewandte Gleichgültigkeit angesichts der Bedrohung eine Randerscheinung ist und nicht das Hauptproblem? Ich habe Norman Mailer gelesen und Gore Vidals dunkle Vision, dass der 11. September von den Amerikanern arrangiert worden ist, und auch Naom Chomskys oft wiederholte These, dass Al Qaida im schlimmsten Fall nicht besser ist als die amerikanische Außenpolitik an einem guten Tag.

Ich ende da, wo Du begonnen hast. Warum macht diese Unstimmigkeit meinen Weggang von „The Nation“ nötig? Ich habe in den letzten Monaten viel Zeit auf öffentlichen Foren gesessen, habe mit Oliver Stone oder Michael Moore debattiert und habe gedankenlosen Applaus für alberne Argumente und fatale Begründungen gehört. Und ich habe gemerkt, dass sich die Propaganda des Magazins gegen mich richtet. Der 11. September hat für mich nicht viel verändert. Er hat eher etwas verdeutlicht: Ich bin gegen aggressive totalitäre Staaten und religiösen Fanatismus. Das Magazin „The Nation“ dagegen machte sich für die unmoralische Seite stark, indem es zum Jahrestag des 11. September fürchterliche Leserbriefe abdruckte. Briefe, die versuchten, diese abscheulichen Erscheinungen zu verwässern. Ich will die Leser demoralisieren, nicht nur die armen Herausgeber. Meiner Meinung nach stehen sie für Neutralität, wo Neutralität weder möglich noch wünschenswert ist, und ich sage euch, zur Hölle damit. Ich fühle mich seitdem viel besser.

Brüderlich, Christopher

Lieber Christopher,

Deine Viagra-Anspielung ist fast so deutlich wie der Brief eines Lesers, der mich darum bittet, doch lieber wieder über Prostitution zu schreiben.

Wie Du selbst gut genug weißt, hat die Linke ihre Hände in vielen ehrenwerten Angelegenheiten. Vor einigen Jahren hast Du mir gesagt, dass Du alles unterschreibst, was Mumia Abu-Jamal vor der Todeszelle rettet. Du hättest wissen können, dass die meisten dieser Petitionen von der revolutionären kommunistischen Partei kamen. Hat Dich das zu einem Verteidiger des Massakers am Tiananmen Square gemacht? Und als Du auf der Anti-Clinton-Demo gesprochen hast, hast Du Dich darum geschert, dass diese Ansammlung aus Rassisten und Waffennarren Clinton von ganz weit rechts kritisierte? Ich sage nicht, dass man nicht zweimal darüber nachdenken sollte, wer eine Demo organisiert, aber manchmal muss man einfach die Arbeit weitermachen, die man begonnen hat.

Du unterstellst den Anti-Kriegs-Demonstranten, dass sie Ramsey Clark nicht kennen, weil sie einfach zu doof seien. Ramsey Clark ist Dir gar nicht wichtig, er dient Dir nur als Knüppel, mit dem man die Anti-Kriegs-Bewegung treffen kann. Du hast diese Gleichung so aufgestellt, dass es keine Möglichkeit gibt, den Krieg zu kritisieren, ohne direkt als Feigling oder Unterstützer eines Diktators zu gelten. Ich glaube aber, dass es nicht übermäßig feige ist, vorsichtig zu sein, wenn es um Krieg geht – besonders bei einem Präventivkrieg. Ich glaube nicht, dass man Hussein lieben muss, um das rosige Szenario, das rund um den Regimewechsel gesponnen wird, skeptisch zu betrachten. Sogar Kanan Makiya, irakischer Dissident und Kriegsbefürworter, hat im „Boston Globe“ gesagt, er sehe nur eine fünfprozentige Wahrscheinlichkeit, dass der Irak nach einer Invasion demokratisch werde. Die Chancen für eine US-Militär-Diktatur, eine irakische Militärjunta oder einen Bürgerkrieg stehen weit besser. Damit Frieden einkehrt, müssten die Vereinigten Staaten ihre Truppen für Jahre im Irak lassen und Milliarden ausgeben. Wie wahrscheinlich ist es, dass unsere Regierung das macht?

Wie die „Nation“-Leser wissen, beschwere ich mich häufig über das Magazin. Es ist nicht perfekt. Warum aber wählst Du Gore Vidal und Norman Mailer als Repräsentanten? (Eine Archivsuche hat übrigens ergeben, dass Mailer nie bei uns veröffentlich hat.) Warum erwähnst Du nicht die moderateren Schreiber? Du solltest vorsichtig sein, den Gedanken von Schuld durch falsche Gesellschaft zu propagieren. Du hast Dich selbst freimütig auf die Seite Bushs, Cheneys, Perles und Wolfowitz’ geschlagen. Das sind Deine neuen Freunde, Leute, die all das, was Du an Clinton kritisiert hast, unterstützen: Todesstrafe, Umweltverschmutzung, leistungsabhängige Sozialreform, Privatisierung des öffentlichen Raums. Ich glaube, ich bleibe genau da, wo ich jetzt bin.

Frieden, Katha

Übersetzt von Kerstin Kohlenberg

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