Zeitung Heute : Und nun schreibt jeder, wie er will

TISSY BRUNS

Der Bürger wohlgemerkt.Nicht der Beamte.Für die Staatsdiener in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin heißt die Vorschrift: vorerst alles im alten Guß.In anderen Amtsstuben gilt hingegen: Vor der Muße steht das Muss.Das ist Unfug, aber gerecht.

Sollen doch die Beamten, ob nun altdeutsch oder reformiert, zuerst nach festen Regeln schreiben.Denn den Anfang mit der Rechtschreibreform haben Fachbeamte gemacht, 1986 in Wien.Die DDR, damals noch mit am Tisch, ist inzwischen untergegangen.Die Schweizer und die Österreicher sind zufrieden, vielleicht auch einfach gleichgültig.Nicht so wir Deutschen! Nach den Kultusbeamten sind alle staatlichen und gesellschaftlichen Kräfte energisch auf den Plan getreten, ganz so, wie man es wünscht für eine Demokratie, an der doch alle partizipieren sollen.Zehn Jahre arbeiten die Kulturminister und ihre Staatssekretäre an der Reform.Die Erstklässler in zehn Bundesländern schreiben 1996 schon reformiert, da melden sich überpünktlich die Schriftsteller, erwartungsgemäß dagegen.Das Land kennt wieder rührige Eltern- und Lehrerverbände, die dafür sorgen, daß für die Schüler - obwohl das Gegenteil beabsichtigt ist - die Rechtschreib-Anarchie ausbricht.13:10 geht es vor den Verwaltungsgerichten für die Reform aus, 5:2 vor den Oberverwaltungsgerichten.Elf Lehrerinitiativen machen sich freiwillig Arbeit und finden 8000 Widersprüche in den neuen Wörterbüchern.Wieviele sie erst in den alten gefunden hätten! Am Ende begehrt vielerorts das Volk in Form von Unterschriftensammlungen auf, wenn auch vergeblich.In geschmeidigem Opportunismus maßt sich auch die Volksvertretung Bundestag ein folgenloses Wort gegen die Reform an.Die letzte Instanz der Deutschen für politisch Unerledigtes versagt.Denn nach dem Spruch aus Karlsruhe tritt die Reform zwar in Kraft, doch Deutschland schreibt nicht nach alten oder neuen, sondern nun nach allen Regeln der Kunst.Apropos: Die Künstler.Die haben weiteren Widerstand angekündigt.

Ein eindrucksvolles Stück Demokratie.Zeigt sich hier Emanzipation, ein Abrücken der Bürger von einem umständlichen und bürokratischen Staat, der alles und jedes regeln will? So kann es sehen, wer die Ergebnisse demokratischer Prozesse für zweitrangig hält.Ja, wir haben uns zu Recht aufgeregt über die Kultusbürokraten, die meinen, sie könnten einfach mit uns Rad fahren respektive radfahren.Herausgekommen ist allerdings nur, daß für alle Elternabende am Beginn des neuen Schuljahres ein Tagesordnungspunkt feststeht.Der Streit um die Rechtsschreibreform als das vollendete Beispiel für den politischen Stillstand in Deutschland.Ob Hochschulrahmengesetz, Steuern oder Renten, stets läuft es darauf hinaus, im Institutionen-Gefüge die wichtigen Fragen zu zerreden.

Doch was wir im Normalfall als umtriebiges Spiel der Politikerkaste kennen und verurteilen, haben diesmal einfach alle mitgemacht, Bürger und Politiker: Viel Lärm durch alle Instanzen, mit allen zur Verfügung stehenden Verfahren und in der heimlichen Gewißheit, daß schon nichts Folgenreiches herauskommen wird.Alle miteinander haben so den Beweis dafür geliefert, daß in einer Gesellschaft, in der staatliche Instanzen alles regeln sollen, am Ende gar nichts mehr geregelt wird.Nur tröstlich, daß sich die kollektive Lust an einer entscheidungsfreien Demokratie auf diesem Feld ausgetobt hat.Das heftige Bedürfnis von Kritikern und Befürwortern nach festen Regeln hat zu mehr Rechtschreib-Liberalität geführt.Die Schüler, die jetzt reformiert schreiben, werden sich mit ihren Fehlern noch lange auf die altdeutschen Schriftsteller berufen könen.

Kein Zufall, daß am endlosen Ende des Streits der Katzenjammer um sich greift.Ach, man sehnt sich nach Klarheit.Unangefochten hält der deutsche Kulturföderalismus die Spitzenstellung an Umständlichkeit und Entscheidungsschwäche - also wird hier das Bedürfnis nach einer energischen, ordnenden Hand ganz stark.Jetzt rufen die unabhängigen Geister der U- und E-Kultur nach einem Kulturstaatsminister.Sie haben ja ganz recht.Aber ein bißchen komisch ist es auch.

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